Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Ruesch, Arnold, Freiheit, Unsterblichkeit und Gott als
Ideen der praktischen Vernunft. Leipzig, Thomas
(157 S. gr. 8). 2 Mk.
Eine mit viel Scharfsinn im einzelnen, aber ohne jedes Ver-
ständnis'für christliche Religion, ja überhaupt für Gottesglauben
geschriebene Abhandlung. Das Neue Testament „entspricht
nicht einmal den elementarsten Grundsätzen der Ethik" und
ist „in der Hauptsache für eine Stufe der menschlichen Ent-
wickehmg zugeschnitten, die weit in der sog. vorsittlichen
Periode zurückliegen muss" (S. 150). Aber im übrigen wird
nicht die Stärke darin gesucht, das Christentum zu befehden.
Es sind sachliche ethisch-philosophische Ausführungen, die das
Büchlein füllen. Es macht sich zur Aufgabe, den unleugbaren
Widerspruch zu heben, der in Kants Darsteilung der beiden
Erkenntnisvermögen hervortritt und auch nicht durch das Primat
getilgt werden kann, das er der reinen, praktischen Vernunft
in der Verbindung mit der spekulativen zuerkennt. Dem Verf.
ist die Kritik der praktischen Vernunft Kants die finstere Wolke,
die das Licht der „reinen" verdunkelt hat. Er beweist, dass
auch die Ideen der praktischen Vernunft nur als regulative
Prinzipien zu betrachten sind, und dass ihnen jede Bedeutung
über mögliche Erfahrung hinaus abgesprochen werden muss
(S. 97). Der wirkliche kategorische Imperativ ist das Bedürfnis
nach Glückseligkeit, die Gebote der Pflicht nur hypothetische
Imperative. „Du sollst nicht lügen, wenn du nicht deine Selbst-
achtung verlieren willst" (S. 127). Uneigennützigkeit gibt es
nirgends, überall auch hinter der sittlichsten Maske regiert die
Lust und die Eigenliebe. Alles in allem, die Vertretung einer
Weltanschauung, die Gott, Unsterblichkeit, Freiheit und Un-
eigennützigkeit leugnet! Aber — im einzelnen kann hier nicht
widerlegt werden — es ist nicht zu leugnen, dass Hauptprobleme
der Ethik durch den Verf. in ihren engeren Grenzen scharf-
sinnig und nicht ohne Glück behandelt, ja gefördert werden.
Formell haftet der Schreibweise das bittere Gefühl des Ver-
kaantwerdens an, was nicht günstig wirkt. Auch wäre nicht
selten eine grössere Pietät in der Behandlung Gottes erwünscht.

Pastor Lic. Fischer-Hamburg.

Runze, Professor D. Dr. Georg, Essays zur Religions-
psyehologie. Berlin, Verlag Deutsohe Bücherei, Otto
Koobs (143 S. 8). 1 Mk.
Der Mitherausgeber der kürzlich eingegangenen „Zeitschrift
für Religionspsychologie" und des neu eröffneten „Archivs für
Religionspsychologie" hat hier drei bereits früher veröffentlichte
Aufsätze vereinigt: „Die psychologischen Grundlagen der Reli-
gion" (1908), „Zur Wertbestimmung religiöser Erfahrungen"
(1910) und „Die Stellungnahme zum Unsterblichkeitsglauben
im Konfuzianismus, im Buddhismus und im Alten Testament
und ihre neueren Parallelen" (1894). Der erste Essay, der die
Grundlagen der Religion „psychologisch-genetisch" aufdecken
soll und deshalb wohl bei den im übrigen reichlichen Literatur-
angaben auch auf Mandels Erkenntnis des Uebersinnlichen I, 1
hätte verweisen können, stellt vier Motive der Religion fest:
die Wünsche, die Einbildungskraft in Verbindung mit dem
Traumleben, das kausale Verstandesrätsel und sittliche Willens-
motive. Die Wahrheitsfrage wird ausgeschieden, aber zum
Sohlusa wird dem Worte Voltaires zugestimmt: Wenn es keinen
Gott gäbe, so müsste man ihn erfinden. Das zweite Problem
ist inzwischen von Pfennigsdorf in seinem Buche über den
religiösen Willen (1912) gründlich erörtert worden. Der dritte

und wertvollste Aufsatz konstatiert, dass eine etymologische
und psychologische Untersuchung des Unsterblichkeitsglaubens
schliesslich ergebe, dass „die Menschenseele wie die Tierseele
ein zartes Produkt des organischen Erdleben überhaupt" sei.
Das letzte Wort aber behalte die „bewundernde Lebensfreude",
die dem All-liebenden eine etwaige Neuschöpfung der Geister
gläubig überlasse. Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Gilbert, Otto, Griechische Religionsphilosophie. Leipzig
1911, W. Engelmann (XXXV, 554 S. gr. 8). 11.20.

