Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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gestellt. — In der Behandlung des Ruthbüchleins schlägt mehr-
fach eine mehr bibelstundenartige Weise vor, was der An-
ziehungskraft nicht zustatten kommt. Die zuletzt namhaft ge-
machten schwächeren Seiten des Bächleins werden indes nicht
hindern, dass dasselbe ebenso wie die Oettlische Jesajaanslegung
vielen Bibelfreunden zu reichem Segen dient.

Kirohenrat Pfr. Sperl-Erlangen.

Kittel, Lic. Gerh. (Privatdoz. in Kiel), Die Oden Salomos,
überarbeitet oder einheitlich? Mit zwei Beilagen:
1. Bibliographie der Oden Salomos. 2. Syrische Kon-
kordanz der Oden Salomos. (Beiträge zur Wissenschaft
vom A. T., hsrausg. v. R. Kittel, Heft 16.) Leipzig 1914,
Hinrichs (IV, 180 S. gr. 8). 5 Mk.
Das Problem der Oden Salomos fasst G. Kittel vorsichtig,
aber fest an einem Punkte an, von dem ein breiter Lichtstreif
anf das Rätsel fällt. Denn es ist klar, dass die Frage, ob die
Oden überarbeitet oder einheitlich sind, für ihr Verständnis von
ausserordentlicher Bedeutung sein muss, ja in dieaem Falle von
entscheidender, wie jeder weiss, der die bisherige Debatte ver-
folgt hat. G. Kittel setzt sich mit den Vertretern der Inter-
polationshypothesen auseinander, das sind: Harnack und die
sich ihm unmittelbar ohne weaentlicho Modifikation anschlössen,
sowie die Gelehrten, welche selbständig und zum Teil auf ganz
anderen Wegen als Harnack zur Annahme von Interpolationen
kamen (S. 5). Die Prüfung der angeblichen Interpolationen
wird nach zwei Hauptgesichtspunkten vorgenommen: 1. Unter-
suchung und Vergleichung der in angeblich interpolierten Stellen
vorkommenden Worte, Begriffe, Vorstellungen und stilistischen
Eigentümlichkeiten mit Analogien in dem gesamten übrigen
Bestände der Sammlung; 2. Untersuchung des Zusammen-
hanges der betreffenden Ode und der Stellung des beanstandeten
Stückes im Kontext. Für die Art, wie man die ganze Frage
überhaupt anzufassen habe, stellt G. Kittel drei allgemeine
Grundsätze auf: 1. Man hat jedes literarische Stück, das als
eine Einheit überliefert ist, zunächst als Einheit anzusehen.
2. Die Oden Salomos müssen ihrer Ueberlieforung nach
als christliche Dichtung solange angesehen werden, als
nicht ihr nichtchristlicher Ursprung bewiesen ist. 3. Es ist
unzulässig bei dem heutigen Stande der Wissenschaft, metrische
Grundsätze in der Art, wie es Diettrich und Grimme getan
haben, zur Grundlage der Untersuchung, zumal textlich und
sachlich so schwieriger Abschnitte zu machen. Mit jenen
methodischen Gesichtspunkten und mit diesen Grundsätzen ist
G. Kittel gewiss im Recht. Seine Arbeit gliedert sich nun in
zwei Teile. Im ersten beschäftigt er sich mit der Stilistik der
Oden. Bei drei Vierteln der Oden besteht der Anschein, dass
sie verschiedenartige Elemente enthalten. Die Frage ist, ob
die Erklärung dieses Umstandes durch Quellenscheidung zu suchen
und zu finden ist. G. Kittel kommt durch zahlreiche gute und
scharfsinnige Beobachtungen zu dem Ergebnis, dass sich die an-
scheinende Uneinheitlichkeit aus ständig wahrnehmbaren, klar
erkennbaren stilistischen Grundsätzen, aus einem einheitlichen
stilistischen System erklärt; „wie die Oden für den unbefangenen
Beobachter sachlich in all ihrer Eigentümlichkeit aus einem
Gübs scheinen, bo zieht sich auch die formelle Eigenartigkeit
durch die ganze Sammlung hin" (S. 48). Im zweiten Teil setzt
sich G. Kittel mit den Interpoiationshypothesen im einzelnen
kritisch auseinander, indem er das Material der Reihe nach
durchgeht. Diese Untersuchungen, die den grösseren Teil des

