Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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manche richtige Erkenntnisse der „liberalen" Theologie, aber
auch alle ihre Irrtümer in der Erfassung des Paulus hinein-
gearbeitet von der Christusmystik des Paulus und seiner Un-
bekanntschaft mit dem leeren Grabe an, und leider das noch
dazu mit einer so unfehlbaren Sicherheit, dass das Buch weder
der wissenschaftlichen Lage der Gegenwart, noch auch dem
didaktischen Zwecke des Unternehmens entspricht. Auf welche
Aeusserungen des Paulus mag wohl z. B. die Behauptung
zurückgehen: „Dem Pharisäersehüler Paulus war es anerzogen (!),
beständig in Sündenangst zu leben." Wohl auf Gal. 2, 15 oder
auf Phil. 3, 6? Oder vielleicht auf Luk. 18, 11? Und Paulus
als Repräsentant der Goetheschen Ehrfurcht vor dem, was unter
uns ist (S. 27 ff.)! In diese Schablone einen Paulus zu pressen,
ist doch wenig geschmackvoll. Bachmann-Erlangen.

Böhmer, Heinrich (Professor in Marburg), Luthers Eom-
fahrt. Leipzig 1914, A.Deichert (IV, 183S. gr. 8). 4,80Mk.

Fast gleichzeitig mit dem ersten Band seiner Jesuitenstudien
gibt Böhmer eine Untersuchung über Luthers Romreise heraus.
Er behandelt damit eine Episode aus des Reformators Leben,
die wegen ihres eigenartigen Reizes schon manche liebevolle
Bearbeitung gefunden hat. Im Unterschied von diesen Vor-
läufern ist dem Verf. besonders daran gelegen, einer hier nahe-
liegenden Versuchung zu widerstehen und nicht in romantischer
Farbenfreude auszumalen, was Luther alles erlebt haben kann,
sondern was sich von dieser Reise wirklich feststellen lässt.

In einem ersten Kapitel wird die alte Frage nach dem
Jahr der Romreise gestellt. Böhmer kommt auf Grund eines
erneuten Zeugenverhöres, nach dem Zeugen wie Melanchthon,
Oldecop und der neu ausgegrabene Augustiner des 17. Jahr-
hunderts, Felix Milensius, als unzuverlässig ausscheiden müssen,
zu dem Ergebnis 1510/11, einer These, die im 2. Kapitel von
anderwärts (Tagebücher des Ordensgenerals, Nürnberger Akten-
stücke über zwei Augustinergesandtschaften) noch sicherer ge-
macht wird. Es folgt ein wertvoller, interessanter Abschnitt
über Egidio Canisio von Viterbo, den Augustinerordensgeneral
(seit 1507), und seine Stellung in dem häuslichen Streite seines
Ordens, der Luthers Reise veranlasste und in dem Egidio die
Partei Staupitzens vertrat (für eine Union zwischen den Obser-
vanten und den aggregierten Konventen des Ordens). Dabei
erhält der ganze „Unionsstreit" vielfach neues Licht Das Er-
gebnis ist schliesslich eine Niederlage Staupitzens gegenüber den
sieben ihm opponierenden Observantenklöstern; er bleibt vicarius
generalis der Observanz, verzichtet aber auf das Provinzialat
Saxoniae. Vorbereitet wird dieses Resultat durch den Jenaer
Rezess vom Juli 1511, der eine Art Kompromiss gewesen ist.
Dem muss sich Luther angeschlossen haben, und weil ihm das
als „Abfall zu seinem Staupitz" (Cochläus) vorgeworfen wurde,
mag er, wie Lang, seine Zurtickversetzung nach Wittenberg
beantragt haben, die ihm ja dann auch gewährt worden ist.

