Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Martini Luthers Tod, zu Rom ausgangen" (1545) ist eine Probe
zugleich des Hasses, dessen sich Luther erfreute, und des köst-
lichen und kräftigen Humors, mit dem er solchem Hass zu be-
gegnen wusste. Die Vorrede zum ersten Bande der Opera
Latina der Wittenberger Ausgabe (1545) bildet, einen bedeut-
samen Schritt zur Sammlung der Werke Luthers darstellend,
einen passenden Abschluss der Ausgabe.

Kann ich mit der vorliegenden Auswahl mich also unein-
geschränkt einverstanden erklären, so habe ich für den Supplement-
band, an dessen Stelle ich freilich lieber zwei sähe, noch einen
Wunsch. So wichtig gewiss die beiden noch in Aussicht ge-
nommenen Schriften: „Wider die himmlischen Propheten" (1525)
und „Von den Konziliis und Kirchen" (1539) sind, und so
sympathisch mir speziell der Abdruck der letzteren wäre, weil
sie wie keine andere Luther den Historiker uns zeigt, so stört
es mich, dass diese Schriften — sit venia verbo — nachklappen
sollen. Ausserdem fürchte ich für die Schrift „Von den Konziliis
und Kirchen" doch stark das Klopstocksche Schicksal, viel ge-
lobt, doch wenig gelesen zu werden. Mein Wunsch ginge dahin,
dass, wenn wirklich nur ein Band noch zugestanden wird, dieser
nur Lieder, Predigten in guter Auswahl und recht instruktive
Proben aus der Bibelübersetzung brächte; oder wenn zwei Bände
noch bewilligt werden, was ich immer noch hoffe, dass ein
zweiter Band noch eine quellenmässig durch Luthers Leben
führonde Briefauswahl brächte, so dass die Briefe in nuce eine
Biographie darstellen und Luther in seinen Schwächen sowohl
wie in seiner Grösse zeigen. Kurze Einleitungen und Ver-
weisungen auf die Köstlin-Kawerausche Lebensbeschreibung
müssten den Zusammenhang halten; auch einige wichtige Doku-
mente aus der Reformationsgeschiohte könnten ergänzend bei-
gefügt werden. Ich meine, ein solcher Band könnte in erster
Linie der theologischen Jugend, an die ja zuerst gedacht ist,
aber auch vielen anderen Benutzern dieser Auswahlausgabe gute
Dienste leisten.

Dieser Wunsch mag zeigen, welches hohe Interesse ich an
dieser Ausgabe nehme. Dass Einrichtung und Ausstattung der
beiden jetzt vorliegenden Bände dieselben trefflichen sind wie
bei Band I und II, sei überflüssigerweise noch besonders er-
wähnt. Ich schliesse mit dem Wunsch, mit dem ich meine erste
Anzeige geschlossen, dass die Ausgabe sich viele Freunde er-
werben und wieder beitragen möge, Luther seinem Volke be-
kannt zu machen. Ferdinand Cohrs-Ilfeld a. H.

Böhmer, H. (Prof. in Marburg), Studien zur Geschichte
der Gesellschaft Jesu. Loyola. Geheime Jesuiten. Die
sog. Jesuitenmoral. Die jesuitische Lehre vom Staat und
„Königsmord". Die chinesischen und malabarischen Riten.
Der JeBuitenstaat in Paraguay. I. Band. Bonn 1914, A.
Falkenroth (VI, 343 u. 104 S. gr. 8). 8 Mk.
Nachdem Böhmer 1902 „Die Bekenntnisse des Ignatius von
Loyola" deutsch herausgegeben und in Teubners Sammlung
„Aus Natur und GeisteBwelt" jene bekannte kurzgefasste, aber
äusserst inhaltreiche Uebersicht über den Jesuitenorden und
seinen Stifter („Die Jesuiten" 3. Aufl. 1913) zusammengefasst
hat, breitet er nun in umfassenden „Studien zur Geschichte der
Gesellschaft Jesu" die wertvollen Früchte eindringendster und
ausgedehntester Arbeit aus. Mit dem ersten Band, der aus-
schliesslich der Person und dem Leben des Stifters gewidmet
ist, hat uns Böhmer wieder ein wundervolles Buch geschenkt,
das auch „Laien" (Fachgelehrte werden es selbstverständlich

studieren) empfohlen sei, die nach einem quellenmässig be-
gründeten, objektiven Bilde Loyolas in angenehmer Form Ver-
langen tragen.

