Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

371

372

Gegensätzen sie sich durchsetzt. Und man kann sie erst richtig
einschätzen, wenn man sie als persönliche Bekenntnisse auf-
zufassen sich gezwungen sieht. — Das Gewand ist ein kabba-
listisch-alchimistisch-naturphilosophisches, das weiss jeder und
ist oft dargestellt worden, wird also mit Recht von Eiert nicht
ausdrücklich untersucht. Dagegen macht Eiert mit vollem Recht
auf den künstlerisch-empirischen Stil Böhmes, in dem dieses
deutsche Gemüt sich unmittelbar äussert, aufmerksam. Hier
kommt das „Intuitive" bei Böhme zum Durchbrach, nicht bei
der Grundlegung seiner Mystik, die eben vielmehr sittlich-
religiöser Art ist. — Die Gegensätze, unter deren Spannung
sich Böhmes Gedanken entwickeln, sind durch die geschwollene
Prälatenwut des Oberpfarrers Richter und die „Historien-
glauberei" der damaligen Orthodoxie gekennzeichnet. Sie
„hanget an den Historien", er, Böhme, glaubt schliesslich ohne
jede Historie auskommen zu können und will „am Willen
hangen". — Die Tatsache endlich, die Eiert auf das genaueste
untersucht und beweist, dass Böhmes Mystik in Theorie und
Praxis erlebtes Gut und persönliches Bekenntnis bedeutet, Iässt
die ganze mystische Welt Böhmes als das erscheinen, was sie
ist, als ein üppig grünender, wild wachsender Garten deutsch-
religiösen Seelen- und Sehnsuchtslebens. Er stirbt mit den
Worten: „Rette mich nach deinem Willen", noch in den letzten
Minuten jene Kraft nennend, der er innerhalb der Mystik die
Bahn gebrochen hat

Eiert bittet im Vorwort um Entschuldigung, weil er kein
„Historiker vom Fach" sei. Mich dünkt, wir sollten mehr solche
Historiker haben, die mit dieser naohschaffenden Kongenialität
bei aller kritischen Nüchternheit ihres Gegenstandes sich zu
bemächtigen verstehen. Dieser Vorzug der Elertschen Arbeit
tritt am stärksten S. 133 ff. ans Licht, auf denen Eiert das
eigentliche mystische Grunderlebnis Böhmes nachzeichnet. Freilich
habe ich hier sowohl wie bei der betreffenden, formal auch
glänzenden Stelle in dem zweiten oben angezeigten Buch ver-
misst, dass Eiert nun bei seiner eigenen Darstellung dieses
mystische Erlebnis nicht mit dem sittlichen Ringen des Willens
in Beziehung setzt, sondern mit dem „eigenen, energischen,
konsequenten Durchdringen", also nur mit einer formalen
Energie. Ein Fragezeichen würde ich auch an die Sätze auf
S. 135 machen, dass Böhmes Gott „ein vollkommen anderer
war als der Gott der Christenheit" und „Jesus Christus als
geschichtliche Person überhaupt keine Rolle in seinem religiösen
Erleben spielte".

Elerts eminente künstlerische Datstellungsgabe, die den mit
wissenschaftlicher Kleinarbeit emsig durchforschten Stoff zu
einem höchst lebendigen Ganzen zn gestalten weiss, tritt in
dem Heft „Jakob Böhmes Deutsohes Christentum"
vollends prächtig zutage. Böhmes Persönlichkeit und Lebens-
gang, sein Denken und Erleben, seine Originalität und Begrenzt-
heit, seine Deutschheit in Stil und mystischem Erleben wird
hier meisterhaft, natürlich ganz im Sinne des grösseren Werkes,
zusammenfassend dargestellt.

Wer da weiss, was es kostet, auf einsamer Pfarre in dem
weitzerstreut liegenden Sprengel einer freikirchlichen Gemeinde
die zu solchen Arbeiten nötige Energie und Elastizität auf-
zubringen, wird dem Verf. besonderen Dank wissen und be-
sonders gern bescheinigen, dass Religionspsychologie und Ge-
schichte der Philosophie und Mystik tatsächliche Förderung
durch ihn erfahren haben. L. Jacobskötter-Bremen.

