Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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gegenüber unmöglich. Aber wer einen Eindruck vcm theo-
sophiscben Okkultismus haben will, findet ihn hier.

Zu einem ganz abenteuerlichen Bunde reichen sich etymo-
logische Spielerei, allegorische Auslegung, gnostische Allerwelts-
spekulätion und Materialisierung des Geistigen, indische Theo-
sophie, ägyptische Mythologie, griechischer Logosgedanke, christ-
liche Erlösungsvorstellung und wer weiss, was noch alles die
Hand in Peryt Schon — eine „christlich-heidnische Heils Wissen-
schaft" von der unausdenklichsten Verworrenheit und Zuversicht
zugleich ist die Frucht dieses Bundes.

Einen guten Einblick in gewisse Seiten der eigentümlichen
Welt der Theosophie gibt der theosophische Kalender, nämlich
einerseits durch seinen astrologischen Teil, der für jeden Tag
z. B. den Stand aller Planeten und die Himmelsaspekte angibt,
andererseits durch seinen „okkult-wissenschaftlichen" Teil, in
welchem spiritistische Erscheinungen, vegetarische Ernährungs-
und ähnliche Heilungsanweisungen usw. bis zu den Gespenster-
geschichten in einem — übrigens gar nicht üblen — Gedichte
zeigen, was alles im Bannkreise der Theosophie auftritt.

Eine Doxologie auf den dreieinigen Gott setzt Rocktäsohel
an die Spitze seines Baches über den Stein der Weisen, als
dessen Zweck er bestimmt, „das Vorhandensein eines wahr-
haftigen dreieinigen Gottes sogar zahlenmäßig zu beweisen und
die wahre Goldmaohekunst zu lehren". Es werden freilich noch
viele andere Dinge hior aufgedeckt bis zur Quadratur des
Kreises und zur richtigen Kreisberechnung herunter und bis
zum Nachweis des Weges des Lebens hinauf. Der Stein der
Weisen oder das Siegel Saloraos ist das Raumviereck, das
durch Teilung eines Quadrates in neun gleiche Quadrate ent-
steht und mit den Zahlen 1 bis 9 so besetzt wird, dass die
Quersummen und die Läugssummen und die Summen in den
Diagonalen immer =15 sind. Mit den arithmetischen und
mathematischen und geometrischen — darf ich so sagen? —
Spielereien, die sich daraus ergeben, sind dann religiöse und
christliche Gedanken in eine merkwürdige Verbindung ver-
schmolzen.

Auch Koch verkündigt eine Entdeckung, freilich eine trotz
des theosophisch klingenden Titels seiner Schrift gänzlich un-
theoBopbisehe Entdeckung, nämlich eine solche, durch die zu-
nächst die Naturerkenntnis auf eine neue Grundlage gestellt
werden soll. Sie besteht in dem Satze, dass der Temperatur-
und Druckunterschied die Ursache aller Erscheinungen, auch
des Lebens sei. In der Beschränkung, die dieser Satz in der
näheren Ausführung manchmal dahin erhält, dass die Temperatur-
unterschiede für das Zustandekommen und die Art der Natur-
erscheinungen von grosser Bedeutung sind, ist er ohne Zweifel
riohtig, aber doch wohl nicht neu. Aber in der Ausdehnung
zu einem alles erklärenden Prinzip, die der Verf. ihm gibt,
wird er zu einem augenscheinlichen Irrtum. Das Leben eine
Folge des Temperaturunterschiedes? Nimmermehr! Eine un-
endliche und ewige Temperatur als Prinzip aller Dinge — die
Metaphysik ist zu einfach, um wahr zu sein. Doch arbeitet
Verf. wenigstens mit klaren Tatsachen der Natur, und das
macht seine Hypothese ganz interessant. Interessant wird sie
auch dadurch, dass Koch sie auslaufen läset in Begründung
religiöser Stimmungen. Religiosität ist hier freilich Einkehr
des Menschen in sich und Einsicht in seine Bestimmung, inB
Weltall zurückzukehren.

