Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Eine sehr erfreuliche Bereicherung der neuen Auflage hat
Guthe dadurch herbeigeführt, dass er ihr, wozu er ja wie kaum
einer qualifiziert war, vier Karten von Palästina und fünf Ab-
bildungen (des Stadtplanes von Jerusalem und der nachexilischen
judäischen Provinz bzw. Gemeinde) beigegeben hat Zu ersteren
hätte man im Interesse des Unterrichts gern noch eine Karte
über den Wohnsitz der Stämme Israels hinzugefügt gesehen.
Dnroh letztere hat er das Interesse für die Probleme und das
Verständnis derselben mehr gefördert als durch einen ganzen
Bogen beschreibenden Textes.

Zum Schluss möchte ich auf einen speziellen Punkt der
Gntheschen Darstellung die Aufmerksamkeit hinlenken, der mir
mehr Beachtung zn verdienen scheint, als man ihm bis jetzt
geschenkt hat. S. 30 führt er den auch von Steuernagel ver-
tretenen Gedanken ans, dass Mose von Hause aus zu dem Stamme
Joseph gehört habe und erst später von den Leviten zu einem
der ihrigen erklärt sei. Seine Hauptargumente sind des Mose
enge Beziehung zn dem ephraimitischen Heiligtum der Lade und
zn dem Ephraimiten Josna. Ich glaube, es lohnt sich, dieser
Anregung weiter nachzugehen, und möchte meinerseits hier nur
die Frage auf werfen: Wird nicht in dem Mosesegen Deut. .33,
8 ff., in dem Mose als der Stammvater Levis gefeiert wird, aus-
drücklich davon gesungen, dass er aus dem Stamme, dem er
von Geburt angehörte, ausgetreten sei nnd eben dadurch einen
Priesterstamm Levi begründet habe?

„Der von seinem Vater und seiner Mutter sagte: ich
habe sie nicht gesehn,

Und der seine Brüder nicht ansah,

Und seine Söhne nicht kannte." Sellin-Kiel.

Eostron, S. Nowell, The Christology of St. Paul. London
1912, Robert Scott (XV, 249 S. gr. 8). 5 sh.
Das Buch gehört zu einer Serie, welche nnter dem all-
gemeinen Titel „Library of Historie Theology" von W. C. Piercy
herausgegeben wird. Inhalt und Tendenz des Ganzen kommen
gut zum Ausdruck am Ende des vorletzten Kapitels (S. 192 ff.).
Dort schreibt Rostron unter dem Titel „Der Christus des Paulus
und der Christus des Dogmas": „Was also auch unsere Ansicht
über die „Kenosis" sein möge, so können wir uns wenigstens
denen anschliessen, welche die Bekenntnisse der allgemeinen
Konzilien des 4. nnd ö. Jahrhunderts verfassten, nnd den un-
veränderlichen Lehren der vollkommenen Gottheit und voll-
kommenen Menschheit Jesn Christi, denen sie Ausdruck gaben,
unsere vorbehaltlose Zustimmung geben. Dass sie in der Dar-
stellung und Formulierung des Glaubens über Paulus hinaus-
gehen, ist offensichtlich. Dass Paulus ebenso wahrhaft wie sie
die reale, vollkommene, sündlose Menschheit seines Herrn und
zugleich dessen gänzliche Gleichheit und wesenhafte Ueberein-
stimmnng des Wesens (sie!) mit dem Vater lehrte, ist die feste
Ueberzeugung des Verfassers." Und weiter: „. . . Seine (des
Paulus) Erfahrungen waren tieferer Art, und er hatte einen
schärferen Blick als irgend einer seiner Zeitgenossen, aus-
genommen vielleicht Johannes, nnd sicherlich als irgend ein
anderer seitheriger Führer des christlichen Denkens. Auch heut-
zutage, trotz dem angesammelten Reichtum an christlicher Ueber-
lieferung und dem jahrhundertelangen Forschen nach dem Lichte
wenden wir uns zu ihm mit dem Rufe: uMeister, zeige uns
Christum!" und als Antwort weist er uns auf den Messias als
den Mann der Schmerzen, welcher am Kreuz die Sünden der
Welt trägt, auf einen Christus, dessen kosmisohe nnd sotorio-

logische Wirkungen sich auf das Ali erstrecken; er verkündet
das Evangelium der Lösung der letzten Fragen des Lebens und
macht uns mit der himmlischen Erscheinung bekannt, welcher
er gehorsam ward, einer Erscheinung, welche, wie er lehrt, jeder
Christenseele aufgehen und immer heller, bis zum völligen Tage,
leuchten soll."

