Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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die geschichtliche Forschung ruhig alle ihre Arbeit tun lassen
und werden andererseits nach und nach an vielem, was zu-
nächst toter Ueberlieferungsstoff ist, lebenschaffende Macht
entdecken.

Herrmann wendet seinen ernsten Tadel sowohl nach der
positiven wie nach der liberalen Seite. Im Grande zeigt er
sogar für die die erstere beherrschende Bewegung zur Ueber-
lieferung hin mehr Sympathie als für die letztere. Liberal
heisst dabei aber für ihn diejenige Richtung, welche an Stelle
des in der Geschichte und in der Ueberlieferung Gegebenen
vielmehr allgemeine Ideen zum Grunde des Glaubens macht.
Seinen Tadel nun wollen auch wir uns wenigstens als Warnung
vor unevangelischem Traditionalismus in der Religion gern aufs
neue zu Herzen nehmen — auch trotz des gewiss auch un-
gerechten Urteils über Bayern S. 35 und mancher anderer
ähnlicher Worte. Aber der Grundgedanke — vom Verf. her
uns längst vertraut und von ihm auch jetzt mit der alten
Energie durchgeführt — befriedigt uns nicht. Mit der Frage
der historischen Zuverlässigkeit des Bildes Jesu kommt man
auf dem Herrmannschen Wege doch nicht befriedigend ins
reine. Wieviel könnte uns Herrmann andererseits geben, wenn
gerade er uns zeigte, wie auch die von ihm so zurückgestellten
Heilstatsachen — nicht als Sachen, sondern als persönliche
Attribute Jesu natürlich — glaubenschaffende Kraft besitzen!

Bachmann-Erlangen.

Diettrich, Lic. Dr. G. (Pfarrer der Reformationsgemeinde in
Berlin), Die Führung des persönlichen Lebens im
Geiste Jesu. 6 Predigten. Berlin 1914, Georg Nauck
(87 S. 8). 1 Mk.
Das Eigenartige dieser Predigten ist der Versuch, die
Grundgedanken der Sittenlehre Jesu im Gegensatz zu den
Lebensansohauungen unter- und ausserchristlicher Kreise dar-
zulegen und zu verteidigen. Dass wesentliche Fragen der
christlichen Ethik in wohldurchdachter Reihenfolge zur Be-
handlung kommen, lassen die Ueberschriften erkennen: „Das
Gesetz bleibt"; „Tut Busse"; „Die Liebe im Sinne Jesu"; „Die
Forderung der Herzensreinheit"; „Das Neue in Jesu Forderung
der Entsagung"; „Die Beweggründe zum sittlichen Handeln". —
Es ist dem Verf. nicht gelungen, sich mit den dem Christen-
tum widerstreitenden ethischen Anschauungen so auseinander-
zusetzen, dass er auch denen verständlich wird, die auf den Ge-
bieten des modernen Geisteslebens nicht orientiert sind. Es ist
auch wohl nicht möglich. Die Gemeindepredigt muss aber
möglichst allen Kirohenbesuchern dienen. Es dürfte daher
zweckmässiger sein, die hier vorliegenden Fragen in Vorträgen
für Gebildete zu besprechen. Da würde der Redner, ungehindert
durch die Schranken, welche die Predigt zieht, seinen Zweck
verfolgen können. — Trotzdem begrttsse ich das Erscheinen
dieser Predigten. Sie sind geeignet, das Verständnis für die
sittliche Forderung Jesu zu vertiefen. Vor allem können sie
denen gute Dienste tun, welche in dem Wirrwarr der modernen
ethischen Anschauungen nach Klarheit ringen. Solche Leser
werden aus den Predigten die alles überragende Höhe von
Jesu Sittenlehre erkennen können. Wer auf biblischem Boden
steht, wird wesentliche sachliche Ausstellungen kaum zu machen
haben. H. Münchmeyer-Gadenstedt.

Langheinrich, Dr. E. (Kgl. Bezirksamtsassessor in Kissingen),
Kirehengemeindeordnung für das Königreich Bayern
vom 24.Sept. 1912 mit den Vollzugsvorschriften. 4. Schluss-
lieferung. München, Berlin und Leipzig 1914, J. Schweitzer
(Arthur Sellier) (S. 337—585, XII S. gr. 8). 5. 80.
Die letzte Lieferung dieses Kommentars bringt in gewohnter
Sorgfalt die Erklärung der Art. 55—112 der neuen Kirehen-
gemeindeordnung. Daneben aber als Anhang eine Reihe der
wichtigsten einschlägigen Gesetze, Verordnungen und Ministerial-
entschliessungen von 1808 bis auf die Gegenwart: so das
organische Edikt 1809 betr. Bildung von Konsistorien und die
Konsistorialordnung 1809, Religionsedikt 1818, Konkordat 1817.
Freudig begrüsst man auch das Register.

