Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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draussen getan wird, mehr als bisher in den Gedankenkreis
der Kolonialpolitiker und Kolonialfreunde trete und die Unter-
stützung finde, die sie verdient, um so mehr, als die Fülle der
Kulturgüter, die unBer Vordringen den Kolonialvölkern bringt,
für sie ernste Gefahren in sieh sehliesst, denen vorzubeugen
unsere Pflicht ist. H. Palm er-Frankfurt a. M.

Kant, Immanuel, Kritik der reinen Vernunft. Neu heraus-
gegeben von Theodor Valentiner. Zehnte, um ein Sach-
register vermehrte Auflage. (Philos. Bibliothek. Band 37.)
Leipzig 1913, Felix Meiner (XI, 861 S. gr. 8). 4. 60.
Wer das Hauptwerk Kants und damit der deutschen Philo-
sophie auf seinem eigenen Bücherstande haben will, wird sich
in erster Linie immer entweder an den Kehrbachschen Text
in Reclams „Universalbibliothek" oder an die vorliegende Aus-
gabe der Leipziger „Philosophischen Bibliothek" zu halten
haben. Letztere Ausgabe erscheint — ein Beweis ihrer grossen
Verbreitung -r- soeben in zehnter Auflage. Die „Kritik der
reinen Vernunft" ist hier in der Textgestalt der zweiten Auflage
(1787) wiedergegeben; in Anmerkungen und Beilagen finden
sich die Varianten der ersten Auflage (1781) sowie die zahl-
reichen Emendationen der neueren Kantherausgeber (bis herab
zur Berliner Akademie-Ausgabe) verzeichnet. Eine recht wert-
volle Bereicherung gegen die früheren Auflagen dieser Kant-
ausgabe stellt das „Sachregister" dar, ein kleines Kantlexikon
von fast 100 Seiten, über dessen Exaktheit und Vollständigkeit
sich freilich erst nach längerem Gebrauche ein endgültiges
wissenschaftliches Urteil abgeben Hesse. Das Verfahren des
Verf.s, bei jedem Terminus die wichtigeren in Betracht kom-
menden Stellen in vollem Wortlaut anzuführen, verdient alle
Anerkennung; um sich allerdings durch diese Fülle von Stellen
hindurchzufinden, möchte der Leser wünschen, dass die ver-
schiedenen Bedeutungen jedes philosophischen Terminus ganz
ausdrücklich festgestellt und in systematischer Ordnung auf-
gezählt worden wären. (Dann würde sich die wörtliche An-
führung mancher Stellen, namentlich der allzulangen, auch wieder
erspart haben.) Dass freilich eine wirkliche Vollständigkeit doch
nicht erzielt worden ist, entnehme ich z. B. daraus, dass die
berühmte Stelle, Erkenntnis habe sich nicht nach den Gegen-
ständen, sondern die Gegenstände nach der Erkenntnis zu richten
(S. 28), weder unter „Erkenntnis" noch unter „Gegenstand" an-
geführt ist. Möchte eine weitere Auflage des übrigens gediegenen
Werkes hier für weitere Verbesserungen sorgen!

Wilhelm Metzger-Leipzig.

Schaff ganz, Hans, Nietzsches Gefühlslehre. Leipzig 1913,
Felix Meiner (VIII, 133 S. gr. 8). 3.50.
Man ist in den meisten Arbeiten über Nietzsche gewohnt,
dass von seiner Betonung des „Willens zur Macht" auf eine
Bevorzugung des WillenB bei ihm überhaupt geschlossen wird.
Schaffganz Bucht dagegen nachzuweisen, dass für Nietzsche in
allen drei Perioden seines Schaffens das Gefühl der letzte
Grund alles seelischen Lebens und der Wirklichkeit überhaupt
sei. Von grossem Wert ist, dass bei dieser Gelegenheit
Nietzsches ganze Psychologie einmal systematisch durchforscht
wird. Zum Schluss werden fünf EigentümHchkeiten fest-
gestellt: Relative Geringschätzung des Bewusstseins (Abhängig-
keit von E. v. Hartmann); Richtung auf aktive Seelenzustände;
Betonung des Emotionalen; Heranziehung von Physiologie und

