Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Natur regieren, dann gibt es objektiv keine Wunder; aber
wenn wir mit Stange nach Kants Vorgang sagen, dass die
Naturgesetzlichkeit eine Verstandeskategorie ist, mit deren Hilfe
wir überhaupt erst Erfahrung bilden oder haben, dann ist
Wunder im subjektiven Sinn unmöglich. Stange setzt sich
zwar mit Kant in einer Anm. (33. S. 110) auseinander; aber
er moniert bloss die Inkonsequenz Kants, an jener Stelle einen
„mechanistischen" Naturgesetz anzuwenden. Das tut Kant
allerdings und seltsamer Weise auch; aber in der Hauptsache
polemisiert Kant vom idealistischen Standpunkte aus nnd hier
hätte Stange sich unbedingt gegen Kant verteidigen müssen.
Das aber vermisse ich. Stange will zunächst den Wunder-
begriff rein religiös bestimmen und nicht gegenüber einem
Naturbegriff; er will anfangs den Naturbegriff des Idealis-
mus nur benutzen als Sprungbrett, um von hier aus einen
anderen höheren Begriff von Wirklichkeit zu erreichen, in
dem das Wunder zu Hause ist. Allein hinterher ist er doch
genötigt, und zwar ganz selbstverständlich, das Wunder auch
an dem natürlichen Gang der Welt zu messen. Fortgesetzt
gibt er im vierten Kapitel die Definition von einem Ereignis
„das über den natürlichen Gang hinausführt". Ich frage nun:
Wie kann man denn überhaupt subjektiv wissen und erfahren,
dass innerhalb dieser natürlichen Welt, die wir als eine ge-
setzmässiga notwendig denken, ohne welche wir überhaupt
keine Erfahrung von der Natur hätten, etwas vorkommt, das
über die Natur hinausgeht? Zugegeben, es gäbe eine über-
sinnliche Welt gegenüber der natürlichen, dann wäre die Kon-
sequenz die, wie sie Herrmann zieht, dass wir sagen: Das
Wunder erschöpft sich in der Erfahrung derselben; oder Wunder
und religiöse Erfahrung fallen zusammen. Stange polemisiert
vom christlichen Standpunkt mit Recht lebhaft gegen Herrmann,
seine Einwände gerade gegen diesen Theologen sind äusserst
treffend — aber ich kann mir denken, dass Herrman erwidern
würde, dass ein übersinnliches Ereignis innerhalb dieser sinn-
lichen Welt eine Unmöglichkeit ist, da wir ein solches ja gar
nicht erfahren können als sinnliches!

Wir stehen als moderne Theologen also doch immer
wieder vor einer ungemein schwierigen Aufgabe. Die Dis-
kussion über das Wunder ist durch diese vortreffliche und
dankenswerte Gabe nicht beendet; aber sicher aufs neue an-
geregt. Persönlich hat mich diese Schrift noch mehr darin
bestärkt, dass mit der Philosophie des Idealismus diejenige
Religion nicht zu begründen ist, die Stange selbst in allen
Phasen als antiidealistische kennzeichnet. Im übrigen verweise
ich auf meine Auseinandersetzung mit Stange in der „Neuen
kirchlichen Zeitschrift" 1914, S. 362 — 396.

D. Dun km an n-Greifs wald.

de Wulf, Maurice (Professor der Geschichte der Philosophie
an der Universität Löwen), Geschichte der mittelalter-
lichen Philosophie. Autorisierte deutsche Uebersetzung von
Dr. Rudolf Eisler (Wien). Tübingen 1913, Mohr (XV,
461 S. gr. 8). 12. 50.

