Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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war, so hatte er nichtsdestoweniger tiefe Glaubensüberzengurigen
(des croyances profondes) und eine aufrichtige Frömmigkeit"
(S. 212). An dem Jonaswunder habe er keinen Augenblick
gezweifelt. Bei der Erklärung des Alten Testaments habe er
in übergrossem Eifer gegen die Allegoristen oftmals zu weit
gegriffen, wenn er beim wörtlichen Sinne stehen blieb. Aber
einige messianisehe Weissagungen habe er doch direkt auf
Christum bezogen, und seine Anschauung vom typischen Sinne
setze im Alten Testament durchgehende eine wirkliche Prophetie
voraus. „Hätte", so schrieest Pirot sein Buch S. 325, „Theodor
mit seiner ausgebreiteten Kenntnis der H. Schrift, mit seinem
trefflichen Verstände die dogmatische Geschlossenheit und die
kindliche Ehrfurcht seines Freundes Chrysostomus vor der
Tradition verbunden, so würde er ohne Zweifel eine Zierde der
griechischen Kirche im 5. Jahrhundert sein. Aus seinem Leben,
seinen Arbeiten, seiner Verurteilung lassen sich Lehren ableiten.
Mögen wir es verstehen, daraus Nutzen zu ziehen!"

G. Wohlenberg-Erlangen.

Menke-Glückert, Dr. Emil (Privatdoz. an d. Univ. Leipzig),
Die Geschiohtschreibung der Reformation und Gegen-
reformation. Bodin und die Begründung der Geschichts-
methodologie durch Bartholomäus Keckermann. Leipzig
1912, J. C. Hinrichs (VIII, 152 S. gr. 8). 4. 50.
Ein hochinteressantes Buch, aus dem man viel lernen kann,
und das das Verlangen erweckt nach dem in Aussicht gestellten
grösseren Werk des Verf.s über die Entwickelung der Historio-
graphie vom 15. Jahrhundert an bis zur Gegenwart. Aber das
Buch hätte unter einem anderen Titel erscheinen sollen. Der
Verf. selbst hat derartiges ausgesprochen, wenn er im Eingang
seiner Vorrede sagt, der Titel der Schrift verspräche mehr, als
ihr Inhalt erfülle. Das mag, auf den Haupttitel gesehen,
richtig sein; der Untertitel des Buches verspricht aber weniger,
als der Inhalt bietet. Mit Bodin und Keckermann sind die
Spezialuntersuchungen der Schrift und ist daB Neue, was sie
bringt, nicht zum Ausdruck gebracht. Das Buch leidet unter
seiner Bestimmung, dass es dem genannten grösseren Werk den
Boden bereiten und seinen Stoff entlasten soll. So behält der
Verf. das letzte, das er sagen will, noch zurück, und dieser
Eindruck des Unabgeschlossenen tritt dem Leser aus dem Buche
entgegen. Es wäre deshalb besser gewesen, die Bestimmung
des Buches nicht nur in der Vorrede, sondern auch im Titel
zum Ausdruck zu bringen. Weshalb nicht: „Zur Geschicht-
schreibung des 16. Jahrhunderts: Melanchthon, Sleidanus, Bodin,
Keckermann"? — So wären die Männer genannt, denen haupt-
sächlich die Untersuchung gilt, und deren Anteil an der Ge-
schichtschreibung teils ganz neu herausgestellt oder doch in ein
neues Licht gerückt wird. Am wenigsten Neues wird wohl
über Sleidanus gesagt; was wir über ihn erfahren, beruht auf
den Forschungen Baumgartens. Dagegen wird Melanchthons
Bedeutung für die Historiographie, die wir bisher mehr ahnten
als kannten, sein hervorragender Anteil vor allem an der unter
Johann Gurions Namen gehenden Chronik, ja, besser gesagt,
seine Verfasserschaft dieses Buches, die den Zeitgenossen, wie
Menke Giückert zeigt, übrigens anoh nicht verborgen gewesen
ist, in ein helles Licht gerückt; gerade unter uns Theologen
werden diese Ausführungen des Buches, die durch den Anhang
(1. Joh. Canons Leben und Schriften; 2. Zur Quelleuanalyse
der Carionschen Chronik) noch vervollständigt werden, manchem
am wertvollsten sein. Jean Bodin und Bartholomäus Keckermann

