Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Individualität, sondern das religiöse Erleben einer bestimmten Zeit
und eines bestimmten Kreises, dem hier persönlicher Ausdruck
verliehen wird. Dadurch werden diese persönlichen Zeugnisse
doch Predigten, die fähig sind, dem gottesdienstlichen Bedürfnis
der Gemeinde zu dienen. Zwar wird man sagen müssen, dass
die reguläre Gemeindepredigt den subjektiven Faktor nicht so
stark vortragen kann, wie er hier hervortritt: damit soll solchem
subjektiven Predigttypns doch nicht sein Kecht und sein Wert
bestritten werden; gleichgestimmte Gemüter werden gerade so
am stärksten bewegt werden. — Als Thema läset sich über
diese Predigten schreiben: Gott und die Seele, doch so, dass
dabei die Person Jesu, d. h. aber sein inneres Leben, stark
hervortritt, — nicht nur als Vorbild, auch als Erlöser, der —
etwa in Schleiermacherschem Sinne — uns in die Kräftigkeit
seines Gottesbewusstseins aufnimmt. Der Prediger ist mit den
Nöten und Stimmungen der Gogenwartsmenschen wohl vertraut,
hält sich aber im allgemeinen von dem Fehler frei, dem die
moderne Predigt oft verfallen ist, dass vor dem Streben, durch
allseitiges Einfühlen einen lebendigen Kontakt herzustellen, die
Hilfe, die das Evangelium bringt, nicht in gleichem Mass zu
ihrem Rechte kommt. Lic. M. Peters-Hannover.

Rein, Wilhelm, TJeber Stellung und Aufgabe der Pädagogik
in der Universität. Rede, gehalten am 30.November 1912
in der Aula der Universität Jena. Langensalza 1913,
Hermann Beyer & Söhne (27 S. gr. 8).
Der inhaltsreiche Vortrag wirbt um allgemeine Anerkennung
der Pädagogik als einer selbständigen Universitätswissenschaft.
Nur allzulange habe sie, in der Welt exakten Wissens wie
innerer Erlebnisse gleichermassen verankert, eine Aufteilung
unter die Gebiete der Universitätswissenschaften sich gefallen
lassen müssen, mit denen sie in Beziehung stehe, obgleich die
Welt der Unmündigen ein eigenartiges Forschungsgebiet dar-
stelle. Ihr später Eintritt in die Universitätsdiszipliuen erkläre
sich neben der für ausreichend erachteten Aufteilung aus den
grossartigen praktischen Leistungen der ausserhalb der Hoch-
schule in der äusseren Wirklichkeit stehenden Staatspädagogik.
Aber die Universitätspädagogik habe die Rolle des Gebenden,
die Staatspädagogik die des Nehmenden zu betätigen, wobei
freilich für letztere keinerlei Zwang bestehen dürfe. Doch müsse
der Staatspädagogik eine wirksame Hilfe zur Lösung des
schwierigen Schulverfassungsproblems und eine rechtzeitige
Warnung vor Abwegen von freier und unabhängiger Warte
ans hoch willkommen sein. Auch könne die Universitäts-
pädagogik bei den Schulkämpfen der Gegenwart für die
politischen Parteien wie für die staatspädagogischen Instanzen
einen objektiven Orientierungsplan abgeben. In eingehender
Darstellung der Fähigkeit der wissenschaftlichen Pädagogik zu
diesem Dienste wird auch auf ihre hohe Aufgabe hingewiesen,
die ideellen Interessen auf dem Gebiete der Religion, Sittlich-
keit, Wissenschaft und Kunst zu pflegen, soweit sie das Leben
der heranwachsenden Generation berühren, und dadurch die
Zukunft des Volkes zu sichern. Frenzel-Leipzig.

Armknecht, Otto (weil. P. a. d. Zionskirche in Hann.-Linden),
Zionsstrahlen. Tägliche Andachten. Hamburg, Buchhdlg.
des Nordbundes (400 S. 8). Geb. 2 Mk.
Die Andachten sind kurz, jede füllt eine Seite mit ihren
36 Zeilen; wer sie gebraucht, den werden sie den Tag über be

gleiten, denn sie prägen sich dem Gedächtnis leicht ein. Lehr-
haft und klar spricht Verf. zu seinen Lesern, oft erinnert er an
Katechismuswahrheiten. Es war seine Gabe, das Schriftwort in
anfassender Weise darzubieten; so spürt man auch hier einen
frischen Zug und fühlt sich innerlich mitgenommen. Etwas von
Luthers kräftiger Art, von dem auch manches Wort erwähnt wird,
ist in dem Buche zu finden. So ist es der Witwe des nach unseren
Gedanken zu früh Heimgegangenen zu danken, dass sie diese
Andachten ausgewählt hat. Dass Geh. Kirchenrat Prof. D. Ihmels
ein Vorwort dem Buche mitgegeben hat, ist schon an sich eine
g:::te Empfehlung. G. Lohmann-Hannover.

