Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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lässt er Paulus schon im Jahre 31 bekehrt werden — geboren
worden sei Paulus um das Jahr 1; Christi Geburt erfolgte
8 v. Chr. —, wobei er freilich die „14 Jahre" Gal. 2, 1 von
der Bekehrung anrechnen muss, was meines Erachtens unstatt-
haft ist. In diesen Jerusalemer Aufenthalt soll auch die Vision
fallen, 2 Kor. 12, 1 ff. Was soll man aber dazu sagen, dass
Kephas Gal. 2 u. a. beständig von Petrus unterschieden wird!
Aber auch der neben Kephas und Jakobus Gal. 2 genannte
Säulenmann Johannes ist nicht der Zebedaide, sondern ein ganz
anderer Johannes, der Verfasser des vierten Evangeliums, mit
dem freilich jener, der nach Papias von den Juden getötet
wurde, frühzeitig verwechselt worden sei. Richtig ist der Gesichts-
punkt, dass Paulus in Cilicien (Ap.-Gesoh. 9, 30; 11, 25) sich
weniger mit Mission als mit der Selbstfortbildung in der
griechischen Literatur und Wissenschaft zur Vorbereitung auf
seinen missionarischen Beruf beschäftigt habe. Aber als wenig
wahrscheinlich muss es gelten, dass er dazu 8 bis 9 Jahre,
von 34 bis 42/43, gebraucht habe. Die erste Missionsreise
fällt nach Daechsel in die Jahre 45/46, das Apostelkonzil 47
(so S. 19; S. 96: 48). Auf der zweiten Missionsreise schreibt
Paulus, „der Gefangene des Messias zum Besten der Heiden",
die Briefe an die Laodizener (Eph.), Kol., Philemon, von
Antiochien Pisid. aus: die Christenhäuflein dort im Lykustal
waren ohne Pauli direktes Zutun von Antioch. Pis. aus ent-
standen. Hier in Antiochien ist auch Markus reumütig zu
Paulus zurückgekehrt (Kol. 4, 10). Im Jahre 49 kommt Paulus
nach Europa. In Korinth arbeitet er „in der Spinnerei" (!)
seines Freundes Aquila (I, 138). Nach Vj2jährigem Aufenthalt
daselbst, in welchen die Abfassung des 2. Thess. zu setzen
ist (Frühjahr 50), bereist Paulus zunächst die Gemeinden von
Achaja und Mazedonien (Herbst 51), ehe er von Kenchreä aus
über Caesarea sich nach dem syrischen Antiochien begibt.
Während jener Visitationsreise wird der Brief an die Galater
(besonders an die Gemeinde in Derbe*! verfasst, auch (und
zwar in Athen) der 1. Theas. Nach Jerusalem, wo er eigent-
lich endgültig mit seinem Hauptgegner, jenem Kephas, abrechnen
wollte, ist er damals auf Gottes Wink nicht gekommen. Ehe
er sich, auf der dritten Missionsreise, im Jahre 54 in Ephesus
niederlässt, besucht er, im Jahre 53, Achaja, vielleicht vorher
auch Kreta (denn das dTrelircov Tit. 1, 5 bedeutet nur: ich
beliess dich, ich beurlaubte dich weiter), schreibt den Titus-
brief, missioniert in Epirus und überwintert in Nikopolis. In
Ephesus beBteht er einen Tierkampf, indem er sich vielleicht
einem dazu verurteilten Glaubensgenossen zuliebe opferwillig
selbst in die Arena begab und die Wut der Bestie bezwang
(II, 159), schreibt von dort aus, selbst unabkömmlich, an den
zu einer ViBitationsfahrt durch Mazedonien und Achaja gesandten
Timotheus (1 Tim. 1, 3: verzweifelte Konstruktion!) den 1. Tim.
und, gegen das Ende des dreijährigen Aufenthalts, auch den
1. Kor. (im Jahre 56). In das folgende Jahr fallen der 2. Kor.
und Abschiedsbesuche des Apostels in Griechenland; in das
Jahr 58 der letzte Aufenthalt ia Korinth und der Römerbrief,
an vorwiegend judenchristliche Leser, übrigens vom Apostel
nicht etwa diktiert, sondern eigenhändig geschrieben, wie denn
überhaupt eigenhändige Niederschrift durchweg seine Gewohn-
heit gewesen sein soll. Röm. 16, 22 ist von einer von Tertius
genommenen Ab- und Reinschrift zu verstehen. Der ersten
römischen Haft, 61 bis 63, gehört nur der Philipperbrief
an. Im Jahre 63 reiste der Apostel, frei geworden, zur Missions-

arbeit nach Spanien, wahrscheinlich auch nach Gallien und
Dalmatien. Im Jahre 65 ist dann seine Rückkehr nach Rom
erfolgt, die Abfassung des 2. Tim. und eine neue, letzte Wirk-
samkeit in Rom, in schwieriger Lage, aber doch in Freiheit.
Wahrscheinlich wurde der Apostel zwei Jahre Bpäter wieder ver-
haftet und vor dem Ostiensischen Tor hingerichtet.

