Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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rücken werde. Es ist doch inzwischen schon manches üher
nnd wider seine Neuerungen geschrieben worden (vgl. auch
meine kurzen Bemerkungen in der Theol. d. Ggw. 1913,
S. 277 ff.), das nicht ungehört verhallen dürfte. Im übrigen
verstehen wir wohl, wie Wendt sich in seiner meines Er-
achtens freilich irrigen Gesamtpositition, dass nämlich der Ver-
fasser oder Kedaktor der Apostelgeschichte nicht identisch sei
mit dem der Wirberichte, sich durch Norden bestärkt fühlen
konnte (Vorwort S. IV).

Wendt hat auf die Einleitung 64 Seiten verwandt. Dass
er auch dem Text der Apostelgeschichte eine längere Behandlung
hat zuteil werden lassen, ist selbstverständlich. Wendt dürfte
doch die Sonderlesarten des okzidentalischen Textes unter-
schätzen, und seine Läsung des Problems, dass nämlich der
Hauptbestand derselben auf einen der Mitte des 2. Jahrhunderts
angehörenden einzigen Redaktor zurückgehe, welcher „in naiver
Weise, d. h. ohne ein Bolches Bewusstsein der Pflicht zur ge-
nauen Wiedergabe des vom Autor gegebenen Textes, wie es
moderne Herausgeber haben, aber auch noch ohne die Scheu
vor dem Buchstaben der Apostelgeschichte als einer inspirierten,
kanonischen Schrift, den Text der Apostelgeschichte im einzelnen
zn bessern, anschaulicher zu machen und von Schwierigkeiten
zu befreien gesucht" habe, dürfte allen Schwierigkeiten kaum
gerecht werden. Doch soll nicht verschwiegen werden, dass
auch Wendt es für wohl möglich hält, dass auch einzelne sehr
gute, ursprüngliche Elemente unter den Besonderheiten des
westlichen Textes sich befinden.

Auf Einzelheiten der Auslegung einzugehen, darauf muss
ich verzichten, und darf es um so eher, als wir es ja mit einer
Neuauflage zu tun haben, die im wesentlichen überall die
frühere Auffassung wiedergibt. Was die Gesamtsteliung des
Verf.s zur Apostelgeschichte betrifft, so sage ich nur dies: wo
bleibt bei einer so gearteten Auslegung die fides historica et
humana des Lesers und Beurteilers zu einem Manne, wie es
der Verfasser der Apostelgeschichte sein will? Der alte Meyer
war mir lieber. G. WOhlenberg-Erlangen.

Erläuterungen zum Alten Testament, herausgeg. vom
Calwer Verlagsverein. 4. Teil: Oettli, D.S. (f Professor
der Theologie in Greifswald), Der Prophet Jesaja
Kap. 40—66 erläutert für Bibellelleser. 5. Teil: Gasser,
Dr. J. C. (Pfarrer in Winterthur), Richter und Ruth
erläutert für Bibelleser. Calw u. Stuttgart 1913, Vereins-
buohhandlg. (121 u. 123 S. gr. 8). Geb. k 1. 50.
Kein anderer Dienst ist zurzeit für die gläubige Gemeinde
wichtiger und notwendiger als eine wirkliche Einführung in
die Bibel und eine sachkundige Anleitung, zu all den Fragen,
die heute mehr als je sich für den Bibelleser erheben, eine
innerlich sichere, dem Geist des Evangeliums gemässe Stellung
zu gewinnen. Nachdem schon die Erläuterungen des Buches
Hiob (Oettli), des Propheten Jeremia (Köberle) und der Kleinen
prophetischen Schriften (Procksch) vorangegangen sind, setzen
die beiden obengenannten Arbeiten das Unternehmen in
würdiger und gewiss segenbringender Weise fort. Ein ge-
meinsames Grundbestreben, das beide Verfasser geleitet hat,
ist das, vor allem ein lebendiges Verständnis des Bibeltextes
zu vermitteln. Für die Beurteilung der sich weiter an-
schliessenden Fragen beschränken sich die Erläuterungen auf
kurze, aber für den denkenden Leser oft sehr bedeutungsvolle
Winke.

