Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Wundergesohiohten der Möncbsbiographie, so hat man den
Typus der katholisch-kirchlichen Biographie, der von Pontius
im Grunde bis zur Gegenwart reicht.

Ich bekenne dankbar, aus der Arbeit viel gelernt zu haben;
ein paar Wünsche bleiben:

1. Harnack hat die Frage der Entstehung des bei Pontius
vorliegenden Typus und seines Verhältnisses zur antiken Bio-
graphie beiseite gestellt. Er bezieht sich dafür auf das vor-
treffliche Buch des leider zu früh verstorbenen Leo über die
griechisch-römische Biographie und auf die Münsterer Dissertation
von Kemper über die literarische Form von vier christlichen
Biographien von Cyprians vita bis zu der Augustins. Ich
glaube, dass gerade die von Harnack vorgenommene Analyse
der vita Pontii über Leo und Kemper hätte hinausführen
können (vgl. Harnacks Bemerkung S. IV f.), wenn auch gewiss
der Sohluss bleiben wird, dass die vita in das antike Schema
nirgends ganz hineinpasst.

2. Auch Harnacks gelegentliche Bemerkung (S. 57, Anm. 1),
dass der Vergleich zwischen der vita und dem Markusevangelium
und der Apostelgeschichte lohnend sei, scheint mir wertvoll zu
sein, und ich hätte gern mehr darüber gehört.

3. Liesse sich hinsichtlich des rhetorischen Typus der vita
nicht nooh mehr tun? Harnack macht S. 49, Anm. 2 die Be-
merkung: „Hexametrische und andere typische Satzschlüsse
sind in der Schrift häufig, wie das in dieser Zeit zu er-
warten ist." Aber die typischen Satzschlüsse bestehen doch
gerade in der Vermeidung des Hexameterschlusses und Hervor-
kehrung des Creticus in mannigfachen Abwandlungen. Wo ich
die vita aufgeschlagen habe, habe ich in den Satzschlüssen
fast regelmässig den Creticus, den Doppelkretiker, den Creticus
pluB trochaeus, den Creticus plus Ditrochaeus und natürlich
auch die bekannten Abwandlungen des Kretikers gefunden.
Eine Statistik würde, soviel ich sehe, eine nicht sklavische, aber
ziemlich genaue Befolgung der Regeln der rhythmischen Kunst-
prosa etwa im Sinne Cyprians ergeben. Gewiss ein charak-
teristischer Zug der Kunst des Autors.*

Ich freue mich, dass die literarhistorische Betrachtung der
altchristlichen Literatur vom Gesichtspunkte der Bildung der
Formen in Harnacks Schrift ein wichtiges praktisches Beispiel
gewonnen hat, und dass sich aus der Kontroverse darüber
jedenfalls ergibt, in wie wichtige Probleme man hier hinein-
gestellt wird; ioh nehme das alles als gutes Zeiohen dafür,
dass sich die literarhistorische Betrachtungsweise allmählich
durchsetzen und fruchtbar erweiseu wird.

Hermann Jordan-Erlangen.

Luthers Werke in Auswahl. Unter Mitwirkung von Albert
Leitzmann herausgegeben von Otto Clemen. HL u. IV. Band.

* Als die Rezension geschrieben war, bekam ich die Gegenschrift
von Keitzenstein in die Hand: R. Reitzenstein, Die Nachrichten über
den Tod Cyprians. Ein philologischer Beitrag zur Geschichte der
Märtyrerliteratur. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der
Wissenschaften. Jahrg. 1913, 14. Abhdlg. Heidelberg 1913, E. Winter.
Daraus ist manches zu lernen hinsichtlich der oben besprochenen
Punkte, wenn ich auch Reitzensteins Anschauung von der „angeblichen
Biographie des Pseudo-Pontius" bisher nicht teilen kann, und ich
glaube, dass_ der Beweis dafür von Reitzenstein geliefert ist. Ich möchte
aber hier einer etwaigen anderen Besprechung nicht vorgreifen und
bemerke nur, dass mir dm Schärfe, mit der der Philologe als solcher
gegen den Theologen ficht, unverständlich ist. Wir Historiker sind
ja doch alle etwas Philologen und lernen gern von ihnen, wie anderer-
seits ohne sehr gründliche theologische Kenntnisse die Philologie auf
kircheuhistorischem Gebiete dauernd in der Irre geht. Dies ist doch
stets ein Nehmen und Geben.

