Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Wuta, Franz, Onomastica Sacra. Untersuchungen zum
über interpretationis nominum hebraicum des Hl. Hieronymus.
1. Hälfte: Quellen und System der Onomastica. Leipzig
1914, Hinrichs (672 S. gr. 8). 21 Mk.

Die biblischen Eigennamen sind in der neueren Geschichts-
forschung als eine wichtige Klasse von Beweismitteln anerkannt,
und sie sind deshalb in meinem Hebr. Wörterbuch im Unter-
schied von Ges.-Buhl wieder übersetzt worden. Es ist daher nicht
verwunderlich, dass sie auch schon für die Alten vielfach ein
Objekt der Deutung waren. Die Versuche gehen ja schon bis
in die altteetamentlichea Schriften selbst zurück, wie man z. B.
an der Deutung von Noach „Ruhe" durch „dieser wird uns
trösten" (Gen. 5, 29) ersehen kann. Ein ganzes Buch solcher
Namendeutungen soll Philo Judaeus geschrieben haben. Aber
ob er dies wirklich getan hat?

Dieser Frage gilt die ernte Untersuchung in dem ersten
Bande über die Onomastica Sacra, welcher in der von der
Kirchenväterkommission der Berliner Akademie geleiteten Neu-
herausgabe der „griechischen christlichen Schriftsteller der ersten
drei Jahrhunderte" erschienen ist. Ein solches Buch von Philo
wird ja sonst nicht unter seinen Werken aufgeführt, und die
Vergleichung der überlieferten Namendeutungen mit den von
ihm in seinen Werken gegebenen Uebersetzungen ergibt starke
Differenzen. So z. B. deutet er Euphrat durch xaprcotpopia
(Mangey I, 58). Dabei ist übrigens jener Name mit dem
hebräischen Verb para „fruchtbar sein" verknüpft. Nur nebenbei
wird jener Name auch mit eücppaivoooa zusammengebracht.
Philo Bagt ja: „Der vierte Strom ist Euphrat. Fruchttragen
wird dieser Euphrat genannt, er ist aber symbolisch die vierte
Tagend, öixaioouvrj, xapirocpopo; Ttü ovri xal eö<ppoavoooa irjv
Sidvoiav." Diese Beziehung von eocppatvoooa verschwindet bei
Wutz, indem er (S. 17) nur xapiro'popta xaX.ettai eücppatvoooa
TTjv 5. gibt und auch durch keine Punkte anzeigt, dass er das
Zitat vollständig zusammengeschnitten hat. Bei dieser Unter-
suchung Bind auch einige Fehler in den hebräischen Materialien
untergelaufen: dm S. 17 mit falschem Dagesch f. im Taw (vgl.
Ex. 1, 11); nrnrh S. 18 anstatt mit Sin (Gen. 26, 34); ms mit
Segol unter dem ersten Konsonanten und mit der Uebersetzung
„Hürde, Herd" (S. 19) anstatt mit Sero unter dem Ajin und
bloss mit der Bedeutung „Herde"; übrigens „Schottendorn"
S. 24 statt Schotendorn (Akazie, schitta, schittim), und bei
Theodoret habe ich gelernt, dass er 457 gestorben sei, aber
hier (S. 25) steht 458. Doch dadurch wird nicht das Resultat
der Untersuchung unsicher gemacht, dass ein solches Buch von
Philo „durch nichts und nirgends nachgewiesen werden kann"
(S. 28).

Mit demselben selbstverleugnenden Fleisse wird ferner unter-
sucht, inwieweit Origenes eine Vorarbeit für Hieronymus ge-
leistet hat, weiterhin alle griechischen Vorlagen desselben fest-
gestellt, darauf des Hieroymus eigene Arbeit in bezug auf die
Onomastica Sacra gewürdigt. Als zweiter Hauptteil des Buches
(S. 317 ff.) folgt eine systematische Betrachtung der sprachlichen
Erscheinungen, die bei der späteren Behandlung der biblischen
Eigennamen zutage treten: eine reiche Fundgrube für die spätere
Geschichte der Aussprache des Hebräischen (S. 354—416) und
für die generelle Formenlehre dieser Sprache (S. 443—510) usw.
Der vielseitige Ertrag der schier unglaublichen Arbeit, die vom
Verf. geleistet worden ist, wird erst dann recht gewürdigt werden
können, wenn mit dem zweiten Bande des Werkes die Register
vorgelegt werden. Ed. König.

