Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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wart erklärt." Güttingen 1913, Vandenhoeck & Rupreeht

(16 S. gr. 8). 50 Pf.
Eine solche Znsammenstellung hat nur für den Wert, der
die zugrunde liegende Gesamtanschauung von der Entstehung
und gegenseitigen Abhängigkeit der drei synoptischen Evangelien
teilt; für andere, und deren gibt es dooh auch noch etliche, er-
möglicht sie immerhin einen bequemen Ueberbliok über die Zu-
sammensetzung dieser Evangelien aus den betreffenden Quellen,
wie sie Joh. Weiss u. a. sioh zurechtlegen. Auch muss man die
Hucksohe Synopse, 4. Auflage, daneben legen, denn mit deren
Nummern wird im grossen und ganzen operiert. Drei grosse
Kolumnen von Uebersohriften werden geboten, Matthäus, Markus,
Lukas, darin jeder Evangelist von Anfang bis zu Ende. MarkuB
und die Markusstoffe bei Matthäus und Lukas sind schwarz und
in einer fortlaufenden Linie angegeben, Q bei Matthäus und
Lukas rot, das Sondergut des Matthäus braun, das des Lukas
grün. Freilich, manche Einzelheiten konuten, so bemerkt Weiss
selbst, so nicht hervortreten; z. B. zu Lukas Nr. 66. Hier liest
man in rotem Druck: „Verschiedene Nachfolger 9, 57—61*
(Matth. 60)", soll also von vornherein belehrt werden: das ge-
hört zu Q; dass aber Vers 61 und 62 Sondergut des Lukas
bilden, erkennt man nicht. Dagegen verstehe ich nicht, dass
man das Gleichnis vom verlorenen Schaf Luk. 15, 4—6 nicht
als aus Q stammend erkennen soll, wie Weiss erinnert. S. 12
ist ja unter 110 eine besondere Ueberschrift: „Vom verlorenen
Schaf 15, 4—7" in roter Schrift vorhanden! worauf freilich
eine weitergreifende neue Ueberschrift folgt in grüner Schrift:
„Gleichnis vom verlorenen Schaf und Groschen 15, 1—10."

G. Wohlenberg.

Wendt, D. HaDs Hinrich (o. Prof. in Jena), Die Apostel-
geschichte. Von der 5. Aufl. an neu bearbeitet. (Kritisch-
exegetischer Kommentar über das Neue Testament, be-
gründet von Hr. Aug. Wilh. Meyer. Dritte Abt. 9. Aufl.)
Döttingen 1913, Vandenhoeck & Ruprecht (IV, 370 S.
gr. 8). 8 Mk.

Es handelt sich um die 9. Auflage des alten Meyerschen
Kommentars zur Apostelgeschichte, den Wendt von der 5. Auf-
lage an (1880) neu bearbeitet hat. Mehr und mehr hat sich
Wendt von der Gesamtauffassung, wie sie Meyer mit Beziehung
auf Verf. und Glaubwürdigkeit der Apostelgeschichte vertrat,
entfernt. Zunächst hielt er mit Meyer an der traditionellen An-
sicht fest, dass kein anderer als der Begleiter des Paulus, Lukas,
der Verfasser der Apostelgeschichte sei, der dieses sein zweites
Buch bald nach Zerstörung Jerusalems geschrieben habe, und
bekämpfte lebhaft die von Krenkel und anderen verfoohtene
Meinung, der autor ad Theophilum verrate in der Apostel-
geschichte unverkennbare Spuren einer Benutzung des Josephus
als eine auf durchaus unzureichenden Gründen beruhende
Hypothese (S. 20 der 5. Auflage). Aber schon acht Jahre
später (in der „6. resp. 7. Auflage") gab er für die Abfassung
der ganzen Apostelgeschichte die Autorschaft des Lukas preis,
nnd in der achten (1899) glaubte er, wenn auch noch sehr
schüchtern, zugeben zu sollen, der unbekannte Verfasser sei
abhängig von Josephus. Dieses Sohüchternheitsgefühl ist nun-
mehr starker Zuversichtlichkeit gewichen (S. 42—45). Ich be-
dauere, dass Wendt sich durch die Beweisführungen Harnacks
und Zahns nicht zur alten Anschauung hat zurückführen lassen.
Auch bezweifle ich nach dem, waB ich S. 38 f. lese, dass Wendt

* 61 wird Druckfehler sein für 62.

