Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Schubert, Hans von (D. Dr. Geh. Kirchenrat, Professor der
Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg), Grund-
züge der Kirchengeschichte. Ein Ueberblick. 5., ver-
besserte nnd erweiterte Auflage. Tübingen 1914, Mohr
(Siebeck) (XI, 332 S. gr. 8). 4 Mk.
Es ist wohlverständlich, dass von Schuberts Grundzüge in
einem Jahrzehnt fünfmal erscheinen konnten; denn sie sind ein
Buch für Laien wie für Fachleute. Der Laie erhält in über-
sehbarer Kürzo eine zuverlässige und klare Darstellung des
kirchengeschichtlichen Gesamtverlaufs, die sorgfältig abwägend
die entscheidenden Linien der Entwickelung heraushebt, ohne
dabei in abstrakte Skelettierung zu verfallen; sie ist vielmehr
voll Leben und Persönlichkeit und regt den Leser selbst zu
beidem an. Dem Fachmann bietet sie den hohen Genuas, von
einer sicheren Hand durch Schwierigkeiten, die ihm mehr be-
kannt sind als anderen, glatten Weges geführt zu werden, und
er freut sich über die schönen Durchblicke und oft geradezu
klassischen Formulierungen, die ihm unterwegs begegnen. Dabei
ist es ein besonderer Vorzug des Buches, dass des Verf.s deutsch-
protestantischer Liberalismus mit einer wohltuenden Vornehmheit
auftritt (nur hätte S. 303 der Hinweis nicht fehlen dürfen, dass
die Taten christlicher Liebe durchweg von nichtliberalen Kreisen
ausgehen [gerade bei dem Zusammenhang, in dem sie erwähnt
werden], während andererseits von den „Ritschlianern" [S. 321]
ein eigentümliches Idealbild entworfen wird, das der Wirklich-
keit schwerlich entspricht).

Zu S. 229ff.: die konstituierenden Momente des Calvinismus,
die hier Behr fein charakterisiert sind, entbehren der innerlichen
Verknüpfung. (Grundprinzip der majestätischen Transcendenz
Gottes). — Zu S. 233, 249f.: Beim Eindringen des Calvinismus
in Deutschland stehen schwerlich religiöse Motive im Vorder-
grund, sondern vielmehr die Sucht des Deutschen, das Aus-
ländische aufzunehmen als das Vornehmere. Der Einbruch des
Calvinismus erfolgt gleichzeitig mit der Ueberschwemmung
Deutschlands mit französischer Politik, Literatur, Sitte und
Bildung. — S. 235: „Von einer ^Entwicklung" [der römischen
Kirche seit dem Tridentinum] kann noch weniger die Rede sein
als im Mittelalter." Das kann doch im Hinblick auf Jahre
wie 1773, 1814, 1854 und 1870 nicht so streng behauptet
werden, vergl. auch S. 185, wo gesagt wird, dass das
Mittelalter bloss ein Dogma (1215) geschaffen habe. —
S. 260: der Jesuitenorden wurde nicht durch eine Bulle, sondern
bloss durch ein Breve aufgehoben. — S. 201: die Staaten sind
als tertii gaudentes bei kirchlichen Nöten vielmehr schon 112 2
aufgetreten (Hauck III, 916).

Merkwürdigerweise hat der Verf. auf alle Berücksichtigung
der kirchlichen Kunst verzichtet, obgleich sich doch in ihr
die innersten Tiefen der Frömmigkeit erschliessen. Weder
Seuse, der grösBte Dichter in Prosa während des deutschen
Mittelalters, noch Dürer noch Bach wird erwähnt. — Der SchlusB
des Buches, der auf mehrfache Bitten hin erweitert ist, ist
reich an interessanten Gedanken, doch scheint mir der Verf.
etwas zu optimistisch zu urteilen; die dunkle Folie des wachsenden
Unglaubens fehlt, er achtet mehr auf den äusseren kirchlichen
Fortschritt (besonders des Protestantismus gegen Rom). — In
der Schreibweise von Namen könnte man manchmal anderer
Meinung sein; ich würde schreiben: Kaiser Sigmund, Meister
Eckhart, Leibniz, Winckelmann, Urlsperger. Im Re-
gister muss es ausserdem heissen: Maxentius, Slawenapostel,
S&vonarola, Sülze. Hans Preuss-Leipzig.

