Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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nie zu verlieren. Quellen wie Lang, Kraussold, Löhe sind nur
mit Vorsicht zu benutzen; bei Lang und seinem Schüler Dorf-
müller muss oft die Fülle der Worte den Mangel an Tatsachen
bedecken (S. 158); gerade dadurch geben wir dem Gegner
Handhaben genug in die Hand.

Steinleins Referate sind objektiv wie immer, aber der bloss
referierende Charakter tritt heute stärker hervor als sonst. Das
mag diesmal ja gut begründet gewesen sein; aber wir wollen
nicht nur einen Chronisten. Gerade das nüchterne, gerechte
Urteil Steinleins dürfte am besten geeignet sein, diese Referate
nicht zu Annalen herabsinken zu lassen.

Schornbaum-Alfeld bei Hersbruck.

1. Schlunk, Martin (Missionsinspektor in Hamburg), Die
Schulen für Eingeborene in den deutsohen Schutz-
gebieten am 1. Juni 1911. Auf Grund einer statistischen
Erhebung der Zentralstelle des Hamburgischen Kolonial-
instituts dargestellt. (Abhandlungen des Hamburgischen
Kolonialinstituts. Band XVIII. Reihe A. Rechts- und Staats-
wissenschaften. Band 4.) Hamburg 1914, L. Friederichsen
& Co. (365 S. gr. 4). 12 Mk.

2. Derselbe, Das Schulwesen in den deutsohen Schutz-
gebieten. Ebd. 1914 (150 S. gr. 8). 3 Mk.

Die verdienstvollen bisherigen Darstellungen der Schularbeit
in unseren Kolonien von D. Paul, D. Mirbt, Dr. Chr. G. Barth
und Geh. Rat v. König litten trotz ihrer Gediegenheit doch an
unvermeidlichen Mängeln, da sie u.a. sämtlich auf unzureichendem
Quellenmaterial beruhten. Um einen vollständigen und allseitigen
Einblick in die gesamten Schulverhältnisse unserer Schutzgebiete
zu gewinnen, hat das Hamburgische Kolonialinstitut auf An-
regung des jetzigen Missionsdirektors Prof. D. Paul in Leipzig
zum erstenmal durch eine ausführliche Umfrage mittels Frage-
bogen den Stand des Schulwesens für einen Stichtag, den
1. Juni 1911, genau ermittelt, und Missionsinspektor M. Schlunk
hat sioh der Arbeit unterzogen, die eingegangenen 2258 Bogen
zu einem grossen und gediegenen, Quellenwert beanspruchenden
Nachschlagewerk zu verarbeiten. Es ist das oben unter Nr. 1
genannte Buch. Auf 365 Seiten in Grossquart hat er das weit-
schichtige Material zunächst nach den sieben Gebieten Togo,
Kamerun, Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Neu-Guinea
(Kaiser-Wilhelmsland und die übrigen deutschen Südseeinseln),
Samoa und Kiautschou geordnet. In jedem dieser Teile gibt
er unter A einen Ueberblick über die Elementar- und gehobenen
Schulen nach ihrem Bestand, den Lehrplänen für die ver-
schiedenen Arten von Schulen und Unterriohtszweigen, den
Schulbetrieb, die Baulichkeiten und die Beiträge zu den Kosten
der Schule, behandelt dann unter B die Lehranstalten für
praktische Arbeit und bespricht unter C in interessanter Dar-
stellung allgemeine Fragen, die ich, um einen Begriff von dem
reichen, bis in die kleinsten Dinge aufklärenden Inhalt zu
geben, im Wortlaut mitteilen muss, nämlich: 1. Wird die Schul-
bildung am Orte geschätzt, oder kostet es Mühe, Schüler zu
gewinnen? 2. Wie steht es um die Regelmässigkeit des Schul-
besuchs, und welche Mittel werden angewandt, einen solchen
zu erzielen? 3. Wieviel Prozent der Schüler halten durch-
schnittlich bis zum Ende des Sohulkursus aus? 4. Wie sind
die geistigen Fähigkeiten der Schüler verglichen mit gleich-
altrigen Kindern in Europa? Wie die der eingeborenen Mädchen
zu den Knaben? 5. Wie ist ihr Fleiss, Gehorsam und sitt-
liches Verhalten? 6. Welche Kenntnisse besitzen mittelmässige

