Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Hieronymus schickt den Text seiner lateinischen Uebersetzung
voran, so dass der heutige Vulgatatext aus Hieronymus ge-
legentlich verbessert werden kann; freilich finden sich auch
kleine wirkliche Differenzen von dem Vulgatatexte und bei
häufigen Zitierungen derselben Stellen leise Schwankungen im
Wortlaut. In einem dritten Abschnitt behandelt Reiter sehr
sorgfältig die Septuagintazitate aus Jeremias, dann in einem
vierten Abschnitt die alt- und neutestamentlichen Zitate. Der
fünfte Abschnitt bringt eine umfassende Darlegung des hand-
schriftlichen Materials. Der Kommentar ist im Mittelalter mit
besonderer Vorliebe abgeschrieben worden, so dass Reiter gegen
70 Handschriften anführen kann; es ist doch wohl zu vermuten,
dass die Zahl noch grösser ist.

Da gilt es zu scheiden: 46 jüngere Codices des 11. bis
15. Jahrhunderts scheidet Reiter als belanglos aus und ordnet
die übrigen in fünf Familien. Zwei von diesen Familien
stammen von dem der neuen Ausgabe im wesentlichen zugrunde
gelegten Codex Lugudunensis saec. VI—VII, dessen zweite
Hälfte Reiter mit Recht in dem Cod. Parisinus lat. 602 erkennt.
Vier Codices 0. T. R. D. (saec. IX—XI) folgen dem Cod. L. in
seiner an einigen Punkten verstümmelten Form, während Z. F.
(saec. IX und XI) dem unverstümmelten Cod. L. folgen, so dass
der Cod. L. aus diesen sieben Codices ziemlich in seiner ursprüng-
lichen Form wiederherzustellen ist, wobei für die Lücke von
L. 0. T. R. D. in Buch VI noch ein Cod. Sessorianus (saec. X
und XI) herangezogen wird. Neben Cod. L. steht eine durch B
(saec. VII, nur den Anfang enthaltend), A (geschr. 806) und M
(saec. VIII) vertretene Familie, wobei die kleinen Lücken von M.
durch zwei Pariser Codices des 9. und 10. Jahrhunderts aus-
gefüllt werden. Endlich treten von dieser Familie noch selb-
ständig auf die zusammengehörigen Codices V. P. (saec. X und XI).
So stützt sich die Neuausgabe im ganzen auf 15 Codices, wobei
aber mit Recht alles Gewicht auf den vorzüglichen Codex L.
und seine Trabanten gelegt wird. Praktisch für den Gebrauch
ist, dass die Seitenzahlen der Vallarsischen Ausgabe am Rande
hinzugefügt sind, ebenso am Rande fortlaufend die behandelten
Jeremiasstellen. Für die Identifizierung der Bibelstellen ist viel
geschehen, der Apparat ist reichhaltig, aber aufs knappste zu-
sammengezogen, sorgfältige, 134 Seiten umfassende Indices be-
schliessen den Band. Ich habe den Eindruck, dass wir mit
Reiters Arbeit sehr zufrieden sein können.

Bereits im Jahre 1902 haben Vrba und Zycha im 42. Bande
des Wiener Corpus eine Reihe von antipelagianisohen Sohriften
Augustins herausgegeben: de perfectione iustitiae hominis; de
gestis Pelagii; de gratia Christi et de peccato originali libri II;
de nuptiis et concupiscentia. Der vorliegende Augustinband,
ebenfalls der Rezension Vrbas und Zychas entstammend, bildet
die Ergänzung zu jenem Bande, indem dieser Pars I von
Sectio VIII bildet, jener Pars II. Es erfolgt auch insofern
jetzt ein Abschluss, als der gegenwärtige Band für beide Bände
den index nominum et rerum und den index verborum et
elocutionum bringt, wobei ich nur misslich finde, dass man
diese beiden indices bei der gewöhnlichen Aufstellung nach
Autoren eigentlich nicht bei dem vorliegenden ersten, sondern
beim zweiten Bande suchen wird. Im Vergleich zu dem oben
besprochenen Reiterschen Bande haben sich Vrba und Zycha
in der praefatio sehr kurz gehalten und, abgesehen von ganz
kurzen Bemerkungen über die Chronologie und den Inhalt der
fünf hier zusammen gebotenen Werke Augustins, zu deren
Texte übrigens auch hier jedesmal die betreffende Stelle der
Retraotationes Augustins in extenso geboten wird, nur über die