Im Jahre 1900 erschien die erste Auflage dieses Werkes in
französischer Sprache, im Jahre 1912 lag das Werk bereits in
vierter Auflage vor. Diese vierte Auflage hat Eisler nunmehr
in einer trefflichen Uebersetzung einem weiteren Leserkreise der
deutschen Zunge bequem zugänglich gemacht. Bei dem leb-
haften Interesse, das seit etwa zwei Dezennien wieder der
mittelalterlichen Philosophie gewidmet wird, ist das Erscheinen

dieses Werkes zu begrüssen. Die Darstellung ist knapp und
klar und kommt dem Anfänger dadurch entgegen, dass sie sich
auf die Hauptsachen beschränkt. Sehr wertvoll sind die ziemlich
eingehenden Literaturangaben des Verf.s, zumal da die sehr
ausgebreitete französische Literatur auf diesem Gebiet in Deutsch-
land noch wenig bekannt ist. Aber auch die deutschen Arbeiten
sind in so vielen Zeitschriften verstreut, dass man leicht auch
Wichtiges übersieht. So habe ich z. B., Grabmann folgend,
Radulfus Ardens, der ein Speculum universale verfasste, in dem
die Bieben Sakramente erwähnt sind, in das 11. Jahrhundert
gesetzt, während B. Geyer schon „Theol. Quartalschrift" 1911
erwiesen hat, dass der Mann dem 12. Jahrhundert angehört.
Ich merke das an, damit die irrige Angabe über die erstmalige
Anführung der sieben Sakramente in meiner „Dogmengeschichte"
III2, 269 nicht in andere Bücher übergehe. Uebrigens ist die
deutsche, zumal protestantische Literatur von de Wulf ein
wenig stiefmütterlich behandelt worden. Selbst die neue Auf-
lage der „Protestantischen Realenzyklopädie" ist ihm unbekannt
geblieben.

Eine Eigentümlichkeit der Darstellung de Wulfs besteht
darin, dass er streng unterscheidet die scholastische Philo-
sophie von der ascholaatischen resp. antischolastischon
Philosophie. Die Scholastik wird also etwa als die Lehre der
kirchlichen Philosophie anzusehen sein, in der der spezifische
Geist des Mittelalters zur Darstellung kommt. Männer wie
Anselm, Hugo, Alexander, Albert, Thomas, Richard, Heinricii,
aber auch Duos Scotus und Ockam waren also Scholastiker,
während Eriugena, Siger, Roger Baco, Raymundus Lullus,
Thomas Bradwardina, Nikolaus von Autrecourt, Eckhart usw.
Ascholastiker sind. Es ist mir aber zweifelhaft, ob diese Unter-
scheidung für die geschichtliche Erkenntnis förderlich ist. Mir
scheint in die rein geschichtlichen Einteilungsgründe hiedurch
ein fremdartiges Moment eingeführt zu werden. Man wird beiden
Erscheinungen meines Erachtens eher gerecht werden, wenn man
sie als Kinder derselben Zeit und als in steter Wechselwirkung
zueinander stehend darstellt.

Im einzelnen Hesse sich natürlich über vieles in dem Buche
diskutieren. Aber trotz mancher Ausstellungen kann diese
: deutsche Uebersetzung des de Wulfschen Werkes als eine wert-
| volle Bereicherung unserer Literatur angesehen werden. Es ist
I ein bequemes Mittel zur raschen Orientierung über die Haupt-
' personen und -Sachen. Daneben wäre aus der neueren deutschen
j Literatur etwa noch die treffliche Bearbeitung des dritten Bandes
! von Ueberweg durch M. Baumgartner (1905) zu nennen oder
| auch das kleine, aber überaus anregende Werkchen von Endres,
„Geschichte der mittelalterlichen Philosophie im Abendlande"
(Kempten 1908). R. Seeberg-Berlin.

Marie, Prof. Dr. A. (leitender Arzt der Asiles de la Seine,
Paris), Der Mystizismus in seinen Beziehungen zur
Geistesstörung. Berechtigte Uebersetzung von Oberarzt
Dr. G. Lomer [Alt-Strelitz]. Leipzig 1913, Joh.Ambr. Barth
(VI, 250 S. gr. 8). 5 Mk.
Auf knappem Raum schichtet der französische Psychiater
ein Riesenmaterial auf, in dem er uns die ganze Entwickelung
von den ersten Spuren religiöser und mystischer Vorstellungen
und ihrer Erklärung zum Naturismus, dem Animismus mit seinen
zoanthropischen und anthropolatrischen Formen, weiter zum
j Magismus und Monotheismus verständlich zu machen versucht.
I Trotz der zu erwartenden Ablehnung übernatürlicher Offen-
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