Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Umständen (Rom!) sich zugänglich zu machen gewusst hat.
Schubert hat offenbar seit seiner vorigen Arbeit über die
Osterpredigt (Unsere Predigt vom auferstandenen Heiland, 1908)
meines Erachtens recht viel hinzugelernt. Er gibt auf S. 5—143
eine Menge instruktiver Auszüge au3 den Predigten ver-
schiedenster Homileten des Jahres 1848. Das ist eine schöne,
mit sehr viel Fleiss zusammengebrachte, gut geordnete Material-
sammlung, auf der sich dann S. 144—166 die eigentlichen
Urteile aufbauen können. Zu dieser Beurteilung teilt er die
Predigerreihe in drei Gruppen: 1. die extremen Liberalen,
2. die extremen Orthodoxen und 3. „die gemässigten Ratio-
nalisten, die politisch freieren Orthodoxen und die vermittelnden
Theologen".

Es ist selbstverständlich, dass für historisches Urteil Gruppe 1
und 2 zu viel zu Beanstandendes aufweist, als dass er sagen
könnte, sie hätten ihre Aufgabe restlos gut gelöst. Ueber diese
Rationalisten fällt er S. 163 „ein vernichtendes Urteil", an den
Orthodoxen hat er „keine reine Freude" (S. 165). Bleiben also
die Theologen der mittleren Linie übrig. Und in der Tat, so
wie er hier alles nicht Einseitige, Extreme, Verbohrte zusammen-
bringt zu einer grossen Gruppe, wird ihm jeder Historiker der
Predigt recht geben müssen. Das ist das grosse Geschick,
das er angewandt hat und das nach der Richtung der Vor-
sicht und Besonnenheit diese seine neue Arbeit vor der vorigen
auszeichnet. Aber es wäre doch vielleicht für die Sache
empfehlenswerter gewesen, wenn er nun auch in dieser Gruppe
spezialisiert hätte in Darstellung und Urteil. Das ist selbst-
verständlich, dass sich in dieser Gruppe viele „treue Zeugen
des guten Alten, des Ewigen im Christentum und unerschrockene
Verfechter des guten Neuen, des notwendigen politischen Fort-
schritts" finden (S. 165), aber diese Urteile hätten auf die
einzelnen Zugehörigen der Gruppe verteilt werden sollen, dann
würde man ein klareres, schärferes Bild erhalten haben, womit
der geschichtlichen Erfassung immer sehr gedient ist. Als das
Ideal der Prediger erscheint für Schubert im Jahre 1848
Nitzsch. Er hätte, wenn er sich nun einmal für ihn ent-
schieden hat, seine Eigenart deutlich herausarbeiten und so
eine Art Kanon gewinnen sollen. Das hätte keine Vergewaltigung
anderer zu werden brauchen, sie hätten vielmehr in ihrem
Sosein verständlich gemacht werden können. Aber die Werte
hätte er dann, abgestuft nach Massgabe dessen, was ihm Bein
Kanon als mustergültig erscheinen liess, den einzelnen beilegen
können. — Zum Schluss gibt Schubert: Grundsätze für die
Zeitpredigt der Gegenwart. Diesen Abschnitt hätte man gern
entbehrt. Denn Geschichte der Predigt soll man wie alles ge-
schichtliche Forschen um ihrer selbst willen treiben, nicht aber
immer mit der nachzuschickenden „Nutzanwendung für die
Gegenwart". Dadurch werden ganz unwillkürlich die Ergebnisse
der Geschichtsstndie in gewisse Beleuchtungen gesetzt, die dem
modernen Leben entnommen sind, und das ist nicht erwünscht.

Alles in allem ist Schuberts Arbeit eine tüchtige, gut durch-
dachte Leistung, die den Wunsch entstehen lässt, ihm gelegent-
lich wieder auf diesem Studiengebiet der Geschichte der Predigt
literarisch zu begegnen. Alfred Uckeley-Königsberg.

Eckert, Pfarrer Lic. A. (Löcknitz, Bez. Stettin), Wohl dem
Volk, des der Herr sein Gott ist. Eine Sammlung
politischer Predigten. Herausgeg. 2. Aufl. (307 S. 8). 3.50.

