Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Stiegele, Dr. Paul, Der Agennesiebegriflf in der griechi-
schen Theologie des vierten Jahrhunderts. Ein Bei-
trag zur Geschichte der triuitarischen Terminologie. (Frei-
burger Theologische Studien, 12. Heft.) Freiburg i. Br.
1913, Herder (XIV, 144 S. gr. 8). 3 Mk.
Vor schon fast einem halben Jahrhundert hat Zahn (Marcellus
"von Ancyra S. 104) darauf hingewiesen, dass selbst den Führern
in dem arianischen Streit vielfach das Gefühl fehlte für den
Unterschied von dYevuTo? und aYevvirjToc,, ungeachtet der wich-
tigen Rolle des Begriffs Agennesie in jenem Streit. So kommt
die Untersuchung Stiegeies, angeregt von Pfeilschifter, einem
Bedürfnis entgegen. Stiegele geht auB von einer Uebersicht
über den vorchristlichen Sprachgebrauch und den im christlichen
Schrifttum bis 300. Da bedeutet <xyevv7]to; ganz wie oVrivrixo«
in der Regel „ungeworden"; die Bedeutung von „ungezeugt"
in der gnostischen Aeonenlehre wirkte auf die dogmengeschicht-
liohe Entwickelung des Begriffs nicht ein. Bei Origenes kenn-
zeichnet dYevvTjTo; den Vater als den, der keinen guxioc hat.
Für die Schule Lucians ist der Sohn weil „gezeugt" nicht an-
fangslos und ewig. Wegen seiner Ablehnung der ewigen
„Zeugung" beurteilt Stiegele auch Marcell von Ancyra als
Schüler Lucians. Bei Athanasius ist ÖYevT|Xo; im Sinn von
„ungezeugt" nur der Vater, im Sinn von „ungeworden" auch
der Sohn. Für die Jungarianer Aerius und Eunomins ist
cqevvTnTo; Wesensbegriff für den Vater, Yevvrjxo; für den Sohn,
daher beide wesensunterschieden. Besonders die dreiKappadocier
und Didymus traten dem entgegen; Epiphanius aber unter-
scheidet als erster ^ewuto'; und isvrpoi in dem Sinn, dass die
Schreibweise den Unterschied von „ungeworden" und „ungezeugt"
zum Ausdruck bringt. Aber erst Nestorius redet direkt von dem
Unterschied zwischen der Schreibart mit einem und mit zwei v.
Die pseudoathanasianischen Dialoge De trinitate zeigen auch
durch ihre terminologischen Untersuchungen über äYevvTjXos,
dass sie erst dem 5. Jahrhundert angehören (vgl. über Bie jetzt
Loofs, Sitzungsber. d. Berl. Akad. 1914, S. 545 ff.). — Die
Arbeit Stiegeies ist sorgfältig und darum belehrend, ist er auch
noch nicht voll seines Stoffes Meister geworden. Wie wichtig
die Untersuchung der Geschichte solcher Begriffe ist, zeigt sich
aufs neue. Bonwetsch-Göttingen.

Pirot, Louis (Docteur in ecriture sainte, Professeur au grand
Seminaire de Bourges), L'oeuvre exegetique de Theo-
dore de Mopsueste 350—428 apres J.-C. Cum appro-
batione Superiorum. (Aus: Scripta Pontifioii InstitutiBiblici.)
Romae 1913. Sumptibus Pontif. Inst. Bibl. (XX, 334 S.
Lex.-8).

Eine Monographie über Theodor v. Mopsuestia als Exegeten
(diese Beschränkung wolle der Leser durchweg im Auge haben!)
zu verfassen, konnte, obwohl wir in dem Kihnschen Werke
„Theodor von Mopsuestia und Junilius Africanus als Exegeten"
1880 ein in seiner Weise unübertroffenes Werk besitzen, doch
als eine lohnende Aufgabe erscheinen^ schon darum, weil seitdem
nicht wenig neues Material beschafft worden ist. Ich erinnere
nur an Swetes Ausgabe der lateinischen Uebersetzung der
Theodorschen Auslegung zu den kleinen paulinischen Briefen,
an so manche aus den Catenen geschöpfte Stücke, an die in
Mercatis Studi e Testi XI 1903 veröffentlichten Fragmente von
Theodors Psalmenkommentar. Der Verf. hat seiner Arbeit eine
umfangreiche „Bibliographie" vorausgeschickt. Ich vermisse
hier Dobsohütz' Studie in The Americ. Journ. of Theol. 2,