sind die Bahnbrecher der im 17. und 18. Jahrhundert sich
dann allmählich durchsetzenden neuen Geschichtsmethodologie.
Bodin hat im Jahre 1905 durch S. E. Renz schon eine Würdigung
in dieser seiner Bedeutung erfahren; Keckermanns Bedeutung
für die Geschichtsauffassung hat Menke-Glückert erst entdeckt.
Aber auch Bodin hat er in ein neues Licht gerückt, indem er
zeigt, wie der Jurist auch in seiner Geschichtsauffassung durch
juristische Gesichtspunkte sich bestimmen lässt und gerade da-
durch zu einer logisch haltbaren Dsfinition der Geschiohte
hinüberführt. Bei Keckermann sieht der Verf. diese erreicht;
er definiert die Geschichte als die Darstellung des Individuellen.
Aber offene Fragen weisen in die Zukunft. Bevor der Herr
Verf. sie weiter forschend beantwortet, will er zunächst in
einer Monographie über die Geschichtsehreibung in Italien im
15. Jahrhundert noch weiter zurückgreifend andere Vorfragen
erledigen. Möge ihm dann zuletzt zum Hauptwerke rechte
Frische und Freudigkeit beschieden sein, das interessante und
bedeutsame Gebiet einheitlich und vom Stande heutiger
Forschung aus abschliessend zu bearbeiten. Wir hoffen noch
viel von ihm zu lernen. Ferdinand Cohrs-Ilfeld a. Harz.

Baranowski, Dr. theol. Siegemund (Religionslehrer), Luthers
Lehre von der Ehe. Münster i. W. 1913, II. Schöningh
(210 S. gr. 8). 4 Mk.
Bei der Behandlung der Lehre Luthers von der Ehe liegt
die Gefahr sehr nahe, dass einzelne Aussprüche Luthers heraus-
gegriffen und zu einem recht einseitigen Bild verwendet werden.
Man denke nur daran, wie der bekannte Pädagoge F. W. Förster
auf Grund eines allerdings ganz ungenau gebrachten Zitates
den Reformator „ganz konsequent" zur Zulassung des Ehebruchs
für manche Fälle „geführt" worden sein lässt (Sexualethik und
Sexualpädagogik" 2. Aufl., S. 163)! Der Verf. obiger Mono-
graphie betont gleich in der Einleitung seine Absicht, unter
Kombinierung der historisch-chronologischen mit der sachlichen
Methode, eine möglichst allseitige Darstellung zu geben. Aus
der Aufzählung auf S. 4—10 sowie aus den weiteren Aus-
führungen sieht man, dass er dem einschlägigen Material aus
Luthers Schriften, Briefen, Predigten uad Tischreden sorgfältig
nachgegangen ist; nur das Fragment von Luthers Schrift
„Wider die Bigamie" vom Jahre 1542 (Erlanger Ausg. 65,
206 ff.; Walch 21, 1577 ff.) ist, wenn ich recht sehe, selbst
in dem Spezialkapitel über Luthers Stellung zur Polygamie
(162 ff.) gar nicht angezogen worden. Bei der Besprechung
von Luthers Ansichten wird wohl kaum ein wichtiges Moment
übergangen. Aber bei der Verwertung und Beurteilung wird
meines Eraehtens der Verf. durch seinen streng katholischen
Standpunkt nach verschiedenen Seiten hin immer wieder in der
nötigen Unbefangenheit recht gestört. Er sieht überall da,
wo Luther von der römisch-katholischen Tradition und Lehre
abweicht, von vornherein Mangel und Unrecht (z. B. S. 47, 72,
100, 115, 134, 139, 177, 183, 191, 205, 209). Man merkt,
dass bei ihm die biblischen Gedanken hinter der katholischen
Anschauung stark zurücktreten oder ihm nur in katholischer
Ausprägung vor Augen stehen. So bezieht er die Worte, die
Luther am 13. Juli 1521, als sein ganzes körperliches und
seelisches Befinden durch unerträgliche Verdauuugsbeschwerden
stark niedergedrückt war, von der Wartburg aus in offensicht-
licher Selbstverkleinerung an seinen vertrauten Freund Melanch-
thon, der ihn „allzu sehr erhoben" hatte, schrieb („..•• carnia
meae indomitae uror magnis ignibus . . .". Endeis 3, 189),
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