Böhmers Buch antiquiert die gesamte bisherige darstellende
Ignatiusliteratur (zuletzt Gothein 1895, Fr. Thompson 1911,
deutsch 1912) 1. durch Auffindung neuer Quellen, 2. durch
peinliche Kritik der bisher bekannten (S. 308—340), 3. durch
konsequente Ausnutzung dieser Quellen, 4. durch lebendige
Kenntnis des Landes und der Sprache Loyolas.

Aus der Fülle des Neuen, deren Umfang sich erst der Be-
nutzung in der Detailarbeit ganz erschliessen kann, sei nur
etliches herausgegriffen.

Der Bericht des hl. Ignaz über seine Palästinareise von
1523 wird jetzt auf das Interessanteste bestätigt und ergänzt
durch die Pilgerberichte zweier Mitreisender, des Zürichers Füssli
(der Bericht ist im Wortlaut im Anhang wiedergegeben) und
des Strassburgers Ph. v. Hagen. Vielleicht hätte in diesem
Zusammenhang auch der entzückenden Pilgerfahrt Ritter
Grünembergs gedacht werden können (Voigtländers Queilen-
bücher, Bd. 18, hrsg. von J. Goldfriedrich und W. Fränzel), der
1486 dieselbe Fahrt machte und oft bis in die lächerlichsten
Kleinigkeiten mit dem genannten Berichte vom Jahre 1523 über-
einstimmt, bis in die Besorgung von „Schweinesohinken" vor
der Abreise! Mit einem Augustin de „Conterina" fuhr Grünem-
berg, ein Hieronymus „Contarini" wird bei Füssli als Schiffs-
patron erwähnt.

Viel Wertvolles für das Verständnis der Frömmigkeit Loyolas
wird gewonnen aus der konsequenten Beachtung, die Böhmer
den „Lebensbüchern" des Heiligen widmet: dem Amadisroman,
der „wilden" Heiligenlegende Flos sanctorum, der Vita Christi
des Ludolf von Sachsen und der Imitatio Christi. Ueber den
erstgenannten wird eine ausführliche Bibliographie angeführt.
Von der dritten wird bibliographisch nachgewiesen, wie ausser-
ordentlich verbreitet dieses Erbauungsbuch gewesen ist („un-
zweifelhaft das beliebteste Andachtsbuch aus der Zeit der älteren
deutschen Mystik des 14. Jahrhunderts"). Es ist stark mit
bernhardinischen Gedanken und Zitaten durchzogen — ein Be-
weis dafür, dass dessen Gedankenwelt keineswegs in Vergessen-
heit geraten war, wenn sie auch gerade auf Ignatius nur wenig
gewirkt hat. Das Prooemium ist als charakteristische Probe
abgedruckt (2, 56—71). — Den Schluss machen Akten von
Prozessen, in die Ignaz 1515, 1526 und 1527 verwickelt ge-
wesen ist.

Ein hervorragend lebendiges Bild des Heiligen tritt uns
aus dem Bande entgegen, ein Bild, das bei aller Kleinarbeit —
eine Fülle von Einzelzügen und Geschichtchen ist mit hinein-
verwoben — doch den festen inneren Zusammenhalt behält.
In diesem Charakterbild fehlt es keineswegs an Momenten, die
den Stifter des Jesuitenordens von Luther diametral unter-
scheiden (vgl. die Abwägung S. 40 ff. mit der äusserst an-
regenden Feststellung des Unterschiedes, wie beide zum Frieden
kamen) und uns von ihm trennen; alles in allem genommen
aber nötigt uns diese quellenraässige Darstellung doch viel
Achtung ab vor der opfei freudigen, sich selbst bezwingenden
Willensstärke dieses militärisch-praktischen, methodisch vorwärts-
gehenden seltenen Mannes, der nur das Eine wollte, „den Seelen
helfen", „ayndar las animas" (S. 68); man lese besonders die Zu-
sammenfassung im Schlussabschnitt (S. 275—297). Nicht erwähnt,
aber doch auffällig ist die Aehnlichkeit zwischen der Frömmigkeit
(nicht dem Glauben) Loyolas und CalvinB. Hier Hessen sich
noch manche lehrreichen Betrachtungen anknüpfen, die ausser-
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