In diesen Sätzen tritt der Charakter des Buches hervor,
welches, wie viele in der englischen theologischen Literatur, be-
stimmt ist, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit in einer
für Laien bestimmten nnd berechneten Gestalt darzubieten und
dadurch neben der Erkenntnis auch der Erbauung zn dienen.
Hierbei sind allerdings sehr weitgehende Kenntnisse nnd Interessen
vorausgesetzt, wie sie ausserhalb Englands für solche Fragen
kaum zu finden wären. — Der Gegenstand wird in neun Vor-
trägen behandelt, von denen die zwei ersten einen kurzen Ueber-
blick über die Fragen „Panlinismns und Christentum" und
„religiöse und theologische Entwickelung des Paulas" geben.
Jüdische, hellenistische und römische Einflüsse werden hier sehr
kurz berührt; die Anschauungen von Sabatier und Pf leiderer
über die Lehrentwickelnng bei Paulas abgelehnt. Dann folgt
in sieben Kapiteln die eigentliche Darstellung unter den Titeln:
„Jesus als Messias", „Jesus Christus als der zweite Adam",
„Christus als der Erlöser", „Christus als der Ewige", „Christus
als der Immanente", „Christus als der Transzendente", „Christus
als vollkommener Gott und vollkommener Mensch". Den Schluss
bildet ein Kapitel, welches „neuere christologische Anschauungen"
(von Hegel bis Schweitzer) kurz aneinanderreiht nnd kritisiert. —
Der Verf. erklärt offen, dass er nicht nach Originalität gestrebt
habe: die Hauptkapitel bestehen wesentlich aus ziemlich lose
aneinandergereihten locis classicis aus den paulinisehen Briefen,
welche meist durch kürzere oder längere Zitate ans der neueren
exegetischen und systematischen Literatur, deutscher und fran-
zösischer sowohl als englischer, erläutert sind; hierbei werden
auch abweichende und entgegengesetzte Ansichten dargelegt. —
S. 193 wird Novatians Schrift de trinitate als Werk Tertullians
zitiert. Th. Iselin-Basel.

v. Keppler, Dr. Paul Wilh. (Bisch, v. Rottenburg), Unseres
Herrn Trost. Erklärung d. Abschiedsreden u. d. Hohen-
priesterlichen Gebets (Jo. Kap. 14—17). 2. u. 3., neu
durchgesehene u. vermehrte Aufl., bearbeitet v. Dr. Simon
Weber (o. Prof. d. neutest. Lit. a. d. Univ. Freibnrg i. B.).
Freiburg 1914, Herder (VII, 430 S. gr. 8). 5.80.
Wissenschaftlichen und praktischen Interessen zugleich will
das Buch dienen. Die praktischen sind die herrschenden. Die
Aufgabe der Exegese wird als eine praktische, nicht als eine
historische gefasst. Die wissenschaftliche Bearbeitung bietet
nur die Grundlage für die praktische. Für jeden Abschnitt
wird erst der Text mit kritischen Anmerkungen nach wichtigen
Handschriften und Ausgaben nnd einer Uebersetzung gegeben.
Dann folgt eine ausführliche, auf das Erbauliche und Dog-
matische tendierende Auslegung, von wissenschaftlichen An-
merkungen begleitet. Den Schluss bilden homiletische Gedanken
nnd schliesslich Predigtdispositionen. Vorausgeschickt ist der
Auslegung eine Behandlung der Einleitungsfragen. Der Stand-
punkt des Werkes ist streng katholisch-kirchlich. In der
ästhetisch feinen, massvollen, warmen, freilich auch gefühligen
und wenig lebendigen Art der Textbehandlung sehe ich das
Charakteristische des Buches. Büohsel-HalJe.

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