Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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zusammenhänge vermissen, so fehlt dem Einzelnen eine zentrale
Erfassung des einzelnen Denkers. Es bleibt alles so atomistiech
und aneinandergereiht. Lohnend wäre es gewesen, z. B. bei
Plato, den religiösen Einsehlag in dem System wirklich heraus-
zuarbeiten. Statt dessen haftet der Verf. nur am Objektiven,
an der „Weltanschauung". Dagegen die lebendige Persönlich-
keit mit ihrem tiefsten Begehr tritt nicht hervor.

Die Kritik des rein Tatsächlichen ist Sache der klassischen
Philologen. Rez. muss darauf verzichten, hier ein Urteil zu
fällen. Nur in einem Punkt glaube ich begründeten Wider-
spruch erheben zu dürfen: die Gestalt des Sokrates scheint mir
samt ihrem sophistischen Hintergrunde stark verzeichnet zu
sein. Für Gilbert rückt nämlich Sokrates aufs nächste an
Plato heran, wenn man von dessen späterer Entwickelung, wie
sie nach dem Verf. im Parmenides, Sophistes, Politikos u. folgd.
Dialogen vorliegt, absieht. Auch Sokrates ist wie Plato „ein
spekulativer Genius" (S. 256. 266), auch er hat eine Theorie
der Seele: seine Weltanschauung wurzelt in der Ueberzeugung
von der Verbindung der menschlichen Seele mit dem göttlichen
NoC;; auch er hat den pythagoreischen Dualismus, nach dem
die Materie sich im Widerstand zur Gottheit befindet; auch er
die Beweise für die Unsterblichkeit der Seele (S. 263). Schon
er hat eine „Wertlehre geschaffen" und unter dem Begriff des
„Gut sein" „alles Sein zu einer grossen kosmischen Einheit"
zusammengeschaut. Ihn tröstete „die freudige Zuversicht, dass
der Gläubige dereinst, wenn die Seele den Druck des Leibes
abgeschüttelt, zum Schauen der wahren Wesenheit und des
vernünftigen Zwecks der Welt und ihrer Verhältnisse gelangen
wird" (S. 270). In der Auffassung der Gottheit speziell „schliesst
Sokrates sich der gesamten älteren Spekulation an, während
er in dem Glauben an die Einzelgötter unmittelbar in dem Boden der
Volksreligion wurzelt" (S. 265), kurz, er ist Traditionalist in
bezug auf die Religion. Indem er freilich daneben „die Forderung
des Gewissens", „das Recht des Individuums" geltend machte,
„hat er einen Konfiiktsstoff von unübersehbarer Tragweite in
die Geister geworfen" (S. 283), „ohne sich jedoch dieser Konflikts-
möglichkeit bewusst zu werden" (ibid.).

Es ist sofort klar, wie Gilbert zu einem solchen Sokratesbild
gelangen konnte: er benutzt viel zu kritiklos die Zeugnisse
des Xenophon und einzelner platonischer Dialoge wie Gorgias
und Phädon. Gorgias ist nach ihm „unmittelbar nach dem Tode"
des Meisters verfasst. Und ebenso gilt ihm Phädon als eine
im wesentlichen getreue Wiedergabe der Abachiedsreden des
Sokrates. Dass diese literarkritische Position unhaltbar ist, hat
meines Erachtens H. Maier in seinem neuesten, höchst um-
sichtigen und gründlich zu Werke gehenden Sokratesbuch
(Tübingen 1913) aufs neue dargetan. Auf dessen Ausführungen
darf ich verweisen, wenn ich behaupte, dass der wirkliche
Sokrates Punkt für Punkt ein von Gilberts Charakteristik total
verschiedener gewesen ist. Die Probe kann leicht jeder selbst
machen, wenn er auch nur die Platonische Apologie zur Hand
nimmt.

Trotz der kritischen Ausstellungen, die meines Erachtens
nicht zu umgehen waren, sei zum Schluss die reiche Arbeit,
die in diesem stattlichen Bande niedergelegt ist, und die ihn
zu einer Fundgrube sachlicher Aufschlüsse auB dem genannten
Gebiet macht, mit Dank anerkannt.