Kurze Anzeigen.

Mulert, Lic. Hermann (Privatdozent), Paul de Lagarde. (7. Band
von „Die Klassiker der Religion", herausgegeben von Prof. Lic.
G. Pfannmiiller.) Berlin-Schöneberg 1913, Protest. Schriftenver-
trieb G. m. b. H. (118 S. gr. 8). 1. 50.
„Es handelt sich hier um Lagarde als Klassiker der Religion.
Von Gott und Ewigkeit hat er mit neuen Zungen geredet. Auch wo
er Gedanken ausspricht, die längst von anderen vertreten worden waren,
lässt uns doch die Kraft seiner Rede, die Eindringlichkeit seiner For-
mulierungen aufmerken. Echt in Liebe und Zorn, schneidend scharf
in seiner Polemik und innig in seinen Liedern, gehört er zu den
deutschen Propheten" — so beginnt die Einleitung, die knapp und
klar Lagardes Eigenart, Wirken und Streben schildert. Sodann sind aus
seinen Schriften einzelne Stellen und Gedichte abgedruckt, geordnet unter
die ach«. Gesichtspunkte: Religion, Individualität, Nution, Anklage und
Trost, Gesetze des geistigen Lebens, Wissenschaft, die israelitische Reli-
gion, Evangelium und Christentum. Dass die Grenzen zwischen diesen
Abteilungen nicht immer ganz scharf eingehalten werden, dass manche
Stelle in zwei oder mehr zugleich hineingehört, liegt auf der Hand.
Ausgeschieden ist alles, was Lagarde in die Tageskämpfe hineinziehen
könnte. Es soll lediglich auf die Gesinnung ankommen, auf den
„Sinn für unbedingte Verpflichtungen inmitten dieser so sehr au Rück-
sichten und Vermittelungen gewöhnten Welt, auf den Sinn für das
Ewige inmitten unserer an Schtingütern reichen Kultur und des immer
lauteren Alltagsbetriebes". Ein Stellennachweis und ein Verzeichnis
der Schriften von und über Lagarde machen den Band noch wertvoller.

Scher ff ig-Leipzig.

Fries, Jakob Friedrich, Philosophische Rechtslehre und Kritik aller
positiven Gesetzgebung. (Hauptwerke der Philosophie in original-
getreuen Neudrucken IL) Leipzig 1914, Felix Meiner.
Angeregt von dem allgemeinen Interesse, das die Gegenwart den
philosophischen Denkern der Vergangenheit, vor allem auch der klassischen
Epoche um 1800, entgegenbringt, hat der Leipziger Verlag Meiner
neben seiner altbekannten „Philosophischen Bibliothek" nunmehr eine
weitere bemerkenswerte Sammlung eröffnet, die eine Reihe älterer
deutscher philosophischer Werke in vollkommen „originalgetreuen"
Neudrucken (getreu bis zum Facsimile, bis zur adäquaten Nachbildung
der ehemaligen Seitengrösse und -zahl, der Druckform, des vergilbten
Papiers!) dem Publikum darbietet. In dieser Sammlung erscheint —
nach Lotzes Geschichte der Aesthetik — als zweiter Band das rechts-
philosophische Hauptwerk des bekannten Kantianers Fries (1803), das
damit für einen billigen Preis der allgemeinen Kenntnis und Benutzung
zugänglich wird. Gerade Fries, der die spekulative Wendung der
nachkantischen Philosophie nicht mitgemacht, sondern den logischen
und ethischen Tendenzen der Kantischen Philosophie verhältnismässig
nahe geblieben ist, gehört ja zu denjenigen, um die sich heute wieder
eine Art von „Schule" zu scharen beginnt, für den besonders auch in
manchen theologischen Kreisen starkes Interesse besteht. Zu dem ver-
dienstvollen Neudruck möchte ich nur bemerken, dass man nicht nur
ein alphabetisches Namen- und Sachregister, sondern auch ein syste-
matisches Inhaltsverzeichnis hätte hinzufügen sollen.

Wilhelm Metzger-Leipzig.

Neueste theologische Literatur.

Unter Mitwirkung der Redaktion
zusammengestellt von Oberbibliothekar Dr. Runge in Güttingen.
Zeitschriften. Zeitfragen, Biblische. VII. Folge, hrsg. v. Proff. Drs.
P. Heinisch u. Ign. Rohr. 1. u. 2. Heft. Sanda, Prof. Dr. A., Elias
u. die religiösen Verhältnisse seiner Zeit. 1. u. 2. Aufl. 3. Heft.
Heinisch, Prof. Dr. Paul, Griechische Philosophie u. Altes Testament.
II. Septuaginta u. Buch der Weisheit. 1. u. 2. Aufl. Münster, Aschen-
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