Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

283

284

Sohelling — wonach sein späterer spekulativer Standpunkt
schon in diesen Anfängen vorgebildet war — durchaus an-
erkannt und mittelst des neuen Materials der Briefe an Niet-
hammer noch weiter durchgebildet wird. (Dass Brauns textliche
Bemerkung S. 18, „Dogmatizismus" sei überall in „Dogmatismus"
verwandelt, nicht stimmt, ist leicht festzustellen.) Herausgeber
und Verleger haben sich mit diesem Neudruck, der sich in
in seiner ein fach-geschmackvollen Ausstattung auch äusserlich
sehen lassen kann, wirklich ein Verdienst erworben.

Wilhelm Metzge't-Leipzig.

Dunkmann, Prof. D., Das Erleben Gottes, Akademische
Predigten. Gütersloh 1913, Bertsismann (208 S. 8).

Es ist dankenswert, dass Dunkmann zum Thema des
grösseren Teils dieser 22 Predigten das „Erleben Gottes" ge-
wählt und daher der ganzen Sammlung diesen für unser
heutiges religiöses Interesse sofort die Aufmerksamkeit in An-
spruch nehmenden Titel gegeben hat. Durch die Predigten
wird dem Leser gezeigt, dass es ein solches „Erleben" Gottes
wirklich gibt und in jeder lebendigen christlichen Frömmigkeit
geben muss. Nichts Ungesundes ist das Verlangen danach,
sondern etwas Berechtigtes und Notwendiges. Allein die Pre-
digten führen dann auch den einzig richtigen Weg zu solchem
Erleben: nicht in selbstgemachten Phantasien, nicht in einem
willkürlich konstruierten, von der Geschichte losgelösten Um-
gang mit Gott kommen wir zum rechten Gott-Erleben, sondern
wir können ihn allein recht erleben im Anschluss an seine
Offenbarung, von der uns die Bibel Zeugnis gibt. Nach den
verschiedensten Seiten hin entfaltet dann Dankmann dies rechte
Erleben Gottes. Er zeigt, wie wir ihn erleben in der Herrlich-
keit seiner Schöpfung (Gen. I, 1), in der von ihm gestifteten
menschlichen Gemeinschaft (Gen. II, 18), in dem seinem Willen
entsprechenden Sittengesetz (Gen. II, 16—17), in dem Gericht
der Gottesferne und des erschreckten Gewissens (Gen. III, 6.
8—9), in den Leiden dieser Zeit und in der tröstlichen Ver-
heissung (Gen. III, 17—19. 15). Auch das Gotteserlebnis der
Propheten und Jesu wird geschildert. Dann aber tritt uns vor
allem in dreifacher Predigt das Gotteserlebnis entgegen, das
wir an Jesus machen können und müssen: seine Worte legen
den Grund dazu, seine Werke vertiefen es, und durch Kreuz
und Auferstehung Jesu wird es vollendet. So empfinden wir's:
sollen wir Gott erleben, so muss er uns selbst entgegenkommet',
und er ist ins menschliche Leben hereingetreten und tritt immer
wieder in Gnade und Gericht in dasselbe hinein, darum können
wir ihn erleben.

Es sind feinsinnige Gedanken, die Dunkmann aus den
biblischen Texten entwickelt; er hat es verstanden, aus dem
geschichtlich Beschränkten das ewig Güitige herauszuholen, und
zwar so, dass dabei stets das Besondere, das Charakteristische
des Textes, das ihm im Unterschied von anderen Texten eignet,
zur Geltung kommt. So trägt jede Predigt ein individuelles
Gepräge an sich. Andererseits wird die gefundene bleibende
Wahrheit des Textes doch nicht in allgemeiner, über der Wirk-
lichkeit schwebender Weise ausgeführt, vielmehr ist die Aus-
führung beherrscht von der Berücksichtigung des heutigen
Geisteslebens in seiner dem Evangelium teils entgegenkommenden,
teils abgeneigten Eigenart und von der Berücksichtigung des
akademischen Hörerkreises, dessen studentische Mitglieder öfter
direkt angeredet werden.

