Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Bisher haben wir immer geredet von Acta und Post-Acta
der Dordrechter Synode; Pro-Acta ist ein neues Wort, das etwaB
weniger Recht hat als das üblich gewordene Post-Acta. Wird
durch das letzte angedeutet, was in der Synode verhandelt
wurde nach der Abreise der ausländischen Abgeordneten, also
nach dem Aufbruch der vollen Versammlung, die Pro-Acta geben
uns die Entscheidungen vor der Ankunft der als Beklagte vor-
geforderten Remonstranten unter Mitwirkung aller Mitglieder,
auch der ausländischen, so dass sie ebenso gut zu den Acta
gerechnet werden können. Ueber das Wort wollen wir aber
nicht streiten; die Absicht ist deutlich genug, und der Verf. hat
Anerkennenswertes geleistet mit seiner gründlichen und sorgsam
geführten Untersuchung über Verhandlungen, denen bisher nur
wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Die Habilitations-
schriften zur Erlangung der theologischen Doktorwürde an der
Freien (Calvinistischen) Universität zu Amsterdam bilden schon
eine stattliche Reihe, und die Arbeit des Herrn Kaajan schliesst
sich würdig an diese Reihe an als ein verdienstlicher Beitrag
zur Erforschung der reformierten Kirchengeschichte.

Nach einem einleitenden Abschnitt über die Zusammen-
stellung und die Arbeitsweise der Synode werden fünf Gravamina,
welche bei der Synode eingeführt waren, behandelt: 1. Die Bibel-
übersetzung; 2. Der kateehetische Unterricht; 3. Die Taufe der
Heidenkinder; 4. Die Vorbereitung der Kandidaten; 5. Die Frei-
heit der Presse.

Nr. 3 ist wichtig für den Missionshistoriker und -theoretiker;
die anderen Capita gehören zur exegetischen und praktischen
Theologie. Besonders möchte ich noch die Aufmerksamkeit auf
Nr. 1 lenken für die Diskussion über die apokryphen Bücher.

Das Buch ist sehr übersichtlich und klar disponiert; bei
jedem Fragepunkt werden Vorgeschichte, Geschichte, Nach-
geschichte und Schlussfolge behandelt, während der Autor durch
eine reiche Fülle von Noten es seinen Lesern bequem macht,
ihm fast Wort für Wort nachzurechnen. Gesondert werden
noch in einem Anhang die judicia, responsiones und Bententiae
theologorum abgedruckt de raüone catechisationis, de ethnicorum
pueris baptizandis, de proponentibus seu informandis studiosis
theologiae und de typographia.

Für den deutschen Leser ist es vielleicht interessant, die
unterschiedenen judicia der Theologen aus der Pfalz, Hessen,
Bremen und Emden miteinander zu vergleichen.

Prof. Dr. H. M. van Nes-Leiden.

Eiert, Lic. Dr. W., Die voluntaristisohe Mystik Jacob
Böhmes. (Neunzehntes Stück der Neuen Studien zur
Geschichte der Theologie und Kirche, herausgegeben von
N. Bonwetsch und R. Seeberg.) Berlin 1913, Trowitzsch
& Sohn (VIII, 143 S. gr. 8). 5 Mk.
Derselbe (Pastor in Seefeld b. Kolberg), Jakob Böhmes
Deutsches Christentum. (Biblische Zeit- u. Streitfragen,
herausgegeben von Prof. D. Kropatscheck. IX. Serie, 6. Heft.)
Berlin-Liohterfelde 1914, Runge (36 S. gr. 8). 50 Pf.
Zwisehen den Programmen und Konsequenzen der Religions-
psychologie unserer Tage klafft eine Lücke, sagt Eiert im Vor-
wort zu der Mystik Böhmes. Diese Lücke ist aber das Wich-
tigste: die psychologische Spezialarbeit. Wie diese zu leisten
sei, und was bei einem solchen Unternehmen herauskomme,
will Eiert mit seiner psychologisch-kritischen Bearbeitung Böhmes
zeigen. Darum ist es ihm um eine Darstellung der „religions-
psychologisohen Methode" und der „religiösen Persönlichkeit"

