Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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verfolgen Iässt, namentlich in den Artikeln: The Svetasvatara
Upanishad und The Saiva Religion, ferner durch das Bestreben,
die Universalität des Sivaismus im Sinne des Saiva Siddhanta
zu beweisen, und endlich durch die Art und Weise, wie die
Lehrsätze des Saiva Siddhanta in Einklang mit den Ergebnissen
der europäischen Naturwissenschaft, Psychologie und Philosophie
zu bringen unternommen wird. Wer wissen will, wie ein moderner
Indier, der in Kontakt mit der christlich-europäischen Welt-
anschauung gekommen ist, aber doch mit vollem Bewusstsein
seiner angestammten Religion treu bleiben will, dies glaubt tun
zu können, dem sei die Lektüre dieses Buches sehr empfohlen.
Er wird dadurch vielleicht einen besseren Einblick in die jetzige
religiöse Lage Indiens, besonders Südindiens bekommen, als
durch manchen Artikel in den Missionsblättern, zugleich aber
auch die Ueberzeugung gewinnen, dass die Mission in Indien
noch wichtige und schwierige Probleme zu lösen hat.

Lio. Schomerus-Leipzig.

Steuernagel, D. Carl (a. o. Prof. an d. Univ. Halle), Lehr-
buch der Einleitung in das Alte Testament. Mit
einem Anhang über die Apokryphen und Pseudepigraphen.
Tübingen 1912, J. C. B. Mohr (XVI, 869 S. Lex.-8). 17 Mk.
Ein umfangreiches, aber auch inhaltroiches Werk. Der
erste Hauptteil, S. 19—85, handelt vom Text des Alten Testa-
ments. Mit Recht verwirft der Verf. im ersten Kapitel, im
Anschluss an den Referenten und Paul Kahle, die durch Sommer
und de Lagarde während einiger Zeit zur Herrschaft gelangte
These, dass unser masoretischer Text Einem etwa um 100 n. Chr.
festgestellten Archetypus entstamme. Der samaritanische Pen-
tateuchtext und die alten Uebersetzungen werden S. 42—71
besprochen; die Veränderungen des Urtextes und die Möglich-
keit seiner Wiedergewinnung S. 71—85. Der zweite Hauptteil,
S.86—100, ist „Der Kanon des Alten Testaments" überschrieben.
Den Hauptinhalt des Buches bildet, nicht weniger als 735 Seiten
füllend, die Besprechung der einzelnen Bücher: Pentateuch
(S. 120—-273); Jos., Rieht., Sam., Kön., Chrom, Esra, Neh.;
kleinere Erzählungsschriften (Ruth, Esther, Jona). Dem Ab-
schnitte über die Propheten (S. 457—672) geht ein Paragraph
„Allgemeines" voran. Hier gibt der Verf. zwar zu, „dass die
Ueberzeugung der Propheten, sie Beien der Mund Gottes, auch
objektiv berechtigt ist" (S. 458); aber „die Offenbarung . .
läutert und fördert nur die natürliche Erkenntnis" (S. 459).
Das Wörtchen „nur" enthält eine viel zu starke Einschränkung.
Dass Propheten auch ganz bestimmte Einzelereignisse voraus-
verkünciet haben (z.B. Jer. 28, 16 f.: „Dies Jahr sollst du
sterben". Und Chananja starb desselben Jahrs im siebenten
Monat), und dass gerade das Eintreffen des Gaweissagten ein
wichtiges Mittel der Beglaubigung der Propheten ist, gelangt
nirgends zum Ausdruck; S. 571 lesen wir vielmehr, das Ver-
halten Jeremias habe „zu einigen Konflikten mit den falschen
Propheten" geführt, „die jedoch harmlos verliefen (Kap. 28 f.)".
Der Weisheitsliteratur (Sprüche, Hiob, Koheleth) sind die
Seiten 672—723 gewidmet, den „Liedersammlungen" (Psalter,
Klagelieder, Hoheslied) die Seiten 723—770. Im Buche Hiob
wird Kap. 28 ausgeschieden, und über die Elihureden wird
gegen Budde und Cornill geurteilt, dass sie „kein ursprünglicher
Bestandteil des Buches sind". Der Psalter wird S. 725 „das
Gesangbuch der jüdischen Gemeinde" genannt (so auch viele
andere); richtiger wäre „Gebetbuch"; denn nicht die Gemeinde
sang beim Gottesdienst, sondern, wie S. 726 richtig steht, die

levitischen Sängerchöre. Im Anhange,. S. 771—835, sind
die Apokryphen und Pseudepigraphen besprochen (auch der
„AriBteasbrief").