Eine Einzelheit — um von allerlei Druckfehlern zn
schweigen —: S. 319 erscheint 1 Kor. 13, 12 in folgender
Uebersetzung: „Jetzt erkennen wir (!) es stückweise, dann

werden wir~(!) es 'erkennen, wie auch wir (!) werden (!) er-
kannt sein." Erklärt sich das aus ungenauer oder allzu genauer
Kenntnis des Textes? Heinzelmann-Göttingen.

Siegmund -Sohultze, D. Friedrich (Geh. Konsistorialrat), Das
apostolische Glaubensbekenntnis und der Christ der
Gegenwart. Vier religionswissenschaftliohe Vorträge, auf
Veranlassung und zum Besten der Magdeburger Stadt-
mission im Februar-März 1913. Magdeburg 1913, Evang.
Buchhandlung Ernst Ho'termann (60 S. 8). 1 Mk.
Der Anlass für diese der theologischen Fakultät von Halle
gewidmete Drucklegung ist auf dem Titel angegeben, aber ihr
eigentlicher Zweck ist das seelsorgerlich apologetische Bestreben,
Zweifel und Bedenken gegen das Apostolikum zu zerstreuen
und seine bleibende Bedeutung auch für den Christen der
Gegenwart zu erweisen. Fast will es mir scheinen, als eignete
sich hierfür die Form von Vorträgen besser als die von Pre-
digten, weil dabei vielerlei gesagt werden muss, was man nur
sehwer auf die Kanzel bringt. Drei Vorträge behandeln je
einen der drei Artikel. Dabei kann man gewiss über einzelne
Punkte anders urteilen. S. 10 ist unklar, wie die Gas- und
Nebelmasse des Chaos plötzlich eine Licht- und Flutwelle wird —
es geht eben nicht, dass man in die Schöpfungstage von
1. Mose 1 unsere heutigen Naturvorstellungen hineinträgt.
„Eingeboren" kann wohl kaum auf die leibliche Geburt
Jesu bezogen werden (S. 17). Das Erdenleben Jesu fehlt nicht
ganz im zweiten Artikel: in dem Worte „Sohn" ist seine
Gottesgemeinschaft, aber auch seine Demnt nnd sein Gehorsam
beschrieben (S. 18). Gewagt ist die Behauptung, dass die ganze
Welt um der Erde willen da sei (S. 10), ist die Folgernng der
Erlösungsmöglichkeit im Jenseits aus der Niederfahrt Jesu
(S. 22), ist die Deutung der Fleisohesauferstehung auf die täg-
liche innere Erneuerung des Christen (S. 38). Direkt zu be-
anstanden dürfte die Ableitung des Wortes „Kirche" von dem
deutschen Worte „küren" sein; Kirche == xopiaxij. Wort-
bildungen wie Seinkönnen, Gegebensein, Fragstellungen wie:
unseres Heilands Geist ist wohin gekommen? (S. 22) und ziem-
lich häufige Druckfehler möchten in einer zweiten Auflage ver-
bessert werden. Alles dies beeinträchtigt jedoch nicht die Freude
an dem Buche, das gerade den tiefen religiösen Gehalt des
Apostolikums und die innere Wahrheit des christlichen Glaubens
von der hohen Warte eines weltoffenen Christentums aus dartut.
Besonders der vierte Vortrag „Der Christenglaube — mein
Glaube", der zwar auch eine Ergänzung des Apostolikums nach
der subjektiven Seite hin für nötig erklärt, ist eine glänzende
Apologie desselben: persönlicher Glaube und Gemeinschafts-
glaube reichen sich hier die Hand. Soherffig-Leipzig.

Schubert, Dr. Ernst (Kais. BotschaftBprediger in Rom), Die
evangelisohe Predigt im Revolutionsjahr 1848. Ein
Beitrag zur Geschichte der Predigt wie zum Problem der
Zeitpredigt. (Studien zur Gesch. des neueren Protestan-
tismus. 8. Heft.) Giessen 1913, Töpelmann (IV, 180 S.
gr. 8). 4. 80.

Mit dieser Arbeit hat Schubert die theologische Doktor-
würde rite in Giessen im vorigen Jahre erlangt, und in der
Tat ist sie ein guter Beweis seiner historisch gesohiokten
Methode wie auch der Umsicht, mit der er eine nicht zu
unterschätzende Menge von Predigtbänden unter erschwerten
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