Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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ohne weiteres auf das sexuelle Gebiet (S. 204), ähnlieb, wie
die „Papisten" nach Luthers Aeusserung (Erl. Ausg. 60, 113 f.;
119 f.) die Anfechtung des Apostels Paulus 2 Kor. 12,7 als
„Anfechtung . . . fleischlicher Unzucht" auffassten. In Wirk-
lichkeit zeigen sowohl die weiteren Detaillierungen Luthers an

jener Stelle („ferveo____libidine, pigritia, otio, somnolentia")

wie vor allem sein sonstiger Sprachgebrauch (so schon in den
Dictata super Psalter. 1613ff. z. B. „. .. caro ad iram, luxuriam,
gulam, superbiam Bemper movet" Wehn. 4, 395 oder 3, 574;
wie auch in den Adnotat. Quincnpli Psalterio adscript., 1513 ff.,
Weim. 4, 469 oben), dass er den Begriff „Fleisch" in dem be-
kannten viel weiteren biblischen, besonders paulinischen Sinne
meint. Besonders bezeichnend ist, wie Baranowski trotz der aus
seinen eigenen Angaben ersichtlichen Ratlosigkeit der katholischen
Exegeten gegenüber den Worten Jesu Matth. 5, 32 und 19, 9
(Scheidung im Falle der ropvaio) dennoch Luthers auf Jesu Aus-
spruch gegründete Anschauung missbilligt, weil dieselbe eben
nicht mit der katholischen Lehre stimmt (S. 117, 131). Auch
andere Erscheinungen hängen wohl damit zusammen, dass der
Verf. sich offenbar durch seinen Standpunkt gehemmt sieht, dem
von der katholischen Kirche Abgefallenen ein uneingeschränktes
Lob zn erteilen. Er spricht es z. B. selber aus, dass Luther
in den Ehefragen das Gewissen über das Recht stellte (S. 154),
dass er in den katholischen Ehehindernissen „eine Verwirrung
der Gewissen" (S. 115) und in dem Zölibat „eine Gewissens-
not" (S. 40) sah. Gleichwohl sucht er den Eindruck zu er-
wecken, dass Luthers Kampf gegen erstere wie gegen letzteren
in der Hauptsache nicht aus ethischem, sondern aus polemischem
Interesse erwachsen sei (S. 115; 53; 209). Einmal streift er
sogar sehr stark an die Art der hässlichen Lutherpolemik,
wenn er den Umstand, dass Luther im Februar 1546 in Eis-
leben einige warnende Exempel von Gottes Strafgericht über
den Ehebruch mitteilt (Erl. Ausg. 61, 284 ff.), zu den anzüg-
lichen Bemerkungen benützt: Luther „erzählt noch kurz vor
seinem Tod in behaglicher Breite mancherlei Historien von ge-
straften Ehebrüchen; aber vergeblich suchen wir bei ihm nach
einem erhebenden Worte, das dem edlen Streben keuscher
Seelen gerecht würde" (S. 49).

Um so bedeutsamer ist es, wenn Baranowski zugibt, dass
Luthers Schriften „im allgemeinen wenigstens von sinnlicher
Lüsternheit sich fern halten" (S. 70, Anm. 5); wenn er ein-
räumt, „dass Luthers Familienleben im ganzen den Eindruck
behaglichen Glückes und gegenseitiger Zuneigung macht" (S.203),
oder wenn er in den „Ergebnissen" neben dem, was er an
Luthers Stellung auszusetzen hat, doch auch dessen gemütvolle,
ja begeisterte Schilderung des Ehestandes und des christlichen
Familienlebens anerkennt (S. 209).

Jedenfalls ist das Buch jedem, der Bich über die hier in
Betracht kommenden Fragen und Kontroversen orientieren will,
zu empfehlen.

An Druckfehlern bzw. Versehen ist folgendes zu
notieren: S. 50, Anm. 3 soll es „Enders" heissen st. „Ebd.";
S. 182, Anm. 4 stimmt die Stellenangabe nicht. Der S. 189
zitierte Brief stammt auch nach de Wette nicht vom 28.,
sondern vom 25. Dezember. Enders-Kawerau 15, 47 datiert
ihn auf den 26. Dezember. S. 117 fehlt das i in „Christi",
S. 142 das r in „wird", S. 174 das u in „Hauptzwecke"; S. 136
ist in „viehlmehr" ein h zu streichen.