„Noris"; Jahrbuch für protestantische Kultur 1914. In Ver-
bindung mit Hauptpastor Prof. D. Hunzinger in Hamburg
herausgegeben von Prof. Dr. Hans Pöhlmann in Nürnberg.
Berlin 1913, Säemann-Verlag (VI, 100 S. gr. 8). Geb. 2.50.

Wer die kirchliche Entwickelung in Bayern während des
letzten Jahres verfolgte, musste fühlen, dass das Interesse für
die Fragen, die die „Noris" bisher vertrat: „die Bedeutung des
Protestantismus für die nationale Kultur Deutschlands hervor-
zuheben und auf seine gemeinsamen grossen Güter und hohen
Aufgaben hinzuweisen", sichtlich in den Hintergrund getreten
war. Trat doch neben das Kadnersche Jahrbuch noch eine
programmatische Kundgabe aus den Kreiseu des Laienbundes
in der „Veste". So blieb nichts übrig, wenn die „Noris" weiter
erscheinen sollte, eine breitere Grundlage und einen weiteren
Interessentenkreis zu suchen. Das kommt schon äusserlich zum
Ausdruck; neben dem alten Redakteur erscheint eine neue
Kraft; auch der Verlag hat sich geändert; von der bayrischen
Industriestadt in die Reichshauptstadt. Dabei ist aber Pöhlmann
seinem Programm nicht untreu geworden. Es ist auch im
6. Band mit Geschick durchgeführt. Alle Artikel stehen in
einem inneren Zusammenhang zur obigen Tendenz und richten
alle unwillkürlich an den Leser die Aufforderung: dem Protestan-
tismus Treue zu bewahren. Mit gutem Bedacht ist der Artikel
von Weiss: „Gegenreformation einst und jetzt" deshalb an die
Spitze gestellt. Eindringlich führt er die Macht des Jesuitismus
einst und jetzt vor Augen.

Ebenso wirken die Leitartikel, die der Herausgebor aus der
katholischen „Nürnberger Volkszeitung" mitteilt. Ein jeder
Protestant fühlt den anderen Geist, der gegenwärtig im Katholi-
zismus herrscht. Eine ansprechende Gabe ist der Artikel: „Die
Armenier und die europäische Kultur von Stier", dem Protestan-
tismus neue Aufgaben zeigend. Die Tendenz der „Noris" bringt
es mit sich, dass die fundamentalen Fragen, die heutzutage
den Protestantismus bewegen, zurücktreten. Man findet sie
auch nicht in dem Artikel: „Die Frau und die Religion" von
Stöcker angerührt; am meisten noch hätte die Besprechung des
Romans von Hauptmann: „Der Narr in Christo" Anlass dazu
gegeben. Aber prinzipielle Erörterungen sind mehr angedeutet
als ausgeführt; das allgemein Religiöse wiegt vor.

Die Briefe Hofmanns an Weinling sind interessant; ihre
Kommentierung ungleichmässig. Manchen Miszellen des Heraus-
gebers wohnt ein tiefer Sinn inne; manche siud wohl nur auf-
geführt, um die Torheit der Zeit zu geissein. Die Chronik
verrät noch am ersten den Ursprung der „Noris". Bayern wird
vor allem behandelt. Es fehlt nicht an feinen Bemerkungen;
ob Programm C wirklich die grösste Lebenskraft in sich birgt?
Jedenfalls ist das Urteil gerecht und abgewogen. Viel weniger
kann man das sagen von der Beurteilung des Pariser Religions-
kongresses. Dass Pöhlmann falsche Urteile berichtigt, ist be-
rechtigt; aber hat der Protestantismus dort überhaupt eine
Stätte? Der Katholizismus ist mit seiner Ablehnung des Kon-
gresses konsequenter und imponierender.

Es wäre mir interessant, zu erfahren, auf welche Quelle
sich die Angabe S. 9 stützt, dass in Nürnberg im 16. Jahr-
hundert eine Jesuitenschule gegründet worden sei.

Schornbaum-Alfeld bei Hersbruok.

Stange, Carl (D. u. Prof. d. Theol. in Göttingen), Christen-
tum u. moderne Weltanschauung. II. Naturgesetz u.
Wunderglaube. Leipzig 1914, Deichert (112 S. gr. 8).
2. 40.
loading ...