Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Der Behandlung der neutestamentlichen Lebensidee hat
Lindblom eine breite Grandlage gegeben. Er untersucht vorher
die Lebensidee in der israelitisoh-j lidischen und in der hellenisti-
schen Religion. In der vorexilischen Religion Israels ist Leben
Wohlsein und Glück, Verschontbleiben vorn Untergang. Es ist
an den Gehorsam gegen Gott gebunden, also religiös bedingt,
aber selbst kein eigentlich religiöses Ideal. Erst in der populären
palästinensischen Frömmigkeit tritt der Gedanke eines End-
gerichts und eines ewigen Lebens hinzu. Für die Weisheit ist
der Lobensbegriff an die zentrale Stelle getreten. Er ist stärker
individualisiert, entnationalisiert. Sonst ist er wesentlich der
vorexilische. In der Apokalyptik ist daB Leben ewiges, jen-
seitiges Leben. Es umschliesst Unsterblichkeit, aber auch Gottes-
nähe, Teilnahme an der himmlischen Herrlichkeit usw. Gegen-
satz zum Leben ist diese vergängliche Welt und die Ver-
dammnis. Im hellenistischen Judentum ist das Leben Unsterb-
lichkeit der ewig (präexistent) gedachten Seelen, die aber durch die
Sünde dem Ende verfallen sind. Das Leben ist Lohn der
Tugend oder Frömmigkeit. Der Lebensbegriff der hellenistischen
Religionsspekulation wird nach den hermetischen Schriften dar-
gestellt. Hier ist Leben etwas Göttliches, der Hauptfaktor des
göttlichen Wesens. Von Gott eignet das Leben seinem Logos
und dem Urmenschen, danach den Menschen; sie erlangen es
durch Erkenntnis. Dadurch erreichen sie die Vergottung. Der
Lebensbegriff ist also nicht ein ethischer, sondern ein physisch-
metaphysischer. In den hellenistischen Mysterienreligionen wird
eine Wiedergeburt erlebt. Der Myste wird ein bestimmter
Gott. Dadurch gewinnt er Freiheit von den Geistern, Fähig-
keit nicht zu sterben als Anteil an der göttlichen Natur. Im
Neuen Testament werden drei Typen unterschieden: das typisch
synoptische, paulinische und johanneische Lebensideal. Der
synoptische Typus umfasst die Synoptiker, die Apostelgeschichte,
die Apokalypse, zum Teil die katholischen Briefe und ragt in
die paulinischen hinein. Leben ist hier ein esohatologischer
Begriff; es gehört ausschliesslich in den künftigen Aeon und
beginnt erst nach dem Tode. Es umschliesst neben dem Nicht-
sterben alle Güter der zukünftigen Welt. Das Leben ist das
vollendete Gottosreich. Im Unterschied vom Reich Gottes ist
das Leben nicht auch gegenwärtig, nur zukünftig gedacht.
Ethisches oder religiöses Leben im modernen Sinne ist das
ewige Leben hier nicht. Die Wurzeln des synoptischen Lebens-
ideals liegen in der Apokalyptik. Bei Paulus ist der typische
Begriff vom Leben: christogenetisches Pneumaleben im Innern
des im Glauben getauften Christen, das das Prinzip aller ver-
schiedenen Aeusserungen seines neuen religiösen und ethischen
Habitus ausmacht. Das Leben ist also gegenwärtig; es ist
pneumatisch und als solches psychisch und physisch zugleich.
Als pneumatisch ist das Leben christogenetisch. Denn der
Geist ist die energieerfüllte Lebenssubstanz, die Christus besitzt
und denen zuteil werden lässt, die in ihm sind. Die Identi-
fizierung Christi und des Geistes ist abzulehnen. Diesen
pneumatischen Lebensbegriff hat Paulus mit dem eschato-
logischen zu einer Einheit verbunden, die zwar organisch, aber
nicht ursprünglich ist. Der pneumatische Lebensbegriff ist
nicht aus dem eschatologischen herzuleiten. Auch aus der
hellenistischen Mystik stammt der Lebensbegriff des Paulus
nicht, dazu ist die inhaltliche Verschiedenheit zu gross. Er
stammt aus einer Verbindung alttestamentlioher Einflüsse, der
Vertiefung in die Auferstehung des gekreuzigten Christus und
dem individuellen Erlebnis des Paulus. Bei JohanneB ist das
Leben göttliches, deshalb überzeitliches, ewiges Leben. Seiner