Biologie (Abhängigkeit von Wundt und Horvicz, namentlich in
der zweiten Periode); Aufstellen allgemeiner WertbestimmungeD.
Die Piäponderanz des Gefühls wird einwandfrei nachgewiesen.
Dagegen erscheint mir der Versuch, den Willen zur Macht
hier ebenfalls unterzuordnen (8. 75ff.), misslungen; denn er
kommt schliesslich darauf hinaus, dass Nietzsche mit „Gefühl"
wie mit „Wille zur Macht" eine Wortbestimmung des Absoluten
versucht habe und dass daraus doch wohl ein enger Zusammen-
hang beider Begriffe notwendig gefolgert werden müsse. An-
gesichts dieses neuerdings mehrfach versuchten Bemühens, dem
grossen Philosophen nachträglich zur Konsequenz zu verhelfen,
erscheint doch die Erklärung der älteren Nietzsche-Interpreten
plausibler, die einen mehrfachen Bruch in Nietzsches Ent-
wickelung annahmen. — Die Untersuchung von Sohaffganz,
der Külpe seinen Lehrer nennt, zeichnet Bich durch klare
Durchführung der psychologischen Analyse, durch reiche
Quellennachweise und, was bei diesem Gegenstände hervor-
gehoben zu werden verdient, durch nüchterne Wissenschaft-
liehkeit aus. Lio. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Sodeur, Pfr. Dr. (Würaburg), Kierkegaard und Nietzsche. Ver-
such einer vergleichenden Würdigung. (Religionsgeschichtl.
Volksbücher V, 14.) Tübingen 1914, J. C. B. Mohr (Paul
Siebeck) (48 S. 8). 50 Pf.
Das ebenso nützliche wie zeitgemässe Unternehmen, zwei
Heroen der modernen Persönlichkeitskultur einander gegen-
überzustellen, hat Sodeur mit musterhafter Klarheit und unter
scharfer Beleuchtung des Charakteristischen durchgeführt Mit
beiden ein Stück ihres Weges sympathisierend arbeitet er ihre
Ideale der Lebensführung heraus: den „Einzelnen" und den
Uebermenschen. Er sucht dann Berührungspunkte und Gegen-
sätze in diesen Idealen auf. Da aber der Schlussabschnitt
beide Ideale gegeneinander abwägt, wobei die Entscheidung
zugunsten Kierkegaards fällt, so darf man das Ganze gewiss
auch als einen Versuch auffassen, unter Auseinandersetzung
mit beiden Denkern zu einem allgemeingültigen Ideal der
modernen Lebensführung überhaupt zu kommen. Wird dabei
Kierkegaards Weg empfohlen, so hätte vielleicht doch noch
mehr der theonome Charakter seiner Ethik betont werden
können. Sodeur sagt von der sittlichen Abhängigkeit, sie sei
im Sinne Kierkegaards „Gebundenheit in Gott", fügt dann
aber kommentierend hinzu: „d. h. aber nichts anderes als
völlige Uebereinstimmung mit dem im Menschen angelegten,
nunmehr wach gewordenen höchsten sittlichen Gedanken"
(S. 45). loh fürchte, Kierkegaard würde gegen eine solche
Interpretation seines Gettesglaubens nach Analogie der Kan-
tischen „Als ob"-Theorie auf das lebhafteste protestiert haben.
— Unter den Literaturangaben fehlt seltsamerweise Grütz-
machers Nietzsche. Lio. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Stekel, Dr. Wilhelm (Nervenarzt in Wien), Das liebe Ich.
Grundriss einer neuen Diätetik der Seele. Berlin 1913,
Otto Salle (XI, 227 S. gr. 8).
Wie der Titel, so hält sich auch die Besprechung einer
Reihe von psychologischen Problemen in Einzelaufsätzon (Essays)
an einen Durohschnittsmassstab, den man, vielleicht mit Unrecht,
als allzu oberflächlich empfindet. Gewiss iBt es nützlich, auch
einmal von solchem Standpunkt aus solche Fragen bearbeitet
zu sehen; sie fordern bald Zustimmung, bald Widerspruch
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