Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

353

354

Koch, Anton, Wesen und Wertung des Luxus. Tübingen
1914, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) (51 S. gr. 8). 1. 50.
Die Tübinger Rektoratsrede von A. Koch enthält eine um-
sichtige, historisch vielseitig fundierte und inhaltlich gediegene
Untersuchung über das Wesen (S. 7—12) und die sittliche Be-
rechtigung des Luxus (S. 12 ff.). Er stellt mit Recht ins Licht,
dass der Sinn des Luxus je nach Kulturstufe und sozialer
Stellung sehr verschieden ist, und gewinnt (S. 10) die Definition,
der Luxus bestehe „in jenem Aufwand oder Ueberfluss, der
über das hinausgeht, was die Allgemeinheit der Einwohner
eines Landes nicht bloss als für die Bedürfnisse der Existenz
notwendig, sondern selbst zur Annehmlichkeit und Zierde des
Lebens wesentlich erachtet". Für die Wertung des Luxus
unterscheidet er in drei Stufen die rein physiologische, die
volkswirtschaftliche und die ethische Betrachtungsweise; und
eben in dieser Stufenfolge kann ich ihm nicht zustimmen:
meiner Ansicht nach ist die soziologische und nationalökonomische
Beurteilung des Luxus von der ethischen grundsätzlich ver-
schieden. Für die volkswirtschaftliche Betrachtung ist der
Luxus, was Kooh auch hervorhebt, ein unerlässliohes Be-
wegungsferment der Kultur. Für die ethische Betrachtung ist,
was Koch nicht genügend hervorhebt, jeder Lebensaufwand
Ausdruck der Persönlichkeit in ihrer sittlichen oder gleich-
gültigen oder unsittlichen Lebensrichtung. Kooh bleibt eben,
wie das für den katholischen Theologen verständlich ist, auf
dem Boden der präzeptiven Moral in der Fragestellung stehen,
ob und wie weit der Luxus erlaubt sei, und muss dann natür-
lich feststellen, dass alle moralischen Vorschriften und selbst
staatliche Verordnungen nichts genützt haben. Wertet man
dagegen aus der Persönlichkeit die Gestaltung ihrer Umgebung,
to ergibt sich, dass der gläubige Christ, der Nächstenliebe übt,
keinen Luxus treibt, und man sieht, dass es nicht auf Vor-
schriften, sondern auf Persönlichkeitsbildung ankommt.

L em m e - Heidelberg.

Mattb.es, Dr. A. (Superint. u. Oberpfarrer am Mariendom zu
Kolberg), Brocken vom Sonntagstisch. Ein Jahrgang
Predigten über einzelne Verse der sonn- und festtäglichen
altkirchlichen Evangelien. Leipzig 1914, A. Deichert (VI,
473 S. gr. 8). 5. 50.
Von der Beobachtung ausgehend, dass die altkirchlichen
Evangelien nun einmal unseren Gemeinden besonders vertraut
sind, will der Verf. einzelne an sich mehr abliegende und
leichter übersehene Punkte aus ihnen herausheben; „denn auch
die Späne aus der Werkstatt des Zimmermanns von Nazareth
haben mehr als Augenblicks-, haben Ewigkeitswert". Doch
hält er dabei von vornherein für die bei solchem kurzen Text
naheliegende Gefahr den Blick offen, dass er „nur der ein-
geschlagene Nagel ist, an den alles Beliebige herumgehängt
wird"; er will nur ausführen, was wirklich im Texte liegt. —
Der Gedanke ist sympathisch und wertvoll und mit der an-
gegebenen Kautele wohl geeignet, dem immer neuen Befahren
der alten Geleise, das gerade bei den alten Perikopen nahe
genug liegt, vorzubeugen. Im ganzen kann auch die Aus-
führung als gelungen bezeichnet werden. Es fängt so in der
Tat, nach des Verf.s eigenem Bild, mancher Mond im Texte
an aufzuleuchten, der sonst durch den Glanz des Hauptlichtes
verdunkelt war. Aus der Hochzeit zu Kana z. B. ist heraus-
genommen das Wort: Was er euch sagt, das tut, als „die
gewaltigste, knappste und umfassendste Lebensregel" (S. 79),