Buches ausmachen, enthalten eine Fülle von Beiträgen nicht
nur zur Frage der Interpolationen, sondern auch zur Erklärung
der Oden überhaupt. Darunter ist denn auch vieles von all-
gemeinem sachlichen Wert, sowohl die Lehre wie auch die
Frömmigkeit der christlichen Kreise beleuchtend, aus denen die
Oden hervorgegangen sind. Sehr dankenswert sind die beiden
Beilagen, besonders die syrische Konkordanz.

G. Kittel stellt selbst fest, dass seine Arbeit ein einzelner,
bestimmt abgegrenzter Beitrag zur allgemeinen historischen Ein-
ordnung der Oden ist. Gerade solche bestimmt abgegrenzte
Einzeluntersuchungen aber brauehen wir, um mit dem Ver-
ständnis der Oden Salomos weiterzukommen. G. Kittels Buch
führt ein gutes Stück vorwärts und nimmt in der Literatur über
die Oden einen hervorragenden Platz an entscheidender Stelle
ein. Seine Bekämpfung der Interpolationshypothesen ist über-
zeugend; es ist auf die Annahme, dass der jetzige Charakter der
Oden durch Interpolationen zu erklären sei, weiterhin zu verzichten.
Das ist auch für die historische Einordnung der Oden von ent-
scheidendem Werte. Es sei übrigens noch darauf hingewiesen,
dass das Buch, besonders in seinem ersten Hauptteil, auch für
die Erklärung des biblischen Psalters mancherlei Lehrreiches
bietet, das nicht übersehen werden möchte.

J. Herrmann-Rostock.

Glawe, Lic. Dr. Walter (Professor in Rostock), Die Be-
ziehung des Christentums zum griechischen Heiden-
tum, Im Urteil der Vergangenheit u. Gegenwart (Bibl.
Zeit- u. Streitfragen, hrsg. von Kropatscheok. 8. Serie,
8. Heft.) Berlin-Lichterfelde 1913, Runge (III, 44 S. 8).
60 Pf.

Verf. legt hier die Hauptresultate seiner gelehrten Studie
über „die Hellenisierung des Christentums in dar Geschichte der
Theologie von Luther bis auf die Gegenwart" (Berlin 1912,
Trowitzsch & Sohn) einem weiteren Kreise von theologisch
interessierten Lesern vor. In der Tat hat der Nachweis, den
Glawe erbracht hat, dass die verschiedenen modernen An-
schauungen von der Hellenisierung des Christentums, insbe-
sondere die radikale Ansicht, dass „der Inhalt der Verkündigung
Jesu uns nicht in seiner ursprünglichen Gestalt, sondern durch-
setzt mit dem Geist der klassischen, besonders der hellenistisch
gestimmten Antike überliefert worden sei", keineswegs Er-
rungenschaften der modernen Forschung sind, sondern schon
von Theologen des 16. —18. Jahrhunderts (Le Clerc, Souverain,
Löf Her, Priestley, Gibbon, Semler und dagegen Mosheim) ent-
wickelt und allseitig begründet worden sind, eine nicht zu
unterschätzende apologetische Bedeutung und Anspruch auf
Interesse über den Kreis der Fachgelehrten hinaus. Wer den
rechten Masßtab dafür behalten will, wie bescheiden, im Spiegel
der Geschichte gesehen, oft das Neue ist, was die heutige
Wissenschaft zutage fördert, wieviel alte Wahrheiten und alte
Irrtümer unter der Flagge allerneuester Erkenntnis segeln, dem
kann Glawes ansprechende kleine Schrift gute Dienste leisten.

J. B ehm-Breslau.

Canfleld, Leon Hardy, The early persecutions of the
Christians. (Stndies in bistory, economics and public law,
edited by the Faoulty of Politioal Science of Columbia
University. Vol. XV, number 2.) New York 1913, Columbia
University (215 S. gr. 8).
Die Arbeit ist hervorgegangen aus Uebungen im historischen
Seminar des Prof. Shotwell über „Heidentum und Christentum".
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