Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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beobachten. Anders verhält es sich in dieser Beziehung mit
der dem Apostel anbefohlenen Kollekte 2, 10, denn diese Ver-
pflichtung hat er stots anerkannt. Die unzutreffende Schilderung
der Gebietsteilung Gal. 2, 7—9 ist von dem Bestreben be-
herrscht, die Unabhängigkeit der heidenchristlichen Gemeinden
von den judenchristlichen zu wahren und die Selbständigkeit
des Paulus gegenüber den Uraposteln zu sichern. Wie wenig
die Darstellung des Paulas an diesem Punkt der Wirklichkeit
entspricht, lässt sich aus der Apostelgeschichte erkennen, nach
welcher die Jerusalemer an die Gemeinden in Syrien und
Cilicien schreiben und ihnen Verhaltungsmassregeln empfehlen.
Aus Gal. 2, 11—14 lässt sich entnehmen, dass Petrus prin-
zipiell die judenchristliche Freiheit als das Normale betrachtete,
und dass also schon in Jerusalem eine Verständigung über die
Speisegemeinschaft getroffen worden war, auf die sieh Paulus
aber nicht beruft, weil sie von den beiden Parteien verschieden
aufgefasst war. Die Hypothese Weizsäckers und anderer, dass
das Aposteldekret ohne Wissen des Paulus nach dem Streit
in Antiochien erlassen sei, hat gegen sich, dass die antiochenische
Gemeinde nach wie vor bei paulinischer Observanz verharrte.
Mit Petrus blieb Paulus unversöhnt. Die Gereiztheit des Paulus
einerseits und die judaistische Agitation andererseits waren die
Folgen des Streites.

Dies die wesentlichsten Ergebnisse der historischen Unter-
suchung. Wird man schon hier nicht umhin können, zu
manchen Aussagen Fragezeichen zu setzen, so regt sich der
Widerspruch noch stärker gegenüber der Sohätzung des Paulus,
wie sie namentlich in dem Sohlussabsohnitt, aber auch sonst
an manchen Stellen des Buches zutage tritt. Was soll man
dazu sagen, wenn Watkins S. 29 daB Urteil fällt: „Gal. 2,19—20
enthüllen die enthusiastische Uebertreibung des bekehrten Mannes"
oder S. 70: In „Gal. 1, 16 ist die Aussage, Paulus habe sofort
und für immer (bei der Bekehrung) mit „Fleisch und Blut"
gebrochen, sicher zu weitgehend". Als Grund für die hier
vorliegende „Uebertreibung" kommt neben anderem „das hohe
SelbBtbewusstsein des Pneumatikers" in Betracht. Für das
Zentrum der paulinischen Verkündigung hat Watkins kein
inneres Verständnis. So macht er dem Apostel S. 104 f. zum
Vorwurf, er bringe „besondere eigene Glaubenssätze vor, als
ob das Christentum nicht ohne sie bestehen könnte, darunter
vor allem den Kreuzestod als das einzige Mittel zur Erlösung
und den Kern der wahren Religion überhaupt, sowie den
Glauben im besonderen Sinne von: Annahme dieser Erlösung,
welche die „Rechtfertigung" bewirkt". Von diesem Standpunkt
aus erscheint dem Verf. des Apostels schroffe Ablehnung der
Beschneidung als ungerechtfertigte Konsequenzmacherei, durch
die dieser sich in einen Selbstwiderspruch verwickle. Aehnlich
lautet Watkins' Urteil über des Apostels Stellung zu den
Judaisten. Niemals scheint es dem Paulus einzufallen, dass
seine Gegner vielleicht einigermassen recht haben. Er behauptet
nicht nur, dass diese auch schlechte Motive, sondern ferner, dass
sie überhaupt gar keine guten haben. „. . . Für diese weit-
gehenden Anschuldigungen bringt er keine zwingenden Beweise,
und wir haben auch kein Recht, Vorwürfe wie den der
„Heuchelei" dos Petrus und des Barnabas und der „anderen
Juden" vorbehaltlos anzunehmen" (S. 108).