Derselbe, Wir wollen dem Herrn dienen. Eine Samm-
lung von Traureden. Herausgeg. 2. Aufl. (252 S. 8). 1.75.

(Ohly und Rathmanns Pfarrbibliothek, Bd. 35—36. 40.)
Leipzig, G. Strübig.

Solche Predigtsammlungen werden wohl in der Hauptsache
als bequeme Vorbereitungsmittel des Pfarrers geschätzt. Nach
dieser Richtung hin auf ihre Brauchbarkeit die vorliegenden
Bände zu beurteilen, mag aber lieber praktisch-theologischen
Fachzeitschriften überlassen bleiben. Hier, wo es sich um
wissenschaftliche Beurteilung handelt, möchte ich einen anderen
Gesichtspunkt anwenden und mich über den Wert der beiden
Sammlungen nach anderer Richtung hin aussprechen.

So gut und willkommen es ist, aus einem Predigtbande
eines einzelnen Homileten ein Urteil über seine Sonderbedeutung
für die Homiletik entnehmen und sich bilden zu können, so
dürfte doch auch andererseits der Vorzug einer Zusammen-
fügung von etwa 50 oder 100 Reden, die alle eine Gelegen-
heit hatten und einen Stoff behandelten, darin liegen, dass
erst eine solche uns eine zureichende Antwort auf die Frage
gibt: Wie wird in der Gegenwart bei solchem Anlass gepredigt?
resp. dem späteren Historiker der Predigt für seine Darstellung,
seine Urteile, seine Vergleiche das nötige Material bereitstellt.
Das ist meines Erachtens das wissenschaftliche Verdienst, das
solche Bände, wie die vorliegenden der Ohly-Rathmannschen
Sammlung, haben. Es kommt da also eigentlich nicht so sehr
auf einige Glanzleistungen an, die zeigen: Wie konnte auf
bestbesetzter Kanzel wohl gelegentlich einmal gepredigt werden,
sondern auf gut-allgemein orientierte Höhenlage einer einwand-
freien Durchschnittsleistung.

Von hier aus versteht sich, dass die Bedeutung des Sammeins
und Ordnens solcher Sammlung recht gross ist, und man muss
Lic. Eckert im vorliegenden Falle alle Anerkennung für sein
Geschick und seine Umsicht zuteil werden lassen. Zumal in
dem Bande „Traureden" treten neben einem Ueberragenden —
Geheimrat Conrad (Berlin) — gute Typen der Durchschnitts-
predigt uns vor Augen, so dass das Bild von der Traurede
(auch „Goldener-Hochzeits Rede") der Gegenwart wohl zu-
treffend auf Grund dieses Materials gezeichnet werden dürfte.
In dem anderen Bande „Patriotische Reden" ist die Schwierig-
keit für den Sammler grösser. Druckwert sind da nicht Jeder-
manns-Ansprachen; von selbst richtet sich die Aufforderung um
Beiträge hier häufiger an führende homiletische Kräfte. So be-
gegnen wir denn hier Reden von D. Dryander, von Burk,
Boigius, Nebe, Dr. Rocholl, D. Maurer, D. Förster (Halle); für
die neueren Anlässe (1913) haben Jul. Böhmer, Brüssau und
Eckert die Predigten geliefert. Gewiss ist die homiletische
Kunsthöhe dadurch gut gewahrt, aber es ist nunmehr auch der
Zeitraum, in dem diese Art, patriotisch zu predigen, unsere
evangelische Kirche beherrschte, auf 20 Jahre ausgedehnt. Dem
Kenner bleiben hierEntwickelungsresultate solcher langen Arbeits-
reihe nicht verborgen. Alfred Uckeley-Königsberg.

Historisch - pädagogischer Literaturbericht über das
Jahr 1911. Herausgegeben von der Gesellschaft für
deutsche Erziehungs- und Sohulgeschichte. (4. Beiheft zu
der Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des
Unterrichts.) Berlin 1913, Weidmann (IX, 408 S. Lex.-8).
3 Mk.

Seit dem Jahre 1906 sucht die Gesellschaft für deutsche
Erziehungs- und Schulgeschichte die historisch-pädagogischen
Erscheinungen in Jahresberichten zu gedrängter kritischer Ueber-
schau zu bringen, und seit 1909 hat sich eine feste Ordnung
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