Das vierte Kapitel begleitet Luther nach Rom, indem es
alles darüber Feststehende bucht und verknüpft. Ehe aber
dann Luthers Erinnerungen an Rom selbst abgehört werden,
wird ein ziemlich ausführliches Bild von den sittlichen und
religiösen Zuständen des damaligen Roms entworfen. Die zahl-
reichen, mit grosser Belesenheit zusammengetragenen Notizen
ergeben ein farbenreiches Mosaik, das freilich wenig Erfreuliches
darstellt. Man könnte wohl der Ansicht sein, dass es für den
Zweck des Buches etwas zu reichlich ausgefallen sei. Auf
dieser Folie werden dann die Aussprüche Luthers zusammen-

gestellt, die nun aus dem grossen historischen Zusammenhang
heraus, recht verständlich werden und berechtigt erscheinen.
Dazu erfahren wir noch allerlei Interessantes über die Mirabilia
Romae. Hierbei bedeutet aber Böhmer insofern einen Fortschritt
über Hausrath hinaus, als jener strenger als dieser „fahrende
Professor und Poet" zwischen dem unterscheidet, was Luther
wahrscheinlich, und dem, was er möglicherweise in Rom ge-
sehen hat. Höchst wertvoll — römischer Polemik gegenüber —
ist dann der Einzelnachweis, wie die scandalosa Romae, die
Luther hier und da aus seinen Erinnerungen mitteilt, durchaus
nicht blosse Ausgeburt einer „kritischen Anlage", einer Neigung,
„nur die Schatten zu sehen" (Grisar), sind. Böhmer weist viel-
mehr aus anderen Berichten nach, wie Luthers Berichte durchaus
das allgemeine Urteil wiedergeben und wie dieses der Tat-
sächlichkeit entspricht. — Von diesen selbständigen Rom-
erinnerungen sind freilich die Romanekdoten wohl zu unter-
scheiden, die der spätere Luther von anderen übernommen
hat; diese allerdings tragen die Züge eines Zerrbildes. Zum
Schluss wird die Bedeutung der Romfahrt für Luther darin
gefunden, dass er erkannte, wie auch dieser vielgepriesene Weg
nicht zum Frieden mit Gott führte, und so wurde diese Reise
ein schwerwiegender Faktor für die negative Vorbereitung
Luthers zum Reformator. Aber auch der nächste Erfolg der
Romfahrt, die Zurückversetzung nach Wittenberg, Sommer 1511,
ist für den ganzen Gang der Reformation von bedeutender und
zwar positiver Bedeutung geworden.

Als Beilagen sind drei Urkunden zum Unionsstreit wie eine
Analyse der Lozana Andaluza des Fr. Delicado als wertvoller
Quelle zur Kenntnis der Sittengeschichte des damaligen Roms
beigegeben.

Zum allgemeinen Urteil über die Verderbtheit Roms, ins-
besondere der Union, könnte vielleicht noch auf die bekannte
Reformschrift Onus ecclesiae hingewiesen werden (c. IV; praesens
tempus 1519): c. XIX: Ecce Roma nunc est vorago et
mammon inferni, ubi diabolus totius avaritiae capitaneus residet
vendens Patrimonium Christi ... Id modo versum est in pro
verbium: Curia Romana non petit ovem sine lana. Dantes
exaudit, non dantibus oBtia claudit (dieser Hexameter auch in
der hussitischen Schrift Desoripcio tabularum Christi et Antichristi,
Wien, Hofbibl. Ms. 4902, 181 ff.). Dieses Urteil ist um so
wertvoller, als der Verf. ja nicht ausserhalb der Kirche stehen
will: Conclusio operis: praedicta omnia et singula pontificis .. .
[iudicio] relinquendo [ei]que me totum subiciendo . . . Die
zahlreichen oppositionellen Urteile ans hussitischen und ähnlichen
Kreisen kommen demgegenüber weniger in Betracht; deshalb wohl
sind sie auch von Böhmer ganz übergangen worden. — Ein
weiterer wichtiger Beleg für die S. 160 angegebene Bedeutung
der Romfahrt für Luther steht in dem „Sermon von dem
Sakrament der Busse" 1519 W. II, 714 f.: „Zu solcher vorgebung
der schult, vnd das hertz zustillen vor den sunden, seynd mancher-
ley weg vnd weyss. Ertlich vormeynen durch brieff vnd ablas,
das ausszurichten, lauffen hyn vnd her, zu Rhom, zu
s. Jacob, lössen ablas hie vnd da, das ist alles vmbsunst,
vnd eyn yrthumb, Es wirt da durch vill erger, dann Gott
muBS selber die sund vorgeben | vnd dem hertzen frid geben."

Hans Preuss-Leipzig.

Kaajan, H., De Pro-Aota der Dordtsohe Synode in 1618.
Academisoh Proefschrift. Rotterdam 1914, T. de Vries Dz.
(392 S. gr. 8).
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