Mau sieht, der Ausgleich zwischen dem Galaterbrief und
der Apostelgeschichte ist teuer erkauft. Schliesslich läuft alles
auf einen Kompromiss zwischen dem paulinischen Evangelium
und dem Judaismus hinaus, einen Kompromiss, der den Schein
historischer Gerechtigkeit für sich haben mag, im Grunde aber

den Verzicht auf die paulinische Heilserkenntnis bedeutet. Es
hängt allerdings letztlich von der eigenen Glaubensstellung ab,
ob man in der Auseinandersetzung des Paulus mit den Judaisten
das Ringen eines zwar von glühender Liebe zu Christus er-
füllten, aber doch allzu selbstbewussten und fanatischen Eiferers
erblickt oder aber einen Kampf um die Wahrheit des Evan-
geliums (Gal. 2, 5). E. Riggenbach.

Harnack, Adolf, Das Leben Cyprians von Pontius. Die
erste christliche Biographie untersucht. (Texte und Unter-
suchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, hrsg.
von A. Harnack u. C. Schmidt. Bd. 39, Heft 3) Leipzig
1913, J. C. Hinrichs (VI, 114 S. gr. 8). 4 Mk.
Harnacks neue Untersuchung hat ein desiderium zu erfüllen
gesucht, das ich immer sehr lebhaft empfunden habe. Es ist
die Lösung des literarhistorischen Problems der Entstehung und
der Entwickelung einer spezifisch christlichen Biographie. Es
bleibt ja eigentümlich, dass wir, wenn wir von den Evangelien
als Biographien absehen, erst im 3. christlichen Jahrhundert
einer christlichen Biographie begegnen, und zwar in Nordafrika,
in lateinischem Gewände in der vita Cypriani des Pontius, ge-
schrieben ca. 259.

Harnack analysiert die Schrift sehr sorgfältig. Zunächst
spricht er über die Ueberlieferung und die Abfassungszeit der
Schrift und bietet sodann den Text der Schrift nach Härtel
ohne neue handschriftliche Studien aber mit Berücksichtigung
des Textes der beiden Berliner Codices. Sehr hübsch ist es,
dass Harnack dem Abdruck des lateinischen Textes nicht bloss
eine deutsche Uebersetzung — es ist die erste — (auf S.86—103)
beigibt, sondern auch unter dem lateinischen Texte S. 4—31
einen sachlichen Kommentar bietet, der neben feinen Einzel-
bemerkungen den Text erklärt und erläutert und die literar-
historische Betrachtung vorbereitet. S. 31—42 folgt ein Ab-
schnitt über den Zweck und die Disposition der Schrift. Harnack
fasst die Schrift als eine wirkliche Biographie unter dem Ge-
sichtspunkt der opera et merita des Helden: „Es musste ledig-
lich hervorgehoben werden, was dieses Leben zu einem einzig-
artigen gemacht hat: das aber sind nach christlicher Anschauung
nur die besonderen, aussergawöhnlichen virtutes des Helden und
die Zeugnisse, in denen sich Gott zu seinem Knechte bekannt
und ihm Weisungen gegeben hat" (S. 36 f.). So steht diese
Biographie nicht unter dem Gesichtspunkt der vollständigen
Lebensbeschreibung, sondern unter dem der Erweisung der Güte
Gottes an Cyprian. Das führt Harnack nun iu einem vierten
Abschnitt näher aus, indem er zeigt, dass die vita nicht eine
Lobhudelei des Helden ist, sondern „die schlichte und wahr-
heitsgemässe Darstellung eines im Grunde schlichten und
nüchternen, unrhetorischen und wahrhaftigen Mannes" (S. 42).
Der starke Bibelgebrauch, die verhältnismässig geringe rhetorische
Kunst, die schlichte Nüchternheit der Darstellung werden im
einzelnen illustriert. Sehr eingehend analysiert Harnack sodann
das Christentum und die christliche Sprache des Pontius, das
Undogmatische, das Klerikal-Hierarchische des Typus, die Stellung
des Glaubens auf Pietät und Gehorsam, der Religion auf Ver-
dienst, Ehre, Ruhm, der Uebung der Religion auf Weltfluoht
und Barmherzigkeit in der Form der imitatio nsw. Das alles
aber stellt nach Harnack einen Typus dar, der als Ganzes und
im einzelnen in der „Sprache Kanaans" exemplarische Bedeutung
gewonnen hat für die abendländisch-christliche Literatur. Kommt
dazu noch das augustinisch-neuplatonische Element und die
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