Bonn 1913, A. Marcus & E. Weber (V, 516 S.; V, 432 S.
gr. 8). Geb. ä 5 Mk.

In der ersten Nummer des 34. Jahrgangs d. BI. (1913,
Sp. 10 ff.) habe ich den ersten und zweiten Band dieser aus-
gezeichneten Auswahlausgabe von Luthers Werken angezeigt.
Jetzt liegen der dritte und vierte Band vor, und mit ihnen ist
die Ausgabe einstweilen abgeschlossen, doch ist ein Supplement-
band schon in sichere Aussicht gestellt.

Wenn ich in jener Anzeige fragte, wie die Auswahl des
Stoffes in den weiteren einstweilen nur in Aussioht genommenen
zwei Bänden sich gestalten würde, so wird man jetzt den
Herausgebern das Zeugnis geben, dass sie unter den gegebenen
Verhältnissen und in der Zwangslage, in der sie sich befanden
(die Bogenzahl der einzelnen Bände war ungefähr vorgeschrieben,
und die chronologische Anordnung musste sich der gegebenen
Verteilung einfügen!), das Möglichste geleistet haben. Man wird
unter Berücksichtigung der Lage kaum eine bessere Auswahl
treffen können, als sie getroffen haben.

Der dritte Band bringt zuerst die Schrift „Von Kaufshandlung
und Wucher" (1524) und später „Ob Kriegsleute auch in seligem
Stande sein können" (1526), zwei Schriften, die in klassischer
Weise die reformatorische Umgestaltung der mittelalterlichen
Ethik zum Ausdruck bringen. Dann zeigt er Luther in der
Bauernbewegung („Ermahnung zum Frieden anf die zwölf Artikel
der Bauernschaft in Schwaben"; „Wider die räuberischen und
mörderischen Rotten der Bauern"; „Ein Sendbrief von dem
harten Büchlein wider die Bauern", alle 1525), was bei der
vielfach so schiefen und ungerechten Beurteilung Luthers in
dieser kritischen Zeit unbedingt geboten war. „De servo
arbitrio" (1526) und „Vom Abendmahl Christi, Bekenntnis"
(das sog. grosse Bekenntnis, 1528) führen in die Grundlagen
der Luthersehen Theologie hinein, jene gegenüber dem huma-
nistischen Reformator, diese gegenüber dem „anderen Geist" der
Schweizer. Einen gebührenden Raum nehmen die praktisch
reformatorischen Bücher ein, die evangelischen Gottesdienst und
evangelisches Kirchenwesen geschaffen haben. Die „Deutsche
Messe" und „Das Taufbttchlein, aufs neue zugerichtet" (beide
1526) gehören nooh dem dritten Bande an; „Der grosse
Katechismus" (der kleine ist wegen der trefflichen Meyerschen
Ausgabe: Kleine Texte für Vorlesungen und Uebungen, Nr. 109,
Bonn 1912, fortgeblieben), das „Traubüchlein für die einfältigen
Pfarrherrn" (beide 1529); „Von der Winkelmesse und Pfaffen-
weihe" (1533) führen uns schon in den vierten Band. „Eine
Predigt, dass man die Kinder zur Schule halten solle" (1530)
war ebenso nötig wie die Schrift an die Ratsherren im zweiten
Bande. Eine Reihe von Schriften spiegeln die grossen reforma-
torischen Ereignisse der dreissiger und vierziger Jahre wieder:
die „Vermahnung an die Geistlichen" (1530) und die „Warnung
an seine lieben Deutschen" (1531) führen uns auf den Reichstag
von Augsburg; die „Schmalkaldischen Artikel" (1538), „Wider
Hans Worst" (1541), der „Anfang der Gegenschrift gegen den
Melsunger Pfarrer Joh. Lening, die Doppelehe Landgraf Philipps
von Hessen betreffend", die „Neue Zeitung vom Rhein" (beide
1542), „Contra XXXII articulos Lovaniensium theologistarum"
und „An Kurfürsten zu Sachsen und Landgrafen zu Hessen von
dem gefangenen Herzog zu Braunsenweig" (beide 1545) zeigen
unB die erbitterten Kämpfe, die Luthers letzte Lebensjahre er-
füllt haben. Der „Sendbrief vom Dolmetschen" und „Etliche
Fabeln aus Aesopo" (beide 1530) sind wichtig, um von Luthers
gottbegnadeter Uebersetzungskunst und von seiner Vielseitigkeit
Zeugnis zu geben; „Eine welsche Lügenschrift von Doctoris
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