Dies umfangreiche Werk Otto Gilberts ist erst nach seinem
Tode erschienen. Der Verf. — er war 1886—99 Bibliotheks-
direktor in Greifswald, danach pensioniert in Halle — hat
zwar Eoch das Manuskript bis auf das Vorwort vollenden, aber
nicht den Abschluss der Drucklegung erleben können (vgl. das
Vorwort der Heransgeberin, Frau Dr. med. Elis. Gilbert geb.
Lichtwer). Trotzdem ist das Ganze bis in die Anmerkungen
hinein gut durchgearbeitet und trägt nicht, auch zum Sehluss
nicht, das oft unfertige Bild posthumer Editionen an sich.

Nicht eigentlich eine Geschichte der griechischen Religions-
philosophie enthält das Buch, sondern, wie wohl der Titel schon
sachentsprechend andeuten soll, eine Beschreibung der wich-
tigsten religionsphilosophischen Anschauungen des griechischen
Geistes. Fast wie Monographien treten die einzelnen Kapitel
nebeneinander. Abgesehen von sehr nützlichen, das Verständnis
erleichternden Rüokbeziehungen und Vergleichungen der ein-
zelnen Denker sind irgend welche Versuche einer Darstellung
von Eutwickelungslinien nicht gemacht. Auf die Klarlegung
geistesgeschichtlicher Zusammenhänge ist es dem Verf. offenbar
nicht angekommen. Auch die Disposition verrät das. Nach
einer Einleitung, die von den Ursprüngen der Spekulation bei
Homer, Hesiod und den Orphikern handelt, verfolgt die Unter-
suchung das Spiel und Gegenspiel monistischer und dualistischer
Weltanschauung bis zu Anaxagoras (Kap. 1 —4). Das 5. Kapitel
trägt dann die Ueberschrift „Der Sokratisch (sie!)-Platonische
Dualismus". Daran schliessen sich als 6. bis 9. Kapitel „Der
Aristotelische Energismus", „Der atomistische Materialismus"
(Demokrit, Epikur), „Der stoische Pantheismus" (Zeno, Kleanthea,
Chrysippus). Wie die zuletzt mitzitierten Namen zeigen, hat
sich der Verf. bei der Stoa auf die älteste Lehre beschränkt,
„absichtlich", wie er S. 547, A. 1 betont. Mit ihrer Dar-
stellung sohliesst also sein Buch, ohne Ausblick und Rückblick,
was bei so langer Wanderung dem Begleiter doppelt schmerz-
lich ist.

Der Inhalt der einzelnen Kapitel ist reich an positivem
Material. Darin liegt überhaupt der Wert des Buches, das in
schlichter Sachlichkeit die Anschauungen der wichtigsten griechi-
schen Denker vorführt. Freilich, was gehört in ihnen der
„Religionsphilosophie" an? Der Verf. hat sich diese Frage
kaum klar gemacht. Eine Erörterung darüber findet sich nicht.
Er gibt ausser den Ansichten über die Götter einen Aufriss
der jeweiligen Metaphysik. Und dabei bleibt dann natürlich
Spielraum genug, Erkenntnislehre, Physik, Ethik mit ein-
zuarbeiten. So unterscheidet sich die „Religionsphilosophie"
nicht viel von jeder anderen Darstellung der griechischen
Philosophie. Das lag in der Natur der Sache. Religionsphilo-
sophie ist eben eine moderne Disziplin.

Was dem Ganzen abgeht, fehlt auch dem Einzelnen: ein
philosophischer Geist, der andere philosophische Geister zu
meistern versteht. Liess das Ganze die grossen Entwickelungs-
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