Allerdings haben alle bis jetzt erschienenen Kommentare
eine Lücke; es fehlt noch die längst versprochene Kirchen-
verwaltungsordnung, deren Erscheinen in nahe Aussicht gesteht
ist. Dann wird auch dieser Kommentar, wenn auch nicht eine
totale Umarbeitung, so doch eine teilweise Ergänzung und
weitere Ausführung erfahren müssen. Vielleicht Hessen sich
dann für den Gebrauch die praktischen Beispiele noch ver-
mehren und mit den neuesten Verordnungen in Einklang bringen
(S. 552).

Auf Einzelheiten einzugehen ist hier nicht der rechte Ort.

Schornbaum-Alfeld bei Hersbruck.

Kurze Anzeigen.

Weissembach, Alfred von, Quellen zur Geschichte des Mittelalters bis
zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Quellensammlung zur
Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Erster Band-
Leipzig 1913, Koehler (XII, 275 S. gr. 8). 5.75.
Man kann über die Nützlichkeit derartiger Quellensammlungen, die
eine Auswahl der verschiedenartigsten Quellen zur allgemeinen Geschichte
grosser Zeitabschnitte bieten, verschiedener Meinung sein. Der
Studierende, für dessen Hand sie in erster Linie bestimmt sind, wird
leicht dadurch verleitet, auf die Bekanntschaft mit den unverkürzten
Quellenangaben zu verzichten, versäumt dadurch, einen Einblick in die
Ueberlieferungsgeschichte zu gewinnen, und erhält keinen Eindruck von
der Eigenart des Autors. Andrerseits ist es ihm durch derartige Aus-
züge erleichtert, etwa bei der Durcharbeitung eines Kollegheftes die
Quellen selbst heranzuziehen. Zumal wer diese Arbeit in die Ferien
verlegt, wo ihm die wissenschaftlichen Quellenangaben nicht zur Ver-
fügung stehen, wird das vorliegende Bändchen mit Nutzen verwerten
können. Die Auswahl ist geschickt getroffen. Neben der Verfassungs-
geschichle hat, wie es für das frühere Mittelalter selbstverständ-
lich ist, die Kirchengeschichte besondere Berücksichtigung erfahren.
Die Sammlung kann daher auch den Theologen empfohlen werden.

G. Bonwetsch-Berlin-Steglitz.

Glaus, Lic. P. (a. o. Prof. d. Theo), in Jena), Die Kasualrede des
Freien Christentums, 5. Band: Taufreden. Berlin-Schöneberg
1913, Protestant. Schriftenvertrieb (98 S. 8). 1.20.
Die Kasualrede ist neuerdings wieder höher bewertet worden nicht
nur um ihres speziellen Zweckes willen, sondern auch als eine Gelegen-
heit, das Christentum in Kreise zu bringen, die sonst kaum noch Be-
rührung damit haben, als eine Vorposten- und Pionierarbeit, die auch
die Entkirchlichten noch erreicht. Jedenfalls ist der Dienst am Wort
gerade bei solchen Gelegenheiten besonders wichtig und besonders
schwierig. Die vorliegende Sammlung bringt wertvolle Beispiele von
Ansprachen bei Tauffeiern in gebildeten Häusern. Dass die allgemein
menschlichen, natürlichen Beziehungen dabei besonders hervortreten,
liegt in der Natur der Sache, doch geschieht es nicht auf Kosten der
religiösen Deutung und Verwertung der Handlung und der christlichen
Heilsgedanken. Es ist anzuerkennen, dass diese hier mit Ernst und
Eifer getrieben werden. Den Obertitel: Kasualrede des freien
Christentums möchte man sich fortwünschen. Das klingt nach einer
kirchenparteilichen Tendenz. Erfreulicherweise tritt diese aber, von
recht vereinzelten Stellen abgesehen, in diesem Bande nicht hervor.
Auch solche, die den theologischen Standpunkt der Verfasser nicht
teilen und den kirchlichen und sakramentalen Charakter der Handlung
stärker betonen würden, können von diesen gehaltvollen, gewinnenden
Darbietungen etwas lernen. Lic. Peters-Hannover.
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