Graul, D. Karl, Reden bei der Gedächtnisfeier in Leipzig
am 1. Februar 1914 von D. Ihmels, D. Paul, D. Cordes.
Leipzig 1914, Verlag der ev.-luth. Mission (46 S. 8). 50 Pf.
Der historische Sinn unserer Zeit feiert mancherlei Ge-
dächtnistage. Da ist es der erste Missionsdirektor der Leipziger
Mission wohl wert, dass sein Geburtstag (6. Februar 1814) ein
Anlass wird, ihn und seine Arbeit unserem Geschlecht bekannt
zu machen. Das tut Ihmels in einer Predigt über Ebr. 13, 7. 8.
Graul hatte, so führt er ans, der Kirche ein besonderes Wort
Gottes zu sagen, dass die Kirche als solche, nicht bloss einzelne
Christen, Mission zu treiben habe. Das soll geschehen in
apostolischer WeiBe, in nüchterner Wahrhaftigkeit in der Ge-
wissheit, dass das Evangelium die Herzen überwindet. Grauls
Persönlichkeit hat seinem Worte Nachdruck gegeben. Die
Ehre aber gebührt dem Herrn, der hinter seinen Dienern steht
und bleibt, wenn sie gehen. D. Paul, der jetzige Missions-
direktor, weiBt darauf hin, was Graul für die lutherische Kirche
und die Mission zu bedeuten hat. Graul hat das Heidentum
studiert und den Missionaren wertvolle Hilfsmittel für das
MissionBstudinm hinterlassen. Er hat bewirkt, dass die Mission
ein gemeinsames Werk der verschiedenen lutherischen
Landeskirchen geworden ist. Vorbildlich ist die Art seiner
Berichterstattung. Was er schreibt, hat wissenschaftlichen
Wert. D. Cordes, der Leipziger Stadtsuperintendent, erinnert
die Stadt Leipzig, die das Missionshaus in ihrer Mitte hat,
daran, dass sie nun auch die Mission pflegen solle, der Uni-
versität sagt er, dass sie die Mission in ihren Gesichtskreis
aufzunehmen habe; der Kirche ruft er zu, dass sie die bei den
Heiden kirchenbildend wirkende Mission nun auch kräftig tragen
und fördern müsse. — Alle drei Redner bringen unserer Zeit nahe,
was Graul getan und gewollt hat G. Lohmann-Hannover.

Briggs, Charles Augustus (D.D., D. Litt., eto), Theologioal
Symbolics. Edinburgh 1914, T. & T. Clark (X, 429 S.).
Geb. 10 sh. 6 d.
Der wohlbekannte New Yorker Professor, den ich auch in
diesem Blatt so oft als einen Mitherausgeber des grossen
hebräisch-englischen Wörterbuches und eines zweibändigen
Psalmenkommentars begrüssen durfte, begegnet mir nun zuletzt
als Verfasser einer Symbolik. Ja, es ist das letzte Werk, das
er schaffen durfte. Denn schon vor der Vollendung des Druckes
ist er in die Weit des Friedens eingegangen. Seine schon vom
Psalmenkommentar her bekannte Mitarbeiterin, Miss Em. Grace
Briggs, hat das Werk durch die Presse geleitet, und ein Pro-
fessor der orientalischen Sprachen, Francis Brown in New York,
hat die Vorrede dazu geschrieben. Das Werk ist die Frucht
langjähriger Berufsarbeit auf dem Gebiete der christlichen Be-
kenntnisbildung und ist mit grosser Klarheit abgefaBSt. Haupt-
sätze in Paragraphenform stellen die Schlussergebnisse des Verf.s
voran, und dann folgt die gelehrte Begründung mit eindringender
Quellenzitierung. Der dritte Paragraph über das Symbolum
apostolicum lautet: „Der apostolische Glaube wurzelt in der
trinitarischen Taufformel." Doch ich fahre nicht fort. Schon
dies mag genug sein, um die Aufmerksamkeit der dieses Gebiet
betreffenden Forschung auch in Deutschland auf dieses Work
zu lenken. Möge es in dem Geiste wirken, in welchem es
nach dem Zeugnis von Prof. Fr. Brown geschrieben wurde,
dem Geiste der Sehnsucht nach einer innigeren Vereinigung
der Christenheit in ihren wesentlichen Grundwahrheiten.

Ed. König.
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