des berühmten Mystikers zu tun. Böhmes Religiosität soll in
ihre Bestandteile zerlegt und auf ihre seelische Zusammen-
setzung geprüft werden. Wird Böhme nur innerhalb dar Ge-
schichte der Philosophie behandelt oder als ein Kopf mit
wunderlichen, wenn auch tiefsinnigen theosophischen Speku-
lationen neben andere ähnliche Erscheinungen gestellt, so wird
man seiner Originalität nicht gerecht. Dies Missgeschick, unter
falscher geistesgeschichtlicher Perspektive beurteilt zu werden,
hat den Görlitzer Schuster von seinen Lebzeiten an bis Schölling
und Baader und Martensen, ja trotz Ciaassen u. a. bis heute
verfolgt. Eiert stellt ihn in die Religionsgeschichte, begreift
ihn als religiöses Original und rettet damit dem Vielgesohmähten
und Vielverehrten seine eigentliche Bedeutung.

Man kann allerdings meines Erachtens angesichts der
Elertschen Darstellung nicht bezweifeln, dass mit ihr der
Schlüssel zur Kenntnis und Anerkenntnis des eigentlichen
Wesens Böhmes gefunden worden ist. Das ist ein Resultat,
welches der vorliegenden Arbeit bleibende Bedeutung sichert.

Der Schlüssel zum innersten Wesen der Persönlichkeit und
der Mystik Böhmes ist die Entdeckung, dass für ihn der Wille
im Mittelpunkt seiner psychologischen Selbstanalyse der meta-
physischen Spekulationen und des mystischen Prozesses steht. —
Der Wille — so wird ausgeführt — hat Macht über den Leib,
über den Geist, über andere Menschen, wirkt in der Gottes-
kindschaft, schafft das Gemüt, beherrscht den Intellekt. „Alles
Wesen ist auB dem Willen erboren und hat alles Ding seine
Fortpflanzung im Willen." Der Wille überdauert das Sterben
des Leibes. Die Psychologie Böhmes ist also Willenspsycho-
logie, und deshalb redet Eiert von einem „Voluntarismus"
bei ihm.

Durch den Willen steht der Mensch in Beziehung zum
Urgrund der Dinge. Denn allem Sein liegt ein Urwille zu-
grunde, der einst leer und ohne Begehren war, dann aber dem
Spiegel der göttlichen Weisheit gegenübergestellt durch Imagi-
nation derselben sich „schwängerte". Durch Begehren aber und
gedankliche Vorstellung entsteht zunächst in dem Willen nur
Qual und Druck, noch kein Leben. Erst ein „Widerwille" muss
„Streit" schaffen, in welchem dann die göttliche Weisheit zur
Offenbarung kommt. „In der Ueberwindung ist Freude", so
lautet das metaphysische Willensprogramm Böhmes, das gerade
in dieser Fassung sofort in den psychologisch-mystischen Prozess
überleitet.

Die einzelne Seele befindet sich in einer ähnlichen Situation
wie der Urwille. Durch die Sucht nach der Kreatur in Unruhe
und Verwirrung gebracht, kommt sie erst zu freiem Leben,
wenn es ihr gelungen ist, im Kampf mit dieser „Aeusserlich-
keit" sich völlig in sich selbst, das heisst aber zugleich in Gott
zurückzuziehen. „Mein Wille und Gottes Wille muss Eins sein."
Diese Neugeburt des Willens kann für uns Adamskinder nur
so vor sich gehen, dass wir „alle unseren Willen in die Wieder-
geburt Christi einwerfen", — „Christi Leiden und Tod ergreifen
und mit dem Teufel durch die Hölle im Tod Christi einwandeln
und aus Christi Tod mit Christo in Gott wieder ausgrünen.
Das ist eine Lilie, die der Teufel nicht gern reueht." Ein
„Lilienzweig" muss unser ganzes Leben sein, d. h. ein stetes
Wachsen aus dem Urgrund der Seele, aus Gott, ein Wachsen,
das Bich trotz aller Widerstände und Rückschläge behauptet:
In der Ueberwindung ist Freude!

Das ist ungefähr in grossen Linien die Struktur der reli-
giösen Eigenart Böhmes. Man schaut sie freilich erst ganz,
wenn man sieht, in welchem Gewand sie auftritt und in welchen
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