Schüler beim Abgang nach vollendetem Kursus? 7. Wie be-
nutzen die Schüler ihre erworbenen Kenntnisse im späteren
Leben, und wie unterscheiden sie sich in ihrem Verhalten von
solchen Eingeborenen, die keine Schule besuchten? In allen
diesen Beziehungen teilt der Verf. die charakteristischsten
Aeusserungen der verschiedensten Antwortgeber im Wortlaut
mit. Und endlich folgt unter D eine vollständige bis ins einzelnste
gehende Statistik über die gesamten SchulverhältnisBe nach den
verschiedenen Schulleitungen (evangelische und katholische Mis-
sions- und Regierungsschulen). Vertieft man sich in den reichen
Inhalt dieses Monumentalwerkes und bedenkt man die Schwierig-
keiten bei der Verarbeitung des umfangreichen Materials, so
weiss man nicht, was man mehr bewundern soll, die Grösse
und den Umfang der auf dem Schulgebiet in der Stille ge-
leisteten Arbeit oder den Fleiss und das Geschick, mit dem
das übersichtliche, vollständig orientierende und stellenweise
fesselnde Bild dieser Arbeit von dem Verf. entworfen worden
ist, sowie die Sachlichkeit und Unparteilichkeit, mit der von
einem deutschen und evangelischen Missionsmann auch die Arbeit
anderer Nationalität, Konfession und der staatlichen Instanzen
dargestellt nnd gewürdigt wird.

Es ist begreiflich, dass sich bei der Abfassung dieses
immerhin nicht für die weiteren Kreise der Kolonial- und
Missionsfreunde berechneten Quellenwerkes das Bedürfnis ergab,
eine weniger umfangreiche Darstellung des Materials zu bieten,
welche sowohl als Einführung in das grössere Werk wie als
selbständige Monographie über den Gegenstand dienen kann.
Dies ist in dem oben unter Nr. 2 genannten Büchlein ge-
schehen. In ihm finden wir einen Ueberblick über die bis
1830 (Samoa) zurückreichende Geschichte des Schulwesens und
seine Bedeutung für die Volkschristianisierung, eine übersicht-
liche Darstellung seines gegenwärtigen Bestandes in den ver-
schiedenen Gebieten, eine anziehende Beschreibung des viel-
gestaltigen Schulbetriebs von der deutsch-chinesischen Hochschule
in Tsingtau bis herab auf die Sammlung von einem Dutzend
Knaben oder Mädchen unter einem afrikanischen Schattenbaum,
eine Besprechung des Erfolges der Schularbeit und sodann in
weiteren vier Abschnitten eine Behandlung grundsätzlicher
Fragen vom Standpunkt des Verf.s, in welcher er sich über
die Sprachenfrage, die Arbeitserziehung, die Stellung der Mis-
sionsschulen im Organismus der Schutzgebiete und die Grund-
züge einer gesunden Schulpolitik ausläset. In der Sprachen-
frage teilen wir seinen Standpunkt, nach welchem er für die
Elementar- und Volksschulen im Interesse der Pflege eines ge-
sunden Patriotismus den Unterricht in der deutschen Sprache
ablehnt, da Gesinnung und Sprachverständnis sehr verschiedene
Dinge sind, die Gesinnung aber am stärksten in der Volks-
sprache beeinflusst wird. Beachtenswert erscheint, was der
Verf. über die Aenderung der gegenwärtigen Prüfungspraxis
zum Zweck der Erlangung des Regiernngsbeitrags für die
Schulen und über die Möglichkeit der Förderung des Schul-
wesens durch die Regierung mittels des bedingten Schulzwangs,
wie er in Kamerun eingeführt ist, sagt. Dass er die Erteilung
von Religionsunterricht in den Regierungsschulen fordert, wird
bei denen, welche wissen, dass die religionslosen Regierungs-
schulen oft Pflanzschulen des Islams sind, lebhafte Zustimmung
finden, wohingegen seine Anregung einer staatlichen Ueber-
wachung des gesamten, auch des Missionsschulwesens und des
Religionsunterrichts doch sehr der Erwägung bedarf.

Die beiden verdienstvollen Werke Bind wohl geeignet, dazu
zu helfen, dass, wie der Verf. es wünscht, die Schularbeit, die
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