Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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barnng zeigt er doch ein hohes und zartes Verständnis für die
grossen und wunderbaren Persönlichkeiten, die wir als Mystiker
bezeichnen. Ueberall gründet er sich auf der Kenntnis einer
grossen Literatur, die unter dem Text ausführlich zitiert ist.
Erst nach Klarstellung der mannigfaltigen Arten der Religiosität
(bis S. 92) geht Marie auf die Beschreibung der mystischen und
religiösen Psychosen ein, welche einen Rückfall in primitive
Formen aller Art darstellen, ein Ineinander von leiblicher und
geistiger Degeneration oder auch ein Stehenbleiben auf niederen
Stufen. Er beweist, dass diese Krankheitaformen in verschiedenen
Zeiten, z. B. im Mittelalter und in der Neuzeit bestimmte Ent-
wickelungen und Inhalte annehmen. Im Schlusskapitel ist zu
zeigen unternommen, dass die „mystischen Psychosen aller Art
als gemeinsames Kennzeichen eine Maximaltendenz zu anti-
sozialen Reaktionen (Mord, Selbstmord, Verstümmelung usw.l
zeigen. Auf eine niedere Geistesstufe zurückgeworfen kommen
diese Geisteskranken zu triebhaften Reaktionen, die an jene
der durch keine soziale Bande verpflichteten Primitiven er-
innern". Da jeder Geistliche, wie der Arzt, in der Praxis mit
derartig Geisteskranken in Berührung kommt, mag er sich
wohl einmal von dem nur natürliche Entwickelung sehenden
Psychiater in diese schweren Fragen einführen lassen und sich
mit ihnen innerlich auseinandersetzen.

Dr. med. Sick-Leipzig.

Berkeley, George, Siris. Uebersetzt und herausgegeben von
Luise Raab und Dr. Friedrich Raab. (Philosophische
Bibliothek. Bd. 149.) Leipzig 1914, Felix Meiner (XXIV,
139 S. gr. 8). 3. 50.
Nachdem die „Philosophische Bibliothek" bereits drei Haupt-
schriften Berkeleys, des englischen Idealisten aus dem 18. Jahr-
hundert, in Uebersetzung gebracht hat, erscheint nunmehr in
dieser Sammlung eine Verdeutschung des im Jahre 1744 er-
schienenen letzten Werkes Berkeleys, das den Titel „Siris" führt.
Es ist ein höchst merkwürdiges Werk, das mit der langatmigen
Beschreibung einer von Berkeley erfundenen — Medizin be-
ginnt, von diesem realistischen Ausgangspunkt sich aber all-
mählich in die Sphären der Naturphilosophie und schliesslich
der Religionsphilosophie erhebt, bis es zu den tiefsten Geheim-
nissen der Gottheit gelangt. Mit Recht haben die Uebersetzer
über die ersten 124 Paragraphen, deren Inhalt rein medizinisch
ist, nur kurz referiert und nur den philosophischen Teil (§125
bis 368) nach seinem ganzen Texte wiedergegeben. Dieses
wenig gekannte, aber höchst charakteristische Werk eines be-
deutenden Philosophen erscheint damit zum erstenmal in deutscher
Sprache; denn bisher gab es nur (aus den Jahren 1745 und
1747) zwei Uebersetzungen des medizinischen Teiles. Die
Uebersetzung liest sich recht gut und scheint, nach Stichproben
zu urteilen, dem Sinn des Originals wohl gerecht zu werden.
Eine Anzahl Anmerkungen gibt Auskunft über vorkommende
historische Personen und zitierte AutorenBtellen, ein Personen-
und Sachverzeichnis sowie ein Verzeichnis wichtiger philo-
sophischer Termini in der Ursprache ist beigefügt.

Wilhelm Metzger-Leipzig.

Kant, Immanuel, Kleinere Schriften zur Geschichts-
philosophie, Ethik und Politik. Herausgegeben . . .
von Karl Vorländer. (Philos. Bibliothek. Bd. 49, L) Leipzig
1914, Felix Meiner (LXII, 226 S. 8). 3 Mk.