Die Gabe aus Oettlis NachlasB trägt besonders überwiegend
das Gepräge schlichtester, dabei aber doch sehr lebensvoller
lehrhafter Einführung. Das Büchlein stellt sich einfach als
Uebersetzung mit Anmerkungen dar. Die nach Abschnitten
gegliederte, schöne und lehrreiche Textübersetzung läuft von
Seite zu Seite weiter, alles Erläuternde, sowohl was Geschichte
und Zusammenhang betrifft als auch Erklärungen zum Einzel-
verständnis, ist den darunterstehenden Anmerkungen zugewiesen.
Gemeindeglieder, welche nach einem lebendigen Verständnis
suchen, werden hier gewiss reiche Förderung finden. Das
schliesst natürlich nicht aus, dass der dankbare Leser auch zu
manchem Fragezeichen sich veranlasst sehen kann, dies nament-
lich bei dem 53. Kapitel. Die Stellung, welche der heim-
gegangene Gelehrte in bezug auf das Verhältnis der Ideal-
gestalt des Gottesknechtes zum Messiasgedanken einnahm, findet
natürlich ihren Ausdruck. Der typische Weg des Gottesknechtes
durch das stellvertretende Sühneleiden zur Verherrlichung tritt
nach Oettlis Auffassung kaum irgendwo in eine dem Propheten
voll bewusste Beziehung zu der Messiashoffnung seines Volkes.
Es entspricht auch in bezug auf die ganze Donterojesajasohrift
jener Auffassung, wenn in der von Sohneshand beigefügten
Einleitung von ihr gesagt wird: „Messianische Weissagung im
engeren Sinne enthält sie wenig, und doch hat sie mächtig wie
kaum eine andere dem Verständnis dessen, was kommen soll,
vorgearbeitet." Wer aber dieser Betrachtungsweise gegenüber
— wie Ref. das von sich bekennt — sich zu der Frage ge-
drängt sieht, was für ein Dasein im Bewusstsein des Propheten
die Messiashoffnung geführt haben müsse, wenn sie bei all den
gewaltigen Ausblicken auf künftige Verherrlichung, auch bei
Kap. 60 und 61, ja bei 55, 3 nicht zum deutlichen und wirk-
samen Mitklingen gebracht worden wäre: der muss freilich
wünschen, den Eindruck des vorliegenden Büchleins, wenn er
es Gemeindegliedern in die Hand gibt, gleichzeitig auf irgend
einem anderen Wege durch einen stärkeren Hinweis auf die
messianischen Züge ergänzen und damit einer in reicherem
Sinne positiven Erfassung jener grossen Herrlichkeitsverheissungen
Raum schaffen zu können.

In dem Bändchen über Richter und Ruth scheinen mir
namentlich die Zeitverhältnisse des Richterbuohes recht schön
und anziehend gezeichnet und die Kraft der auch aus jenen
wirren Zeiten hervorleuchtenden Gottesgedanken glücklich fühl-
bar gemacht zu sein. Dass der Verf. diese Seite des Buche»
möglichst herausstellt und die abstossenden Erscheinungen bei
ungeschminkter Anerkennung des Tatsächlichen doch nicht
weiter, als ein wahrheitsgemässe3 Verständnis es direkt not-
wendig macht, verfolgt, wird man nur billigen können. Nicht
im gleichen Masse ist die Ueherwindung einer anderen Schwierig-
keit gelungen. Gewiss ist die Aufgabe sehr schwierig, gläubige
Leser, welche zum Teil sehr verschiedene Vorstellungen über
die Inspiration der Schrift mitbringen, in eine solche Be-
trachtungsweise gewisser Wundererzählungen, wie sie nament-
lich in den Simsongeschiehten stark vertreten sind, hinein-
zuführen, welche dem unbefangenen Sinn für das geschichtlich.
Wahrscheinliche und der unverkürzten und ungebrochenen
Würdigung des Schriftworts in gleicher Weise gerecht wird.
Was der Verf. in dieser Richtung auf S. 110 und 112 sagt,
wird man ja nur richtig finden können. Aber eigentlich Ge-
nüge geleistet ist damit dem, was der Leser namentlich in der
Gegenwart braucht, noch nicht. Freilich ist es in dieser An-
gelegenheit viel leichter Forderungen zu stellen als sie zu be-
friedigen, aber die Aufgabe war hier durch den Gegenstand
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