G. Wohlenberg-Erlangen.

Goote, Dr. theol. Karl, Die Wunder Jesu. Oeffentlicher
Vortrag, gehalten in der Aula der Universität zu Basel.
Basel 1914, Helbing & Lichtenhahn (38 S. 8). 1 Mk.
Dass jede Durchbrechung der Naturgesetzliehkeit durch das
Wunder abzulehnen sei, ist die Grundlage der Abhandlung.
Dass der prinzipielle Satz nicht sowohl hervorgehoben als voraus-
gesetzt wird, kann im gegenwärtigen Stadium der Wunderfrage
nicht als klärender Fortschritt erscheinen. Auch in der Be-
handlung eines historisch formulierten Themas liegt darin eine
Selbstbeschränkung, deren Recht und Wert man füglich be-
zweifelt. Gern sei die Besonnenheit anerkannt, mit der der
Verf. die bekannten Argumente gegen die Glaubwürdigkeit der
evangelischen Tradition handhabt, wie sie aus der naturwissen-
schaftlichen Bildung, der Religionsgeschichte, der Literarkritik,
der religiösen Reflexion erwachsen, zumal auch die Gegen-
argumente nicht fehlen, wie sie aus der lebensvollen Beschaffen-
heit der Berichte, den Mängeln der ausserchristlichen Parallelen,
der spezifisch christlichen Erfahrung von Gottes Vorsehung sich
ergeben. Trotzdem ist das Resultat für unser Empfinden
durchaus negativ. Soll auch von den Erzählungen ein ge-
schichtlicher Kern stehen bleiben, so ist er doch immer un-
bekannt und oft unvorstellbar, dazu geheimnisvoll und über
die Massen dürftig, jedenfalls nichts Wunderhaftes mehr, das
sich vom gewöhnlichen Geschehen deutlich abhöbe. Die Heilungen
z. B. sollen nicht die Kunststücke eines Hypnotiseurs sein, aber
man besinnt sich nach der Darlegung des Verf.s vergeblich,
worin Jesu Erfolge andersartig gewesen seien als die der ärzt-
lichen Suggestion. Am bezeichnendsten ist vielleicht die Dar-
legung über die Totenerweckungen. Hinsichtlich der synoptischen
Berichte neigt der Verf. zur Annahme des Scheintodes; was er
über Lazarus sagt, kann man nur als Leugnung der ganzen
Begebenheit ansehen. Wo ist da noeh eine Distanz von den
abgewiesenen Erklärungskünsten des älteren Rationalismus?
Auch ob Goetz den Begriff des Glaubens nicht verschiebe und
entleere, kann man fragen. Feinsinnig ist die knappe Entfaltung
der allerdings angesichts der Bibel selbstveratändlicheu Tatsache,
dass Jesus in den Wundern nicht sein ausschliessliches Vorrecht
sah, sympathisch die Energie, mit der die Wunder aus Jesu
Gottverbundenheit abgeleitet werden. Wie der entscheidende
Grund gegen die Wunder Jesu nicht mit voller Deutlichkeit
zum Ausdruck kommt, so noch weniger der entscheidende Grund
für ihre Wirklichkeit: die Erfahrung der Wiedergeburt, die dem
Wiedergeborenen eine so radikale Zerreissung der natürlichen
Zusammenhänge auf dem Gebiete des Seelischen zeigt, dass ihm
auch die Möglichkeit der Durchbrechung des Naturzusammen-
hanges nach seiner stofflichen Seite hin glaubhaft wird. Alle
Kritik soll jedoch das Büchlein nicht um seinen Vorzug bringen,
dass es eine reichhaltige und interessante Anregung zur Be-
sinnung über das Problem ist.

Lio. Lauerer-Grossgründlach (Bayern).

* Nach I, 100 ist Timotheus in Lystra zu Hause; nach II, 35. 98
in Derbe. Jenes ist das einzig Richtige.
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