Codices und Ausgaben und ihre Heranziehung und Bedeutung
für die neue Ausgabe ausgesprochen. Ich will hier nicht die
mannigfaltige handschriftliche Bezeugung der fünf Schriften
darlegen und nur darauf hinweisen, dass die beiden ersten
Schriften: de peccatorum meritis et remissione und de spiritu
et littera handschriftlich sehr viel Gemeinsames haben, so daBS
ihre Bezeugungen sich fast decken und die beiden Haupt-
familien der Codices bei der handschriftlichen Bezeugung der
beiden Schriften gleichmässig hervortreten. Kommen für die
Textherstellung meist gegen zehn Codices in Betracht, so haben
sich die Herausgeber doch auch mit den übrigen Codices be-
schäftigt, sie entweder ganz verglichen oder vergleichen lassen,
oder wenigstens teilweise an charakteristischen Stellen verglichen,
so dass sich über ihren Wert oder Unwert urteilen Hess und
es möglich wurde, sie bestimmten Familien zuzuweisen. Auch
die Lesarten der alten Ausgaben wurden herangezogen, sowohl
die Basler Ausgabe von 1506 wie die Benediktinerausgabe
von 1690, bei „de spiritu et litera", die editio princeps von
1473 (?), die aber keine besonders gute Bezeugung darstellt.
Von dem Text der Benediktinerausgabe unterscheidet sich die
neue Ausgabe besonders stark in der Wiedergabe von de pecca-
torum meritis, de spiritu et littera und de natura et origine
animae, weil die von dem neuen Herausgeber bevorzugte hand-
schriftliche Grundlage eine andere ist. Die mühevolle Arbeit
der Herausgabe scheint mir von gutem Erfolge gekrönt zu sein.

Hermann Jordan-Erlangen.

Kunst und Kirche. Vorträge aus dem im Mai 1913 zu
Dresden abgehaltenen Kursus für kirchliche Kunst nnd
Denkmalpflege. Herausgegeben vom Ev.-Iuth. Landeskon-
sistorium. Mit 61 Abb. auf 32 Tafeln. Leipzig-Berlin
1914, B. G. Teubner (V, 110 S. gr. 8). 4 Mk.
Einer Anregung der Eisenacher Konferenz folgend veran-
staltete im vergangenen Jahr das Sächsische Landeskonsistorium
in Gemeinschaft mit dem Verein für kirchliche Kunst nnd der
Kgl. Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler einen Kursus
über das Thema „Kunst und Kirche" insbesondere für Geist-
liche als die „Nächstverantwortliehen" auf dem Gebiet der
kirchlichen Kunst- und Denkmalspflege. Diese Vorträge liegen
jetzt gedruokt vor. Ein paar kurze Notizen mögen über ihren
Inhalt unterrichten. 1. Prof. Dr. Gurlitt-Dresden, Kunst
und Kirche: Der Kircbenbau soll nicht einen früheren Stil,
etwa den gotischen, nachahmen, sondern soll sich nach dem
Geiste seiner Zeit und nach seinen Zwecken richten; dann
wird er auch schön sein (wunderlich und zum Ganzen wider-
spruchsvoll ist der höchst anfechtbare Exkurs über eine prin-
zipielle und faktische Kunstfeindlichkeit des Christentums).
2. Rektor Prof. Dr. 0. E. Schmidt-Freiberg, Der Bächsische
Kirohenbau bis auf Georg Bähr: eine sachkundige Führung
durch das genannte Gebiet, aus der nicht bloss sächsische Geist-
liche viel lernen können. 3. Prof. Dr. Bestelmeyer-Dresden,
Baukünstlerische Aufgaben der evangelischen Kirche
in der Gegenwart: warnt vor einer Ueberschätzung der
„Zweckmässigkeit" auf Kosten der „kirchlichen Stimmung" und
empfiehlt möglichsten Anschluss an die Tradition. 4. Prof. Dr.
Gurlitt-Dresden, Kirchliche Denkmalspflege. Eine amü-
sante Plauderei mit wichtigen Fingerzeigen. Grundsatz der
Kgl. Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler im Anschluss
an G.: „Restaurierungen sind nicht im Sinn der alten Zeit vor-
zunehmen, sondern Bio sollen den Stempel ihrer Zeit tragen"
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