Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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halb dea Rahmens dieses Buches liegen. Jedenfalls wird man
hinfort sorgfältiger unterscheiden müssen zwischen Ignaz und
der späteren Tätigkeit seines Ordens, der nicht „zum Kampfe
gegen den Protestantismus gegründet worden ist", wenn er
auch später diese Entwickelung genommen hat (S. 147. 150).

Höchst amüsant räumt Böhmer mit einer anderen fable
convenue auf, mit dem „Gespenst des spanischen Volksgeistes",
der in Ignaz spuken soll, indem er an der Hand prachtvoller
Schilderungen von der Heimat Loyolas auf Grund persönlicher
Eindrücke (hier konnte wohl auch auf die schönen Bilder in
Thompsons Ignazbiographie hingewiesen werden) nachweist,
wie vielmehr der baskische Charakter in Ignaz sich wieder-
spiegelt, der sich von dem spanischen wesentlich unterscheidet
(weniger künstlerisch als tatkräftig, Freude am Kampf). Indes
dürfte doch wohl ergänzend hinzuzufügen sein, dass man dem
„spanischen Geist" doch den Glaubensfanatismus nicht wird ab-
sprechen können, den die jahrhundertelangen GlaubenBkämpfe
mit dem Islam den Bewohnern der iberischen Halbinsel auf-
geprägt haben. Böhmer selbst redet S. 151 f. von der „allen
Spaniern anerzogenen, bei Ignaz ganz besonders stark ent-
wickelten Empfindlichkeit gegen jede Abweichung von den
Lehren und Bräuchen der vaterländischen Religion".

Mit diesem „baskischen" Geiste, der mehr auf der Willens-
seite stark ist als auf der geistig schöpferischen, hängt dann
wohl auch die von Böhmer hervorgehobene Unoriginalität
Loyolas zusammen: die exercitia sind eine unmittelbare Frucht der
sog. devotio moderna; selbst der „Kadavergehorsam" geht auf
einen Ausdruck des hl. Franz zurück. Auch seine Visionen sind
phantasielos, nüchtern.

Der Name des Stifters heisst in den ältesten Urkunden
Ynigo oder Eneco (= Hennig), seit 1538 vermutlich ändert
er ihn den Italienern zuliebe in Ignazio (Ignatius). Der Name
„Jesuiten" verdrängte den ursprünglichen „Iniguistas" zuerst in
den Niederlanden; er war dort als Schimpfname für „Betbruder"
üblich — ein neuer interessanter Beleg dafür, wie Spottnamen
offiziell anerkannt werden können.

Dass die Lektüre dieses Buches ein hoher Genuss ist, braucht
dem nicht gesagt zu werden, der Böhmers Art kennt: er greift
hinein ins volle Menschenleben und wo er's packt, da ist es
interessant, nichts Menschliches ist ihm fremd.

Die Fortsetzung soll, wie oben im Untertitel angegeben ist,
noch viel Dringlich-Problematisches bringen — möchte sie nicht
zu lange auf sich warten lassen. Hans Prenss-Leipzig.

Reichel, Lic. Gerhard (Dozent am theol. Sem. d. Brüdergem.
in Gnadenfeld), Der „Senfkornorden" Zinzendorfs. Ein
Beitrag zur Kenntnis seiner Jugendentwicklung und seines
Charakters. L Teil: Bis zu Zinzendorfs Austritt aus dem
Pädagogium in Halle 1716. Leipzig 1914, Fr. Jansa (227 S.
gr. 8). 4 Mk.

Der Verf., bereits bekannt durch seine treffliche Spangen-
bergbiographie und die Widerlegung des Pfisterschen „Zinzen-
dorf im Licht der Psyohanalyse", bietet in der vorliegenden
Beilage zum Bericht des theologischen Seminars der Brüder-
gemeine eine ausführliche Detailstudie zu Zinzendorfs Leben.
Meines Erachtens vermag sie viel Licht auf Zinzendorfs Persön-
lichkeit und Lebenswerk zu werfen. Reichel setzt bei der her-
kömmlichen, in allen früheren Darstellungen vertretenen An-
schauung ein, wonach Zinzendorf bereits als Schüler in Halle
seinen „Senfkornorden" gestiftet habe. Er zeigt, wie aber