die Frage nach einer zweiten römischen Gefangenschaft mit
der Gründlichkeit und Schärfe durchdacht und erledigt hat, die
für derlei Probleme unerlässlich sind. Ist es denkbar, dass um
das Jahr 100, da nach Wendt unsere Apostolgeschichte verfasst
ist, keine anderweitigen bestimmten Nachrichten über das Ende
des Apostels vorhanden waren, als die „Hauptqueile" sie bot,
d. h. bis zur Ankunft des Apostels in Rom, kurz nach welcher
sie geschrieben wurde? Der Prozess des Paulus, so nimmt
Wendt an, habe nach den zwei Jahren der leichten Haft
28, 30 f. eine ungünstige Wendung genommen; an Stelle des
ungehinderten Verkehrs und Predigens des Apostels sei eine
Btrenge Abachlieasung des Gefangenen eingetreten, und derselbe
habe dann im Gefängnis ein gewaltsames Ende gofunden, von
dessen Zeitpunkt und Umständen kein Christ etwas erfahren.
„Nicht nur wenn sich der Prozess des Paulus bis zum Anbruch
der Neronischen Verfolgung hinzog, der er als ein durch seinen
Prozess bekannter und überführter Vertreter und wichtigster
Verbreiter der verwerflichen Christensekte gewiss gleich zuerst
zum Opfer gefallen wäre (Wendt setzt die Ankunft des Apostels
in Rom ins Frühjahr 62, möglicherweise 61), sondern auch,
wenn sein Prozess schon vorher mit dem Todesurteil abschloss,
ist es begreifüch, dass die Christen in Rom nie etwas Be-
stimmtes über dieses Urteil und seine Exekution erfuhren."
Wegen dieses Mangels einer positiven Nachricht über den Ver-
bleib und Ausgang des Paulus habe sich „auch wohl" das
Gerücht (?) bilden und Glauben finden können, Paulus sei
freigekommen und nach Spanien gereist. Diese Reflexionen
sind völlig unhaltbar. 1 Clem. 5 spricht nioht von einem ein-
sicheren Gorücht. Da3s die Christen über den Lebensausgang
des grossen Apostels in Unbekanntschaft geblieben sein sollten,
ist schlechterdings unglaublich.

Aber am meisten befremdet es mich an dem Wendtsohen
Buche, dass Wendt sich so schnell (octuk Tayeiu; Gal. 1, 6)
durch E. Nordens kühne Aufstellungen über Pauli Areopagrede
hat aus dem Sattel werfen lassen. Das Unglück wollte es
nämlich, dass Wendt die Neubearbeitung seines Kommentars
sohon einigermassen fertig gedruckt vor sioh sah, als Ed. Nordens
„Agnostos Theos" erschien. Wendt konnte nur gerade noch
bei der letzten Korrektur den Titel des Werkes in die An-
merkung auf S. 264 zu Ap.-Gesch. 17, 16 ff. hinzufügen. Aber
im „Vorwort" blieb ihm Raum, sioh über Nordens Werk zu
äussern. „Hätte ich", so sohreibt er da, „das Werk vorher
gekannt, so würde meine Beurteilung der Areopagrede anders
ausgefallen Bein: ich würde die Annahme, dass oin Grund-
bestand dieser Rede aus der Hauptquelle der Apostelgeschichte
stamme, nicht aufrecht erhalten haben." Norden habe über-
zeugend dargetan, dass in jener Rede stoische Herkunft ver-
ratende Gedanken, die bei der religiösen Propagandarede damals
viel gebraucht wurden, verarbeitet und mit alttestamentlichen
Gedanken verbunden worden seien. Auch die Anknüpfung an
die Altarinschrift ä^vüjowp 9eiu sei nichts Originelles in der
Rede. Der Verf. sei hier abhängig von einer Schrift des
Apollonius von Tyana (irept öuoiu>v) oder einer Apollonius-
biographie, die noch ausführlicher über diese Schrift berichtet
habe, als Philostratus in seinem bekannten Buche über Apollonius
es tue. Verstehe ich Wendt reoht, will er nunmehr auch die
Historizität eines Aufenthalts und eines wenn auch nur vorüber-
gehenden Wirkens Pauli in Athen preisgeben. Ich habe trotz
allem zu Wendt das Zutrauen, dass er, falls es ihm vergönnt
sein sollte, noch eine 10. Auflage Beiner Auslegung ans Licht
I zu geben, in dieser Beziehung stark von Norden wieder ab-
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