teilhaftig zu werden ist das Ziel der Menschen. Es geschieht
durch die Wiedergeburt. In der Wiedergeburt gewinnt der
Mensch göttliches Wesen, d. h. einen neuen religiösen und sitt-
lichen Charakter und die metaphysisch-physische göttliche Un-
sterblichkeitssubstanz. Diese letztere, nicht der erstere ist bei
Johannes das Leben. Der johanneische Lebensbegriff ist selbst-
verständlich von dem hellenistischen abhängig. Er hat das
formale Schema der hellenistischen Religionsmystik, wenn auch
freilich christlichen Gehalt.

Den Vorzug des Buches bildet die Breite des herangezogenen
Stoffes. Es ist zweifellos sehr wertvoll, das Neue Testament
in diesem grossen Zusammenhang zu betrachten. Die Sammlung
des Materials aus den Apokalypsen, die genauere Darstellung
des Gehaltes der hermetischen Schriften und der Mysterien-
religion wird der Mitarbeitende dankbar begrüssen. Gegen die
Durchdringung des Stoffes erheben sich mir manche Bedenken.
Im allgemeinen tritt gegenüber der Feststellung der verschiedenen
Typen der Erklärung die Herleitung sehr zurück. Die eigentlich
religionsgeschichtlich interessanten Fragen: die Herleitung der
alttestamentlicheu Eschatologie, die Ansetzung der Hermetica,
die Wandlungen in den Mysterienkulten werden merkwürdig
schnell erledigt, von der Art, wie die Herleitung des johanneischen
Lebensbegriffs behandelt wird (S. 240 ff.), ganz zu schweigen.
Hier gilt allerlei als selbstverständlich, was darauf keinen be-
gründeten Anspruch hat. Je sorgfältiger die Behandlung des
religionsgeschichtlichen Problems bei Paulus ist, um so weniger
befriedigt sie an anderen Stellen. — In der Darstellung des
johanneischen Lebensbegriffs scheint mir ein grundlegender
Fehler begangen. Lindblom trennt das „Ethisch-Religiöse" vom
„Metaphysischen". Die Einheit beider ist aber gerade für das
johanneische Denken kennzeichnend, ja Grundvoraussetzung.
Joh. 17, 3; 6, 63; 1, 4; I, 3, 14 machen es unmöglich, das
Leben nur als Athanasia zu denken. Das „göttliche Wesen",
das Lindblom vom Leben unterscheidet, ist eben das Leben.
Auch gegen die Darstellung des paulinischen Begriffs habe ich
starke Bedenken. Der Paulinismus ist weniger mystisch, als
er hier erscheint. Die geschichtliche Tat Christi begründet,
dass er „mein Leben" ist (Gal. 2, 20 beachte die Aoriste
aYaicrjoavco; .... Trapaoovxos). Das verschwindet bei Lindblom
fast. Auch die Abtrennung des eschatologischen aus dem
spezifisch paulinischen Begriff ist irrig. Das Eschatologisohe
ist bei Paulus weder im Lebensbegriff, noch sonstwo etwas
Nicht Spezifisches. Paulus „lebt" von der geschichtlichen Tat
des Kreuzes und für die zukünftige der Wiederkunft, nicht
nur in einem gegenwärtigen christogenetischen pneumatischen
Besitz. Die gesamte Darstellung des paulinischen Lebensbegriffs
müHste meines Eraohtens anders orientiert sein.

Büchsel-Halle.

Aner, Dr. K. (Pfarrer in Charlottenburg), Aus den Briefen
des Paulus nach Korinth. Verdeutscht u. ausgelegt.
(Prakt. Bibelerklärung [VI. Reihe der Religionsgesohioht-
lichen Volksbücher]. Begründet von Fr.M. Schiele.) Tübingen
1913, Mohr (55 S. 8). 50 Pf.
An sich ein gutes und nützliches Unternehmen neben
manchen ähnlichen: dem Nichtakademiker die Bibel zn er-
schliessen. Sein Programm erklärt sogar ausdrücklich, das zu-
meist ins Auge zu fassen, was zum Pensum der Volksschule
oder zur Berufsausrüstung des Lahrers gehört. Aber diese erste
Probe der Ausführung erweckt lebhaften Widerspruch. Es sind
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