gerade über diesen so oft angeführten Punkt aus dem Leben
des Grafen die grösste Unklarheit herrsche. Unklar ist die
Grttndungszeit; Hase setzt dafür schon das Jahr 1711 an,
Kurtz erst 1715. Unklar sind aber auch Zweck und nähere
Gestaltung des Ordens. Diese Unsicherheit ist dadurch noch
vermehrt worden, dasB Joseph Th. Müller in derRE3 (21, 680)
die noch unbegründete These aufstellte: die Gründung des
„Senfkornordens" falle erst viel später — um 1730 — und
ohne Zusammenhang mit den früheren ähnlichen Bestrebungen
Zinzendorfs. Doch hatte diese literarische Aeusserung zur
Folge, dass in den neuesten Lehrbüchern der Kirohengeschichte
(Heussi, Stephan, Appel, Deutsch) jede Erwähnung des „Senf-
kornordens" unterblieb!

Reichel geht der wichtigen Frage in diesem ersten Teil bis
1716 nach, indem er Zinzendorfs spätere Selbstaussagen an
Hand von einwandfreien, absolut gleichzeitigen Quellen prüft,
resp. richtig stellt. Denn es zeigt sich, dass diese Selbstaussagen
des Grafen, ans denen man bis jetzt alle Nachrichten über den
„Senfkornorden" geschöpft hatte, vielmehr als geistvolle Ge-
schichtsbetrachtung und GeschichtBkonstruktion zu fassen sind,
denn als objektive Geschiohtserzählung. Bei aller Richtigkeit
des Totaleindruckes und der Grundtendenz hat Zinzendorf doch
in seinen Mannesjahren so vieles aus seiner Jugendzeit etwas
stilisiert, einzelnes verallgemeinert, späteres hinaufgerückt usw.,
dass man ohne das gleichzeitige Quellenmaterial zu keiner klaren
Vorstellung der Sache kommt. So muss man Reichel sehr
dankbar sein für das anschauliche Bild, das er von den An-
fängen von Zinzendorfs geistlicher Wirksamkeit zeichnet. Danach
sehen wir Zinzendorf zwar erst am Schluss seines Hallenser
Aufenthaltes als Leiter eines erweckten Freundeskreises, für den
er nach seinem Abschied eine ganze Nacht mit Briefschreiben
durchwacht, und doch können wir vorfolgen, wie sich schon in
dem zehnjährigen Knaben auf dem groBsmütterlichen Schloss
ein Trieb, auf andere geistlich einzuwirken, regt. Es ist sehr
begreiflich, dass gerade die Augenblicke, wo dieses Werbe- und
Gemeinschaftsbedürfnis Sättigung fand, am tiefsten in Zinzen-
dorfs Erinnerung hafteten und später seine ganzen Jugendjahre
im Lichte der letzten Hallenser Zeit erscheinen liessen.

So liefert Reichels sorgfältige Studie dem Kirchenhistoriker
wertvolles Material einmal zur Kenntnis von Zinzendorfs Jugend-
entwickelung und Charakter. Vor allem waren mir die Aus-
führungen über Zinzendorfs „Bekehrung" äusserst interessant.
Daraus erhellt, dass man in Halle doch von einer solchen
wusste, wenn sie auch nicht in Gestalt eines radikalen Bruches
hervortrat, so doch als ein Erlebnis, das er in einem Briefe an
Franke charakterisiert als „die erste Gelegenheit, wodurch mich
der treue Vater recht herumriss". Aber auch in die hallensi-
schen Verhältnisse unter Franke gewinnt man manchen Ein-
blick. Mir ist Franke doch von neuem recht gross daraus ge-
worden. Die spezielle Frage nach dem „Senfkornorden" wird
sich ja erst mit der Vollendung des zweiten Teiles völlig ab-
klären. Pfr. Geizer-Opfertshofen (Schweiz).

Forberger, Joh. (Pastor in Dresden), Geburtenrückgang
und Konfession. Berlin 1914, Säemann-Verlag (72 S.
gr. 8). 1 Mk.

Unter der seit einiger Zeit so stark anschwellenden Literatur
über den Geburtenrückgang nimmt die vorliegende Arbeit einen
hervorragenden Platz ein. Den hohen Ernst der Tatsache des
Geburtenrückganges stellt der Verf. nicht in Abrede (S. 21. 71).
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