Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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de Journel (S. J.), M. J. Rouet, Enchiridion patristicum.
Locos sb. patrum, doctorum seriptorum ecclesiasticorum in
usum scholarum collegit. Editio altera auota et emendata.
Friburgi Br. 1913, Herder (XXVI, 301 S. gr. 8). 8. 80.
Zu den verschiedenen Qnellensammlnngen zur Geschichte
der Kirche usw. tritt hier eine nene, die ans den Werken der
Kirchenväter und kirchlichen Schriftsteller bis Johannes Damas-
oenns diejenigen Stellen zusammenstellt, die als Traditions-
beweise für das Dogma der rOmisch-katholischen Kirche dienen
können. Die Sammlung ist sehr geschickt nnd bequem an-
gelegt. Zuerst kommen mit laufenden Zahlen versehen in
chronologischer Reihenfolge die in Betracht kommenden Stücke
aus den Werken der Väter. Im ganzen enthält das Buch
2389 Stücke solcher Quellenexzerpte. Vor den Texten ist ein
Index chronologicus, der die mitgeteilten Stellen unter Angabe
der Zeit, in der sie geschrieben wurden, anführt. Nach den
Texten folgt dann ein Index theologicus, der nach dem Schema
der Dogmaük die einzelnen Stücke derselben (mit Zahlen
numeriert) anführt und dann in Zahlen der Quellenexzerpte
auf diejenigen dieser selbst hinweist, die als Beweise für den
betreffenden Locus der Dogmatik gelten können. Im Text
selbst aber wird auf dem inneren Rand wieder mit den Zahlen
des Index theologicus auf diejenigen Stücke der Dogmatik hin-
gewiesen, zu deren Beweis die betreffende Stelle dienen kann.
Unter den griechischen Texten befindet sich die lateinische
Uebersetzung (zumeist) von Migne. Auch weisen Fussnoten
darauf hin, wo die Texte in den besten Gesamtausgaben der
Berliner Kirchenväterkommission, der Wiener Ausgabe der
lateinischen kirchlichen Schriftsteller, von Migne usw. oder auch
in den massgebenden Einzelausgaben zu finden sind. Dabei
wird die protestantische Wissenschaft ebenso in Betracht ge-
zogen wie die katholische. Ein Verzeichnis der Schriftstellen
sowie ein alphabetisches Register erleichtern noch mehr den
Gebrauch des Buches. Georg Daxer-Pressburg.

Ganschinietz, Richard, Hippolytos' Kapitel gegen die
Magier, Refut. haer. IV, 28—42. (39. Bd., Heft 2 der
Texte u. Untersuchungen z. Gesch. der altchristl. Literatur,
hrsg. v. A. Harnack u. C. Schmidt.) Leipzig 1913, Hinriohs
(77 S. gr. 8). 2. 50.
Den Kapiteln 28 bis 42 des IV. Buches der Philosophumena
oder, wie der Verf., allerdings korrekter, schreibt, der Refutatio
(omnium) haeresium des Hippolytos läset der Verf. obiger, seinem
Lehrer Prof. Dr. Wilh. Kroll gewidmeten Schrift auf S. 30—75
eine aufs einzelne gerichtete Erklärung widerfahren, einen Kom-
mentar bietend. Vorausgeschickt werden wertvolle „Prolegomena"
S. 7—30, worin er viererlei bespricht:

1. Stellung der Kapitel im ganzen. Nach dem Vor-
gang von Ales wird das VI, 39 zitierte Buch xaxa pdvuiv für
identisch erklärt mit IV, 28—42. Dieses ganze Stück stehe
an verkehrter Stelle, bilde vielmehr das verloren geglaubte
dritte Buch der Refutatio, von dem nur der Anfang verloren
gegangen sei. Der Inhalt jener Kapitel soll im wesentlichen
durch xa u-ooTixd I, 26 (ed. Duncker-Schneidewin S. 48, 92)
wiedergegeben sein. Kap. 1—27 v. B. IV sollen entsprechend
das bekanntlich ebenfalls als verloren geltende Buch II dar-
stellen, mit verstümmeltem Schluss. Es fragt sich aber doch
ob nicht Hippol. I, 26 xa uoeraxd an zweiter, statt an erster
Stelle, hinter Zaa. irepi£pY<i>4 uepi aoxpa xive? rj ue-redr] itpav-
ido&noav, genannt hätte, nicht minder, ob von ihm nicht zur

Charakterisierung des in den Kapiteln 28—42 v. B. IV ein
anderer, etwas durchsichtigerer und vollerer Ausdruck als xd
p-ooTixd gewählt worden wäre.