1898,353ff., auch Walter Bauer, Der Apostolos der Syrer 1903,
vor allem aber Th. Zahn, Das N. T. Theodors v. Mops, in
der NKZ. 1900, 788 ff.; vgl. dessen Grundriss der Gesch. des
NTK.2, S. 49. Hätte Pirot Zahns Auseinandersetzungen ge-
kannt, so zweifle ich, ob er noch das bekannte Zeugnis des
Leontius abgeschwächt und behauptet hätte, dass Theodor von
Mopsuestia von den katholischen Briefen nur den Jakobus- und
die kleineren katholischen Briefe (2 Petr., 2 u. 3 Job.., Jud.)
verworfen hätte, wie freilich auch Kihn meint (a. a. 0. S. 66),
und nicht vielmehr alle.

Pirots Werk zerfällt nach einer Einleitung, in welcher er
sich ausführlich über die exegetische Schule von Antiochien
verbreitet und auch auf die Bibelauslegung in den ersten
christlichen Jahrhunderten sowie naturgemäss auf die vorchrist-
liche, namentlich die Philonische allegorische Interpretations-
methode zu sprechen kommt, in neun Kapitel: 1. das Leben
Theodors; 2. seine exegetischen Schriften; 3. die wissenschaft-
liche Ausrüstung für die Exegese bei Theodor; sein biblischer
Text; 4. sein Bibelkanon; 5. seine Inspirationslehre; 6. der
wörtliche und der typische Sinn der H. Schrift; hermeneutische
Regeln; 7. die messianischen Weissagungen und ihre Erklärung
durch Theodor; 8. die hauptsächlichsten exegetischen Meinungen
Theodors über das Alte und das Neue Testament; 9. der
Kampf gegen Theodor; seine Verurteilung auf dem fünften
ökumenischen Konzil. Dankenswert sind die drei Appendices,
besonders das erste: 1. Verzeichnis exegetischer, noch nicht
veröffentlichter Fragmente Theodors, S. 92—94 (bes. Catenen);
2. Der Kanon des Junilius nach den Instituta Regularia Divinae
legis (S. 154—156); 3. Charakteristische Beispiele der An-
wendung der historisch-grammatischen Methode bei Theodor
(S. 214—233).

Der Verf. hat uns, das darf man fast uneingeschränkt
sagen, mit einem vorzüglich orientierenden, durch Umsicht und
Besonnenheit des Urteils ausgezeichneten, in flüssiger und
fesselnder Sprache geschriebenen Buche beschenkt. Vor allem
ist zu loben, dass er gemäss dem alten Grundsatz exempla
docent eine Fülle von instruktiven Beispielen und zwar in
glücklichster, übersichtlichster Anordnung und in Uebersetzung
geboten hat, um die jeweiligen Behauptungen und Erörterungen
zu illustrieren und zu begründen. Vgl. z. B., abgesehen von
dem eben erwähnten Appendix 3, S. 112 ff.: Text der LXX
nach dem cod. Vatic. und nach Theodor (Komm, zu d. kl. Proph.,
Maleachi; Luzianische Rezension); S. 184 ff.: Gegenüberstellung
von Auslegungen prophetischer Stellen bei Theodor einerseits
und bei Cyrill v. Alex, andererseits: dort rein historische, hier
ausserdem allegorische Auslegung; S. 238 ff.: die im eigent-
lichen Sinn messianischen Psalmen nach Theodor (Ps. 2. 8. 44
[LXX]. 109); S. 247 ff.: die typisch-messianischen Psalmen
(15. 54. 88); S. 251 ff.: die nur in übertragenem Sinn (gemäss
„Akkommodation") messianisch verwerteten oder zu verwertenden
Psalmen (21. 67. 68. 71). Aehnliche Unterscheidungen und Bei-
spiele dann bei den prophetischen Weissagungen.

Pirot muss sich naturgemäss mit dem über Theodors Irr-
lehren, besonders soweit sie exegetischer Art sind, und seine
Person verhängten Verdikt des fünften Konzils (553), womit
bekanntlich der römische Papst Vigilius anfangs nichts zu tun
haben wollte, abfinden (S. 323 f.). Er bemüht sich aber, dem
grossen Exegeten gerecht zu werden. Ein Rationalist im
modernen Sinne des Wortes sei Theodor nicht gewesen. „Er
hat an die Göttlichkeit der Offenbarung geglaubt, und wenn
sein christologisoher Glaube nicht gegen jedeu Irrtum gesichert
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