Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Nun ist aber ziemlich allgemein in der Literatur — so auch
von Jul. Wolf und von mir — konstatiert worden, dass in
katholischen Gebieten der Geburtenrückgang geringer sei als
in protestantischen. Es lag nahe, dass diese Tatsache von
katholischer Seite her in konfessionellem Interesse ausgebeutet
wurde. Demgegenüber hat sich Forberger ein Verdienst er-
worben durch seine sorgfältige Prüfung des statistischen Materials,
auf das jenes Urteil begründet war. Es ist vor allem wichtig,
dass erwiesen wird, dass die Einwanderungsbevölkerung, die sich
naturgemäss häufig aus jüngeren Paaren und Einzelpersonen
zusammensetzt, die Erhöhung der Geburtenziffer in gewissen
Gegenden erkläre, ohne dass der Katholizismus ausschlaggebend
wirkt (S. 15 ff.). Das hatten Wolf wie auch ich übersehen.
Wertvoll ist weiter die Beobachtung, dass der Katholizismus in
den Grossstädten den Geburtenrückgang nicht hinanhalte und
überhaupt seit ca. 1900 in ansteigendem Mass an dem Rück-
gang beteiligt ist (S. 31 f. 49). Aber diese und ähnliche Be-
obachtungen, so wichtig Bie sind, verringern zwar den Vorsprung
der Katholiken in der Volksvermehrung und modifizieren das
Bild, aber heben den starken Vorsprung natürlich nicht auf,
den der Katholizismus immer noch hat. So haben nach Forbergers
eigenen Angaben etwa in Preussen die Geburtenziffern von 1875
bis 1911 bei Protestanten einen Rückgang von 13,39, bei den
Katholiken von 7,80, bei den Juden von 17,65 Proz. (S. 22 f.)
erfahren. Der Rückgang ist, wie man hieraus sieht, allseitig,
aber die Protestanten haben immerhin den negativen Vorsprung
von 5,59 Proz. Der Raum verbietet, auf Einzelheiten einzu-
zugehen. Aber ich möchte die anregende Schrift dem eigenen
Studium der Leser bestens empfehlen. R. Seeberg-Berlin.

Galloway, Dr. phii., D.D. G., The Philosophy of Religion.
Edinburgh 1914, T. & T. Clark (XII, 602 S.). Geb. 12 Bh.
Die neuere Zeit mit ihrem vorwiegenden Interesse für das
Konkrete hat natürlicherweise mehr das Feld der Religions-
geschichte bebaut, und gern wird auch diese Gelegenheit be-
nützt, eine so vortreffliche Frucht dieser Studien zu erwähnen,
wie sie in Tiele-Söderbloms „Kompendium der Religions-
geschichte" (1912) vorliegt. Aber daneben ist doch auch die
Liebe zu ihrer ideal veranlagten Schwester, der Religions-
philosophie, nicht ganz erkaltet. Auch streng wissenschaftliche
Arbeiten darüber in Gestalt von „Lehrbüchern oder Grund-
rissen der Religionsphilosophie" sind ja von Eucken (1893),
Höffding (1901), A. Dorner (1903) und Ed. v. Hartmann (1909)
veröffentlicht worden. Diesen reiht sich nun in England ein
neuer Band der International Theologioal Library an. Diese
jüngste Religionsphilosophie zollt in ihrem Aufbau dem Zuge
der Zeit nach der Betonung des Geschichtlichen insofern ihren
Tribut, als sie zuerst einen Ueberblick über einige Hauptstufen
der religiösen Entwickelung des Menschengeschlechts gewährt.
Freilich ist dabei nicht ersichtlich, was die Unterscheidung
von Stammreligion, Nationalreligion und Universalreligion für
die Erkenntnis des Wesens der Religion ausmachen soll. Die
Betrachtang anderer Gruppierungen der Religionen, wie Religion
der Primitiven und der Kulturvölker, oder Furchtreligionen und
Erlösungsreligionen, würde wichtiger gewesen sein. In einem
zweiten Hauptteile wird das Verhältnis von Erkennen und Er-
fahrung in der Religiosität untersucht und z. B. gut der bloss
subjektive Charakter des Wertes der Dinge bekämpft (S. 3 54 ff.).
Nachdem dieser Teil bis zum Begriff der „Wahrheit in der
Religion" hinangeführt hat, wird der Frage nach der „letzten