D. Steinlein-Ansbach.

Jahrbuch für die evangelisch-lutherische Landeskirche
Bayerns. Herausgeg. von Siegfried Kadner (Pfarrer).
14. Jahrgang. 1914. München, P.Müller (IV, 298 S. gr. 8).

Das Jahrbuch ist aktuell. Es sei zunächst abgesehen von
den referierenden Arbeiten Steinleins: „Die Ergebnisse einer
Umfrage über die Nürnberger kirchlich-religiösen Verhältnisse
und Kämpfe" und „kirchliche Rundschau", abgesehen auch von
den beiden kurzen orientierenden Artikeln Bachmanns über
„den Bnnd der Bekenntnisfreunde" und Fikenschers über „die
evangelisch-kirchliche Vereinigung"; es sei vielmehr hingewiesen
auf die mehr prinzipiellen Artikel von Weber: „Das Apostolikum
als Bekenntnis der Gemeinde der Gegenwart", Lauerer: „Die
Geschichtlichkeit Jesu Christi", Breit: „Religion und Mensch",
Dr. Geyer: „Egoistische Frömmigkeit". Es sind überall Fragen
angeschnitten, die heutzutage brennende sind; die „Religion"
steht heutzutage wie noch nie vielleicht im Mittelpunkt alles
Interesses. Darum liest man auch gern die Ausführungen von
Hans v. Wolzogen über „Richard Wagner als religiöser Künstler".
Aktuelle Fragen sind anch die Missionsfragen. Darum hat der
Herausgeber in zwei Artikeln sie zu Worte kommen lassen.
Jordan handelt über „die Mission und unser öffentliches Leben",
nnd Langenfass führt uns hinein in den Erdteil, wo jetzt die
Mission vor allem Aufgaben zugewiesen bekommen hat, mit
dem Beitrag: „Afrika, der mohammedanische Kontinent der Zu-
kunft". Aber wenn auch aktuell, so doch nicht mehr so konzinn
wie seine Vorgänger. Kadner hat mit vollem Bedacht alle Rich-
tungen der Landeskirche zu Worte kommen lassen, obwohl
er selbst nicht für eine schrankenlose Freiheit ist, wie die an-
ziehenden Ausführungen über „Latitudinarismus" beweisen;
aber dass es an innerer Geschlossenheit fehlt, dieses Eindruckes
kann sich der Rez. nicht erwehren. Man stelle nur die beiden
Artikel von Weber und Breit nebeneinander — der Kontrast
kommt doch stark zur Geltung. Gerade in dem tiefgrabenden,
durch die scharfen Pointierungen immer zum Nachdenken
zwingenden Vortrag des letzteren über „Religion und
Mensch" kommt einem zum BewuBstsein, dass damit noch lange
nicht das Thema ausgeschöpft ist, dass vielmehr die tiefsten
Tiefen, die hineinführen in Schuld und Sünde, erst erschlossen
werden mÜBsen. Darin liegt das Wahrheits- und Kraftmoment
der Frömmigkeit, der „dunkelsten, massivsten, unpersönlichsten
Frömmigkeit der Bauern der russischen Steppe". Und eben
dasselbe tritt bei Wolzogen entgegen. Religion ist denn doch
mehr, als hier unter Religion verstanden wird. Aus der ein-
fachen biblischen Skizze über das Buch lliob ist mir mehr die
Kraft der Religion entgegengetreten.

Kurz nur können berührt werden der Bericht Ulmers über
„die Ausgrabungen im heiligen Lande" — Ulmer war als erster
bayerischer Pfarrer Mitglied des archäologischen Instituts in
Jerusalem — und der Vortrag von CaBpari über „die Pädagogik
unserer klassischen Dichter". Geschichtlicher Artikel finden wir
drei. Konsistorialrat Dr. th. Chr. Hch. Sixt (f 1866) hat einen
warmen Biographen in einem Grossneffen gefunden; eine spätere
Zeit wird allerdings noch manchen Baustein liefern müssen, um
sein Wirken in der Landeskirche ganz klar zu legen; der beste
Kenner der „Salzburger" in Bayern, Pfr. Clausa, gibt interessante
Einführungen in die diesbezügliche Literatur, an denen auch
die Wissenschaft nicht vorübergehen kann. W. Flessa-Kulmbach
bietet Beiträge zur brandenburgischen Reformationsgesohichte.
Ich freue mich, dass ein Laie mit solchem tiefen Interesse diese
Zeit verfolgt; aber vielleicht darf die Mahnung ausgesprochen
werden, doch ja den gesicherten Boden der historischen Forschung
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