Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Sie gliedert sich in zwei Hauptteile. Der erste (S. 17—118)
gibt eine Geschichte der eisten ChristenVerfolgungen, der zweite
(S. 119—208) bringt die Quellen dazu, zum Teil in englischer
Uebersetzung. Die Aufgabe selbst, die sieh der Verf. gestellt
hat, ist eine begrenzte. Mit Hadrian bricht seine Darstellung
ab; sie begnügt sich also mit einer Untersuchung der Ver-
folgungen im apostolischen und einem Teil des nachapostolischen
Zeitalters.

Die Basis des ersten Teils bildet eine Erörterung der ge-
setzlichen Grundlagen der Verfolgungen. Damit wird es zu-
sammenhängen, dass man mehr vom Christenprozess als von den
Christenverfolgungen hört. Der nüchternen, auf das Tatsächliche
gerichteten Art des Verf.s entspricht sein Grundsatz, dass die
ersten Verfolgungen nicht Verfolgungen im strengen Sinn des
Wortes gewesen sind. Dazu waren die Christen viel zu un-
bedeutend. Was die Quellen darüber zu bringen scheinen, ist
die Uebertragung der Erfahrungen und Anschauungen späterer
Schriftsteller in frühere Zeit. Mommsen folgend, sieht der Verf.
in der coercitio das Mittel der römischen Regierung gegen das
Christentum. Aber vor Trajan gab es keine spezielle römische
Politik gegenüber den Christen. Es handelte sich da um Einzel-
stösse und Einzelfälle. So war auch nicht die maiestas — wie
hätte man sie widerrufen können! — die Ursache des Ein-
schreitens des römischen Staates, ebensowenig die Verbrechen,
die der Volksmund den Christen nachsagte. Vielmehr sind ein-
zelne Statthalter gelegentlich gegen die Christen eingeschritten,
weil sie als Mitglieder einer religio illicita besonders leicht für
Ruhestörer galten. Auch die neronische Verfolgung war nichts
anderes als eine einzelne Gewalttat. Der Verf. untersucht hier
die Quellen genauer, mit dem Ergebnis, dass er den Bericht
des Tacitus für unglaubwürdig hält. Tacitus hat entweder
missversianden oder an sieh Unzusammenhängende3 — Feuer
und Christenverfolgung — miteinander verbunden (51). Die
letzte Ursache der neronischen Verfolgung sind die eigentlichen
Feinde der Christen, die Juden, gewesen. Darauf wird die
Stelle im Brief des Clemens von Rom gedeutet, dass wie in
Korinth, so auch in Rom Neid und Eifersucht die Ursachen
grossen Unheils gewesen sind 5, 2. 5; 6, 1. 2. 3. 4 S. 48). Und
darauf wird die Andeutung Melitos bezogen, dasB Klätscher
Nero und Domitian zur Verfolgung getrieben haben (52).
Beides weist auf Juden, letzteres deshalb, weil ja die Juden
durch Poppäa am Hof Neros Eingang gefunden hatten und der
Ausdruck zur Hintertreppe gerade passt. Die Synagogen sind
wirklich die fontes persecutionum. Aber der Stoss blieb auf
Rom beschränkt. Kaiserliche Edikte gegen die Christen gab es
nicht. Die Zahlenangaben wie ingens multitudo und rcoXü itXfj&oe.
müssen mit Reserve aufgenommen werden. — Auch die domi-
tianisohe Verfolgung wird unter diesem Gesichtspunkt stark
reduziert. Politische Massnahmen erklären alles. Die Tendenz
der Späteren und vor allem Tertullian tragen an der hier ein-
getretenen Verwirrung schuld. Die Bilder der Apokalypse er-
klärt sich der Verf. dadurch, dass in Kleinasien, dem Zentrum
aller Kulte, einige Fälle mehr vorgekommen sein mögen. Das
Reskript Trajans ist der erete wirkliche Erlass gegen die
Christen. Die Verfolgung wird damit durch den Kaiser auto-
risiert (96). Bisher lag alles ganz am Ermessen der Gouver-
neure der Provinzen. Das Edikt Trajans — es beschränkt sich
übrigens auf Bithynien — kommt zu einem laissez faire, laissez
aller und ist den Christen insofern günstig, als es die Christen
aufzusuchen ebenso wie anonyme Anklagen verbietet. Auf
Trajan bezieht sich Hadrian mit seinem ebenfalls ausschliesslich

nach Kleinasien gerichteten Edikt (113). Von einer gravissima
perseoutio kann auch hier nicht die Rede sein, wie der Kaiser
selbst dem Christentum völlig indifferent gegenüberstand.