Was die Form der Darstellung betrifft, so herrscht die

ruhig darlegende Entwickelung vor. Verf. wendet sich vor
allem an die Erkenntnis, ohne dass jedoch Gefühl und Wille
seiner Hörer zu kurz käme. Der Ton, der die Predigten durch-
zieht, ist eben nicht der kühle Ton der Abhandlung, sondern
der Ton des am Geschick des Hörers warm interessierten
Predigers. Zuweilen wäre vielleicht eine Erläuterung theo-
logischer Fachausdrücke wie Gesetz, Dienst des Christen, Busse
und anderer erwünscht gewesen, da sie im Laien meist recht
unbestimmte Vorstellungen erwecken. Die Sprache verzichtet
darauf, durch Bilder, Vergleiche und Zitate zu wirken, sio be-
rührt aber durch ihre Schlichtheit sympathisch.

Die Predigten werden durch ihren biblischen Wahrheits-
gehalt, durch die Originalität der Gedanken und durch das
Verständnis für das, was dem Menschen unserer Zeit besonders
not tut, einen nachhaltigen Eindruck auf ihre Hörer gemacht
haben. Möchte ihnen auch der entsprecrrende Leserkreis nicht
fehlen! D. Steinbeok-Breslau.

Hesselbacher, K. (früher Pfarrer in Neckarzimmern [Baden],
jetzt in Karlsruhe), Aus der Dorfkirche. Predigteu.
Band 1, 3. Aufl. Band 3. Tübingen 1913, Mohr (VII,
135 S. u. III, 198 S. gr. 8). Je 2. 50.
Hesselbacher ist einer der Führer auf dem Gebiete der
Dorfpredigt der Gegenwart, über die ich mich in meiner Studie
„Die moderne Dorfpredigt" (erscheint soeben in 2. Auflage,
Leipzig 1914) eingehend ausgesprochen habe. Die Vorzüge seiner
Predigtweise sind: ganz spezialisiertes Eingehen auf die äusseren
Einzelgemeindeverhältnisse, tiefdringende Berücksichtigung der
religiösen Eigenart bäuerlichen Denkens, heimatkundlich orientiere
Auswahl der Darstellungsmittel, der Gleichnisse, Anspielungen,
Erläuterungen, warme, das Gemüt anpackende Entfaltung der
religiösen Wahrheiten, lebensvolle, stets fesselnde Gedanken-
führnng. Ein Einführen in das Bibelverständnis in seinen Einzel-
heiten liegt Hesselbacher weniger; auch um den systematischen
Aufbau der „Disposition" seiner Predigt macht er sich nicht
allzuviel Sorgen. Doch vergisst und übersieht man das gern
gegenüber allen den Vorzügen, die dem Leser auf Schritt und
Tritt bei diesem Meister der modernen Predigtkuust begegnen.
Sein erster Band wird schon in dritter Auflage dargeboten, der
ersten AuBgabe gegenüber durch zwei Predigten (Schmale Ernte.
Wartende Leute) bereichert. Ausserdem legt der Verf. einen
dritten Band neu vor, der sich durchaus auf der Höhe und in
der Eigenart der bisherigen hält. Ich führe einige der zwölf
Themen an: Gottesruf und Menschenbitte (Röm. 8, 26—30).
Es ist nicht eo schlimm (Röm. 2,1 — 10). In Gottes Schule
(1 Thess. 4, 9—12). Daheim und draussen (Luk. 15, 11-32).
Seid gute tlaushaiter! (1 Petr. 4, 8—11). Es geht durchs
Streben nur! (Joh. 12, 20—28).

Alfred Uckeley-Königsberg.

Kurze Anzeigen.

Klostermann, D. Dr. E. (Prof. an der Universität Strasburg), Die
neuesten Angriffe auf die GeBcMchtlichkeit Jesu (Theologie und
Religionswissenschaft Nr. 68). Tübingen 1912, Mohr (52 8. 8). 1. 40.
Verf. gibt im ganzen lediglich eine Ueberaicht über die verschiedenen
Angriffe, wobei die im Vordergrund stehenden Männer wie Kalthoif,
Jensen und Drewa zu Worte kommen. Die Darstellung ist jedesmal
bei aller Kürze so, dasa die Hauptpunkte klar und richtig wiedergegeben
werden. Den eigenen Standpunkt berührt der Verf. nur vorübergehend,
ohne daaa man zu erkennen vermag, wie er sich die Lösung dea Pro-
blems denkt. Anmerkungen am 8chlusa geben wertvolle literarische
Winke. Eine letzte Anmerkung enthält eine eigenartige Polemik gegei:.
loading ...