(ultimate) Wahrheit der Religion" der dritte Hauptteil des
Buches gewidmet. Da werden die Gottesbeweise einer Kritik
unterworfen usw. Von der „Offenbarung" gilt das Wort „Spät
kommt er, doch er kommt". Nämlich auf S. 581 ff. wird Bie
besprochen. Wenn der Verf. dabei auch den Traum als eine.
Quelle der speziellen Offenbarung aufführt (S. 585), so hätte
er nicht übersehen sollen, dass die alttestamentlichen Propheten
diese Quelle abgelehnt haben (meine Gesch. der altt. Rel. 116).
Auch wäre bei Verneinung einer unmittelbaren Beeinflussung,
der menschlichen Erkenntnis über das Jenseits zu erwähnen,
gewesen, dass Jesus das Bewusstsein hatte, in seiner Persönlich-
keit eine Verbindung der göttlichen und menschlichen Sphäre
darzustellen. Ueber den Erörterungen des Verf s Bchwebt ein
wohltuender Hauch des Idealismus. Aber ob damit einerseits
dem berechtigten Autoritätsanspruoh der biblischen Religion
und andererseits dem Verlangen des menschlichen Geistes nach
einer Schlussantwort auf die Frage nach dem Ziele des Lebens
genügt werden kann, ist mir sehr fraglich. Ed. König.

Wernle, D.Paul (Professor in Basel), Evangelisches Christen-
tum in der Gegenwart. Drei Vorträge. Tübingen 1914,
J. C. B. Mohr (VIII, 118 S. gr. 8). 2. 50.
Von den drei Vorträgen ist der erste über das Thema:
„Christentum und Entwickelangsgedanke" derjenige, der am
wenigsten neue und haltbare Gedankengänge bringt. Die
Kapitulation vor dem Entwickelungsgedanken erfolgt auch auf
dem ethisch-religiösen Gebiete fast restlos, und nur erbauliche
Gefühlsgründe werden für eine Sonderstellung des Christentums
angeführt (vgl. S. 32). Dagegen ist bei der Beantwortung der
Frage: „Was haben wir an der Reformation?" schon die Skizze
der modernen Einreden wider diese und dann ihre Ueberwindung
packend und eindrucksvoll. Trotz der naturgemäss auch hier-
bleibenden Differenzen können wir mit Freude konstatieren,
dass Wernle die Grundtendenzen des „Altprotestantismus" er-
fasst und teilt: „In den zwei Liedern Luthers „Aus tiefer Not
schrei ich zu dir" und „Ein feste Burg ist unser Gott" ist
eigentlich alles enthalten, um was es sich immer handeln wird,
wenn man von der Reformation spricht" (S. 28). — Der dritte
Vortrag hat sich eine Hauptsohwierigkeit der Ethik unter dem
Titel: „Die Forderungen der Bergpredigt und ihre Durchführung
in der Gegenwart" zum Gegenstande erwählt. Wernle versäumt
es wieder nicht, die hauptsächlichsten typischen Auffassungen
zu schildern, welche die Forderungen der Bergpredigt gefunden
haben. Seine eigene „Lösung" kommt darauf hinaus, dass
es einige „wenige" Menschen geben muss, die „sich restlos in
den Dienst der hohen Forderung Jesu stellen, unbekümmert
um ihre Verträglichkeit und Brauchbarkeit für die Welt"
(S. 112), während andere die Personalunion in sich verwirk-
lichen sollen, „ein Kind Gottes und de3 Friedens zu sein und
gleichzeitig ein Mensch des Kampfes" (S. 116). Mit anderen
Worten kombiniert Wernle das katholische und lutherische Ver-
ständnis der Bergpredigt. Wesentlich befriedigender und originaler
ist diese ganze Frage in dem gleichzeitig erschienenen Aufsatz
von Pastor H. Kühn in Gössnitz, S.-A.: „Das Problem der Berg-
predigt" in der „Neuen Kirchl. Zeitschrift" 1914, März- und
Aprilheft, behandelt, den wir der Aufmerksamkeit interessierter
Leser empfehlen. R- H. Grützmacher-Erlangen.
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