Die Arbeit bringt nicht viel Neues. Aber in ihr liegt uns
ein praktisches Buch vor, das auch klar geschrieben ist. Der
Verf. gewinnt seinen eigenen Standpunkt in steter Erörterung
mit der über den Gegenstand vorhandenen Literatur, die er
gut kennt, und mit der er in klarer Weise bekannt macht. Wir
haben damit ein übersichtliches Handbuch über die Christen-
verfolgungen bis Hadrian. Aber damit hat er seine Arbeit doch
nicht in den grossen Zusammenhang gestellt; und ich meine,
dass gerade derartige Untersuchungen erst dadurch fruchtbar
werden. Hier haben wir nicht viel mehr als eine Einleitung
in den Gegenstand, wenn Einleitung die Diskussion der literar-
kritiachen Fragen bezeichnet. Damit wäre die Bahn für die
eigentliche Untersuchung frei geworden. Das Thema ist grösser
als die Erörterung des Verfs. Es umfasst trotz der prinzipiellen
Einschränkung, die Canfield ihm gibt, auch die Rückwirkung
auf die Christen. Den leidenden Teil hat der Verf. vergessen;
der Ausgangspunkt im historischen Seminar wirkt allzusehr
nach. An das Wesen der Sache kommen wir nicht — Ich
vermisse an der Arbeit eine Erwähnung der ersten Verfolgungen
der Christen durch die Juden — bei einem so gestellten Thema
waren sie nicht zu übergehen — wie auch vor allem das Heran-
ziehen der bekannten Stellen im Hebräerbrief und eine Ver-
wertung des Hirten des Hermas. Auch eine Leugnung der Be-
ziehung dieser Schriften auf das Thema wäre zu begründen
gewesen. — Störend sind die Irrtümer in den Zitaten, vor
allem der deutschen Autoren. Sie beruhen nicht nur auf sprach-
licher Unkenntnis, wie F. 0. Verback (9C>2) statt F. Overbeck
(1156 richtig) zeigt. E. Seeberg-Greifswald.

Corpus soriptorum eoclesiasticorum latinorum. Wien,

F. Tempsky; Leipzig, G. Frey tag; 1913.
Vol. LIX: S. Eusebii Hieronymi opera sect. II. Pars I: In
Hieremiam prophetam libri VI recensuit Sigofredus Reiter
(CXXVIII, 576 S.). 20 Mk.
Vol. LX: Sancti Aurelii Augustini opera sectio VIII pars I:
de peocatorum meritis et remissione et de baptismo par-
vulorum ad Marsellinum libri tres de spiritu et littera über
unus, de natura et gratia über unus, de natura et origine
animae libri quattuor, contra duas epistulas Pelagianorum
libri quattuor recensuerunt Carolus Vrba et Josephus Zyoha
(XX, 741 S.). 22 Mk.
Das Wiener Corpus bietet zum erstenmal etwas von den
exegetischen Schriften des Hieronymus zum Alten Testament,
indem Siegfried Reiter die sechs Bücher in „Hieremiam pro-
phetam" vorlegt, die Hieronymus bald nach 414/5 begann, aber
nur bis zur Auslegung von Kap. 32 fortführte, an der Voll-
endung wurde er durch seinen Tod 420 gehindert. Die
auf Cassiodor zurückgehende Nachricht von 20 Büchern des
Jeremiaskommentars wird von Reiter mit Recht dahin gedeutet,
dass die 14 von Hieronymus übersetzten Jeremiashomilien des
Origenes in dieser Zahl mit den sechs Büchern des Jeremias-
kommentars fälschlich zusammengezogen erscheinen. Seine
Prolegomena hat Reiter zu eingehenden Darlegungen gestaltet.
Zunächst behandelt er die oben berührte Zeit der Abfassung
der Homilien, die er auch auf 415/6 bis kurz vor 420 legt.
In einem zweiten Abschnitt behandelt Reiter den der Auslegung
von Hieronymus vorangesohickten lateinischen Jeremiastext.
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