2. Die Quelle des Buches xaxd ud-/a>v S. 12 ff.
Unter Ablehnung der Hypothese C. Fr. Hermanns (1852), dass
Celsus diese Quelle sei, glaubt der Verf., auf Grund seiner Aus-
führungen ergebe es sich „zur Evidenz", dass Hippolytos aus
einer „naturwissenschaftlichen Schrift" schöpfe, in der „der
uctYO?" eine magia naturalis verfasste, zur Unterhaltung, vor
allem aber auch zur Belehrung, voll physikalischer Kunst-
stflokchen, Probleme und Erklärungen, ähnlich wie die magiae
naturales des Mittelalters. Nach VI, 7 (S. 234, 26): o 2tu.a>v ...
ircuüa; tcoXXoö; xaxd xrjv 6paoour|6oo; xey_vrjv, up xpoTcrp avaidev
ef.e8eu.B8a . . . deoTcoirjoai eaoxbv £Tcey_eipT)oev xxX. dürfte man,
so urteilt Ganschinietz, wohl annehmen, dass der Titel jenes
(pseudepigraphisohen) Buches 0paoou,q8oo? xeyvrj gewesen sei,
geschrieben zwisohen 200 und 230 p. Chr. Nach Ganschinietz
handelt es sich also nicht um ein Handbuch für Gaukler, auch
nicht um eine Widerlegung derselben; vielmehr wollte der Autor
nichts weiter als einen Kursus der Physik nach dem Stande
der Kenntnisse und der Methode seiner Zeit beschreiben, in
„populär-wissenschaftlicher" Tendenz. Meines Erachtens hätte
Hippolytos sich, falls er den Titel eines Buches meinte, anders
ausgedrückt, etwa: xaxd xd £v xfj 0p. xey_VTj YeTPauuiV0U
Andererseits wird er davon überzeugt gewesen sein, dass die
Häretiker, denen er Uebung der Magie zuschreibt, die einfältige
Menge geflissentlich und unter Anstiftung von dämonischen
Mächten (vgl. die Confessio Cyprians von Antiochien, in Kürze
etwa Zahn, Cypr. v. Ant. S. 38 f.) zu täuschen suchten, als ob
sie eigentliche Wunder zu wirken imstande seien. Von jener
magia naturalis im Sinne volkstümlicher Belehrung über selt-
same Naturvorgänge scheint Hippolyt nichts gewusst zu haben.

3. Zur Geschichte der Teohne. Der Verf. sucht es
wahrscheinlich zu machen, dass aus den 8aop.axoicoioi natur-
wissenschaftliche Forscher und Gelehrte wurden.

4. Die Magia naturalis im Altertum. „Es wäre von
grossem Interesse, wenn wir noch weitere Vertreter dieser
Literaturgattung nachzuweisen vermöchten. Sicher gehören
hierher die Keoxol des Julianus Africanus." Ich bezweifle, ob
dieses Werk in dieser Weise richtig rubriziert wird. Jedenfalls
fand sich darin viel mehr nnd noch ganz anderes als Natur-
wissenschaftliches. Auch Lucian soll sich in seinem Alexandros
eines der Teohne des Thrasymedes nahestehenden Büchleins be-
dient haben (vgl. Luc. AI. 21 mit Hipp. IV, 34). Ferner nennt
Ganschinietz in diesem Zusammenhange Plin. hist. nat. Buch 30.
Endlich soll der Libellus de mirabilibus mundi unter den pseud-
albertinischen Schriften in seinem zweiten Teil eine Uebersetzung
aus dem Griechischen, und zwar aus naturwissenschaftlichen
Werken, enthalten. Schade, dass der Verf. hier nur knappe
Skizzen oder vielmehr nicht einmal solche, sondern nur einige
Iiteraturgeschichtliohe Notizen gibt. Man möchte Fleisch und
Blut um dies Knochengerüst sehen. Entschieden wertvoll ist
der Kommentar zu den Kapiteln 28 bis 42 selbst. Der Leser
würde noch mehr von demselben haben, wenn es dem Verf.
gefallen hätte, eine fortlaufende Uebersetzung zu liefern. Er
hätte nicht etwa Ursache gehabt, sich ihrer Darbietung als
eines überflüssigen, weil leichten Werkes zu schämen. Denn
sie ist gar nichts weniger als leicht, und jedermann weiss, dass
eine gute Uebersetzung oft einen Kommentar ersetzt.

G. Wohlenberg.
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