Die zehn kleinen Aufsätze, die in Band 49, I der „Philo-
sophischen Bibliothek" 1870 zum erstenmal zusammengestellt
waren, erscheinen nunmehr unter neuem Titel, in neuer Folge
und in sehr verbesserter Textgestalt zum zweitenmal. Für den
wissenschaftlichen Wert dieser Ausgabe bürgt schon der Name
des Herausgebers; in der Tat trägt sie auf jeder Seite die
Spuren musterhafter Sorgfalt und feinen Verständnisses. Der
Text entspricht im wesentlichen dem der Berliner Akademie-
ausgabe (von Heinrich Maier); Varianten waren nur bei dem
wichtigsten Aufsatz („Zum ewigen Frieden") in grösserer Zahl
unter dem Text zu vermerken. Was die vorliegende Ausgabe
vor allem wertvoll macht, das ist der beigegebene exegetische
Apparat: das genau und geschickt gearbeite Personen- und
Sachregister, die knapp erläuternden Anmerkungen unter dem
Text und vor allem die Einleitung über Geschichte und Inhalt
der zehn Aufsätze, wozu Vorländer aus dem Briefwechsel des
Philosophen hier und da ganz neue Aufschlüsse gewonnen hat.
Mit dem Herausgeber stimme ich durchaus überein, dass gerade
diese kleinen Gelegenheitsschriften über die grossen Probleme
der Menschheitskultur (vor allem über die Idee des „Rechtes",
„Friedens" und der „weltbürgerlichen Verfassung", die uns als
Ziel aller Entwickelung vorschwebt) den besten Einblick in die
Tiefe von Kants Persönlichkeit, in das Vielseitige und Weit-
herzige seiner ethischen Lebensauffassung gewähren. Mancher,
dem Kants systematische Hauptwerke noch verschlossen sind,
wird vielleicht von hier aus den Zugang zu dem grössten
deutschen Denker finden. Wilhelm Metzger-Leipzig.

Herrmann, Prof. D. W. (in Marburg), Die mit der Theo-
logie verknüpfte Not der evangelischen Kirche und
ihre TJeberwindung. (Religionsgeschichtl. Volksbücher.
IV, 20.) Tübingen 1913, J. C. B. Mohr (44 S. 8). 50 Pf.
Die evangelische Theologie liegt in Deutschland im Sterben,
weil sie durch politische Tendenzen geknechtet wird. Aber
auch so noch bringt sie, wie sie gegenwärtig ist, schwere Nöte
mit. Sie sucht für die Religion eine Verbindung mit der
Wissenschaft an einem unmöglichen Punkte: schein wissen-
schaftliche Begründung des christlichen Glaubens, der doch
allein aus sich heraus die Welt als ein Ganzes zu fassen vermag.
Damit verrät man die Religion an eine wertlose Wissenschaft.
Andererseits kommt Not aus der notwendigen historisch-wissen-
schaftlichen Arbeit an der Bibel, Not, der man dann vielfach
auf katholisierendem Wege abzuhelfen sucht und die doch
gar nicht vorhanden wäre, wenn das evangelische Christentum
ein sicheres Urteil darüber hätte, was ihm die biblische Ueber-
lieferung bedeutet. Geholfen kann da nur werden durch Selbst-
besinnung darauf, dass evangelischer Glaube nichts anderes und
nichts geringeres ist als Gewissheit von einer in eigener persön-
licher Erfahrung ergriffenen Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit
liegt in dem in der Schrift uns machtvoll entgegentretenden
persönlichen Leben der Seele in Gott, vollkommen offenbar in
dem inneren Leben Jesu. Das allein iBt das Fundament der
Hingabe unserer Seele an Gott in Vertrauen und Furcht, das
allein schafft in uns in innerem Erleben den Glauben. Eine
historisch sicher bewiesene Tatsache ist diese inwendige Herr-
lichkeit Jesu freilich nie, aber sie kann eine von uns er-
lebte Tatsache werden; die historische Unsicherheit wird dann
geradezu zu einem Anlass, dass wir uns immer neu und un-
mittelbar von der in der Ueberlieferung uns entgegentretenden
Herrlichkeit bewegen lassen. Von da aus können wir dann
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