aus dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg das Wort
an die Müssigstehenden: „Gottes Barmherzigkeit mit den Müssig-
stehenden, sein tiefer Schmerz über die Untüchtigkeit, sein
heiliges Aufrütteln zur Arbeit" (S. 107), aus dem Gleichnis vom
vierfachen Acker das Felsenland: „Der Unwert des Stimmungs-
christentums" (S. 115), aus dem Evangelium von Estomihi das
Wort: sie aber vernahmen der keins mit dem Thema: „Un-
verstanden" (S. 119), aus dem Evangelium vom Sorgen (15. p.
trin.) das Wort: Trachtet am ersten . . mit der Losung: „Ziel-
bewusst" (S. 332). Doch sind öfters auch mehr allgemeine und
zentrale Themata aufgestellt, so namentlich an den Festtagen. —
Die homiletische Art des Verf.s ist schon aus früheren Ver-
öffentlichungen bekannt. Man kann sie als eine schwunghaft
rhetorische bezeichnen, mit den Vorzügen derselben: Lebendig-
keit, Wärme, Bilderreichtum, sprachlicher Gewandtheit, doch
auch nicht ganz ohne ihre Mängel: einen gewissen Wortreich-
tum, ein Zurücktreten der klar fortschreitenden Gedankenführung
hinter der gegenständlichen Schilderung; auch hält sich die
Sprache nioht ganz frei von einem homiletischen Kunstgepräge,
für das den Heutigen doch der Geschmack mehr abhanden ge-
kommen ist. Dagegen: dass die Rücksicht auf die modernen
Stimmungen gegenüber dem positiven biblischen Gehalt mehr
zurücktritt, möchte ich nioht als Mangel bezeichnen. — Als im
besten Sinn plerophorische, seelsorgerlich gewinnende Glaubens-
zeugnisse verdienen diese Predigten Lob, doch gehören sie zu
denjenigen, bei denen, wenn sie gedruckt vorliegen, das Fehlen
der viva vox besonders empfunden wird.

Lic. M. Peters-Hannover.

Frommel, Otto, Vom inwendigen Leben. Predigten.
Tübingen 1913, Mohr (VI, 216 S. gr. 8). 3 Mk.
Eine Predigtsammlung, die ganz aufs Persönliche, Subjektive
gestimmt ist. Der Verf. sagt im Vorwort: „Predigten sind wie
Gedichte ein Niederschlag eines einzelmenschlichen inneren
Lebens." In der Tat muten diese Predigten wie lyrische Ge-
dichte an und wenden sich stark an das ästhetische Empfinden.
Ueberall versteht es der Verf., die Situation des Textes in
poetischer Bildkraft vors Auge zu malen, er ist im besten Sinne
stimmungsvoll, und alles, was er sagt, ist ein Zeugnis innerer
Erfahrung, eigenen subjektiven Empfindens. Freilich macht er
dann selber den Unterschied zwischen Gedichten und Predigten:
„Was diese von jenen unterscheidet, das ist die Art ihres
Werdens, die durch einen äusseren Zweok bestimmt ist. Während
das Gedicht zeitlos, zwecklos, ungerufen in die Erscheinung
tritt [? — Goethe hat bekanntlich alle seine Gedichte Gelegen-
heitsgedichte genannt], dient jede Predigt einem bestimmten
Zweck. Sie dankt ihre Entstehung einem von aussen gegebenen
Anlass, der gottesdienstlichen Feier, dem Erbauungsbedürfnis
der christlichen Gemeinde." „Darum, urteilt er weiter, eignet
den Predigten, wenn sie wirklich Predigten und nicht dichterische
Erzeugnisse sind, die auf der Kanzel gesprochen werden, immer
ein Erdenrest von Zeitlichem, Zweckbestimmtem, Gelegenheit-
lichem." Fast klingt das, als läge darin ein Mangel, aber
wir danken es dem Verf., dass er sein starkes subjektives Ge-
fühl, das sich vielleicht am liebsten rein aus sich Eelbst und
für sich selbst ausspräche, dieser Zweckbestimmung nicht ent-
zogen hat. So gewinnt diese lyrische Art die Kraft zu wirken,
ins eigene Erleben hineinzuziehen, sie weckt nicht bloss
ästhetisches Wohlgefallen, sie nimmt auch das Herz und Ge-
wissen in Anspruch. Und so ist es auch nicht nur die eigene
loading ...