Behm, Lic. Johannes (Priv.-Doz. d. Theologie in Breslau),
Die Bekehrung des Paulus. (Bibl. Zeit- n. Streitfragen.
IX, 8.) Berlin 1914, E. Runge (28 S. 8). 50 Pf.
Behm führt zunächst die Berichte über die Bekehrung
des Paulus vor, die aus den pauiinischen Briefen und die aus
der Apostelgeschichte, von denen er den im 26. Kapitel be-
sonders hoch wertete. Sodann untersucht er die Vorgeschichte:
Paulus hat das Christentum gekannt, aber keine wirkliche Hin-
neigung zu ihm gehabt. Röm. 7 ist hier nicht zu verwenden.
Der Hergang ist weder als eine subjektive, noch als eine
objektive Vision, sondern überhaupt nicht immanent zu er-
klären. Vom religiösen Standpunkt aus ist er zu verstehen
als eine Binnenfällige* Christusersoheinung, als Gottesoffen-
barung. Den Schluss bildet ein Literaturverzeichnis.

Büch sei-Halle.

Watkins, C. H. (Dr. theol., Pastor in London), Der Kampf
des Paulus um Galatien. Eine Untersuchung. Tübingen
1913, Mohr (VIII, 121 S. gr. 8). 3 Mk.
Die vielerörterte Frage nach dem Verhältnis des Gaiater-
briefs zur Apostelgeschichte wird hier von neuem behandelt;
doch greift der Verf. das Problem ganz anders an, als dies
seine Vorgänger getan haben. Während man bisher entweder
den Galaterbrief als unbedingt sicheren Ausgangspunkt für
die Untersuchung betrachtete oder aber ihn als Falsifikat
einer späteren Zeit ablehnte, schlägt Watkins einen Mittel-
weg ein. Er anerkennt den Galaterbrief als echtes Doku-
ment des Kampfes zwischen Paulus und den Judaisten, glaubt
aber darum, weil der Brief eine Streitschrift ist, mancherlei
Uebertreibungen und Akzentverschiebungen darin finden zu
dürfen. So gelingt es ihm, eine weitgehende Uebereinstimmung
zwischen dem Galaterbrief und der Apostelgeschichte nach-
zuweisen. Von den zwei Phasen, in denen der Kampf des
Paulus mit den Judaisten verläuft, behandelt der Verf., methodisch
korrekt, zuerst die spätere, deren unmittelbares Dokument der
Galaterbrief ist. Die stilistische und psychologische Unter-
suchung des Briefes ergibt, dass Paulus die Gegensätze, die
zwischen ihm und den Judaisten bestanden, manchmal zu schroff
formuliert, und dass er den Gegnern zuweilen Konsequenzen
unterschiebt, die diese selbst nicht gezogen haben. Bei dem
Rückblick auf die Vergangenheit übergeht der Apostel Dinge,
die für die Gegenwart keine besondere Wichtigkeit haben, und
beleuchtet die Ereignisse mitunter so einseitig, dass deren Auf-
fassung und Darstellung geradezu unrichtig wird. Ist der
Galaterbrief dergestalt als Erzeugnis des Kampfes verstanden,
so lässt sich nun auch sein Wert als Geschichtsqiielle für die
früheren Stadien des Streites richtig bemessen. Weil Paulus
die Autorität der Urapostel zwar für die Vergangenheit, nicht
aber für die Gegenwart anerkennen will, äussert er sich
Gal. 2, 6 abschätzig, dagegen Gal. 2, 2 u. 9 günstig über sie.
Gegenüber der verzerrenden Darstellung von Gal. 2, 6 sind
die Beziehungen des Paulus zu den Uraposteln in der Apostel-
geschichte zwar etwas idealisierend, aber doch im ganzen mit
Gal. 2, 2 u. 9 übereinstimmend gezeichnet Die rituellen Speise-
gebote des Aposteldekrets hat Paulus unerwähnt gelassen, ent-
weder unabsichtlich, wie der unklare Stil von Gal. 2 an-
zunehmen nahelegt, oder absichtlich, weil er jenen Bestimmungen
keine Bedeutung beilegte und nicht gewillt war, Bie weiter zu

* Leider spricht Behm sich über diese Sinnenfäüigkeit nicht
näher aus.
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