Levy widmet die grössere Hälfte seiner besonnen und ernst
gehaltenen, aber auch etwas umständlichen und von einer ge-
wissen vornehmen Erhabenheit über alle Kritik getragenen

Ausführungen den Kritikern, die sich an Dr. Steiner heran-
gemacht haben, wie F. Maack, dem Erfinder der seltsamen
„Allomatik". oder dem oben erwähnten Hs. Freimark und
anderen. Seine Antikritik enthält gewiss manches Berechtigte,
hängt sich aber mehr an Einzelnes und Aeusserliches. Für
uns an diesem Streite nicht beteiligte Leser fällt das Schwer-
gewicht des Buches auf den ersten Teil. Levy, von Nationalität
ein Franzose, ist ein begeisterter Anhänger Dr. Steiners. Ein
Ton persönlicher Bewunderung und Verehrung für diesen geht
durch das Ganze, der dem Aussenstehenden auffällt. Levy be-
müht sich nun, den Werdegang Steiners zu beleuchten und
seine Grundgedanken darzustellen. In ersterer Hinsicht ist es
ihm aber nicht gelungen, den seltsamen Bruch irgendwie zu
beseitigen oder andererseits zum Verständnis zu bringen, durch
welchen sich Steiner aus einem Anhänger des Goethesohen
Idealismus und des Häokelsehen wissenschaftlichen Naturalismus
zu einem Propheten okkulter theosophischer Spekulation oder einer
mit wissenschaftlichem Anspruch auftretenden Mystik umbildete.
In Hinsicht auf die Lehre Steiners aber macht sich Levy seine
Aufgabe insofern leicht, als er in der Hauptsache bloss ihre
allgemeinsten religiös-spekulativen Grundgedanken ins Auge
fasst, nämlich die selbständige Geistigkeit des menschlichen
Ichs und seinen Zusammenhang mit einer oberen unsichtbaren
Welt. Das sind aber die Gedanken, in welchen diese Lehre
mit manch anderem Idealismus der Weltauffassung zusammen-
trifft. Wer aber Steiner wirklich vertreten will, der muss die
eigentlichen Ergebnisse seiner mystisch kontemplativen Schauung
unverkürzt, der muss die kühnen Hypostasierungen der einzelnen
Aeusserungen des menschlichen Lebens, die Steiner vornimmt,
vorführen und in bezug auf sie Rede und Antwort stehen. Die
Auffassung endlich, wie sie offenbar auch Levy hegt, dass
Steiner aufs nächste sich mit dem Christentum berühre, können
wir uns trotz allem nicht aneignen. Hier herrscht die „Gnosis",
nicht der in religiös-sittlichen Entscheidungen sich vollziehende
Glaube. Man bekommt aber immerhin von dem Buche einen
starken Eindruck von der Gewalt, mit welcher die Theosophie
heute viele Menschen innerlich an sich bindet. Wer ist denn
nun eigentlich der sog. „moderne" Mensch: der Häckelsche
Naturalist mit seinem Stolz auf die reine Naturwissenschaft
oder der in kontemplativer Schauung unsichtbare Welten ent-
deckende Theosoph?

Als unermüdlicher Vorkämpfer speziell des Spiritismus er-
greift wieder einmal der Schweizer Sulz er das Wort. Die
religiöse Not der Gegenwart wurzelt im Materialismus; die
Kirchen können ihn aus dem und jenem Grunde nicht über-
winden. Da tritt der Spiritismus in die Bresche. Er bildet
eine wissenschaftliche Grundlage zu einer spiritualistischen Welt-
anschauung, die das religiöse Bedürfnis vollkommen befriedigen,
den Materialismus abtun und in wissenschaftlicher und in Be-
ziehung auf Weltanschauung die wichtigsten Fortschritte herbei-
führen wird. Auch bei Sulzer sucht diese religiös-spiritualistisohe
Weltanschauung Verbindung mit dem Christentum, aber ohne
Wahrung von dessen entscheidendster Eigenart.

Baohmann-Erlangen.

Weiss, Johannes (D. u. Prof. d. Theol. in Heidelberg),
Synoptische Tafeln zu den drei älteren Evangelien
mit Unterscheidung der Quellen in vierfachem Farbendruck.
Ergänzung zum 1.—20. Tausend des Werkes „Die Schriften
des Neuen Testaments, neu übersetzt und für die Gegen-
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