Auf Einzelheiten einzugehen muss ich hier unterlassen, da
dazu bei der Masse und der Vielseitigkeit des Inhalts ein Buch
erforderlich sein würde. Der Standpunkt des Verf.s ist im
wesentlichen der der modernen „Entwickelungstheoretiker": daher
seine Abneigung gegen Wunder und Weissagungen; daher die
starke Betonung der Tendenz, welche in der priesterlichen
Schrift und in der Chronik zutage trete; daher die Behauptung,
der grösste Teil der Genesis bestehe aus Mythen und Sagen.
In der Zerlegung der überlieferten alttestamentlichen Schriften
und in der Behauptung junger und jüngster Bestandteile geht
der Verf. viel zu weit, und nicht wenigen der als „sicher"
oder „bewiesen" aufgestellten Sätze werden die Gelehrten
anderen Standpunktes ein „Nein" oder doch ein Fragezeichen
beifügen. So wird die hier kurz angezeigte Einleitung in das
Alte Testament, welche in manchem Betrachte als ein deutscher
„Ahr. Kuenen" bezeichnet werden kann, dem Gelehrten, der
selbständig nachprüft, Anregung bieten; Jüngere aber werden
durch sie leicht zu vorschnellem Absprechen verleitet werden.
Doch gebührt dem grossen Fleisse des Verf.s volle Anerkennung.
Eine Erwähnung der neueren Uebersetzungen (Luther!) habe
ich vermisst.

D. Hermann L. Strack-Berlin-Lichterfelde West.

Wohlrab, Martin (Geh. Studienrat in Dresden), Grundriss
der neutestamentliehen Psychologie. Dresden 1913,
L. Ehlermann (VI, 64 S. gr. 8). 1. 40.
Es ist erfreulich, dass nach längerer Zeit die neutestament-
liche Psychologie wieder einmal Gegenstand besonderer Studien
geworden ist, und nicht minder ist es erfreulich, dass ein mit
Wundts Psychologie vertrauter Philologe diese Studien unter-
nommen hat Philologische und philosophische Durchbildung ist
ja zur erfolgreichen Ausführung solcher Studien nötig. So bietet
denn Wohlrabs Schrift einen guten, klar gegliederten Ueberblick
über die im Neuen Testament sich findenden psychologischen
Begriffe und Vorstellungen mit manch treffenden Bemerkungen.
Es zeigt sich, dass gerade die zusammenhängende Behandlung
der in das Gebiet der Psychologie fallenden Fragen wertvoll
und förderlich ist. Verf. trennt „empirische" und „heilige"
Psychologie, die erstere entwickelt die formalen Begriffe, die
letztere die mit christlichem Inhalt gefüllten, so dass hier zu
Denken, Seele, Wille, Phantasie noch Geist und Vernunft hinzu-
kommt. Der erste Teil ist darum wertvoller als der zweite,
weil für den zweiten die Form des „Grundrisses" reichlich
knapp ist und die Benutzung der theologischen Literatur über
die in ihm behandelten Fragen vermisst wird. Das hat zur
Folge, dass die in dieser Literatur erörterten Probleme kaum
gestreift und darum auch nicht gefördert sind. Besonders be-
merkbar macht sich das bei den Worten: Gewissen und heiliger
Geist. Das Neue Testament ist als literarische Einheit gewertet.
Der von Paulus hervorgehobene Unterschied von geistlicher und
natürlicher Erkenntnis wird stark betont.

Schultzen-Peine.

Lindblom, Joh., Das ewige Leben, eine Studie über die
Entstehung der religiösen Lebensidee im Neuen Testament.
Upsala u. Leipzig 1914, 0. Harrassowitz (VI, 252 S. gr. 8).
7 Mk.
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