Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Inhaltlich hat die neue Auflage gegenüber der ersten eine
schärfere Disposition herausgearbeitet. So unbestimmte Ueber-
schriften wie „Das Dunkel des menschlichen Geisteslebens"
(1. Aufl, S. 81) und „Die Religion bei sich selbst" (1. Aufl.,
S. 200) sind verschwunden. Ausführlicher wurde die Gestaltung
des religiösen Lebens bei der Entfaltung einer Religion charak-
teristischer Art dargetau, die Einwirkung der Religion auf die
gemeinsame Gedankenwelt, das gemeinsame Handeln, den ge-
meinsamen Kultus als unentbehrlich nachgewiesen. Hier be-
gegnet der verständnisvolle Satz: „Die Sache der Religion darf
keineswegs der Zerstreuung der blossen Individuen anvertraut
werden, vielmehr bedürfen wir in den Wirren und Stürmen
der Gegenwart zur Aufrechterhaltung des Geisteslebens einer
religiösen Gemeinschaft bo dringend wie nur je zuvor" (S. 329).

Das Register dürfte teils reichhaltiger, teils korrekter sein.
So fehlt „Demokrit" 226, „Sokrates" 209, „Pindar" 263. üeber
Persönlichkeit Gotte3 ist die wichtige Stelle S. 341 nicht an-
gegeben. [Sie widerspricht übrigens dem S. 148 dazu Ge-
sagten.] Bei Religion hätten die Stellen, in denen die Aus-
einandersetzung mit dem Naturalismus vollzogen wird, notiert
sein müssen: S. 169 und 349 [übrigens Dubletten]. Bei Plotin
ist irrtümlich S. 178 statt 180 angezogen.

Von entstellenden Druckfehlern erwähne ich S. XII: „Wand-
lung" statt „Wendung", S. 284 „beachten" statt „brachten".

Heinzelmann-Göttingen.

Lipps, G. F., Das Problem der Willensfreiheit. (Natur
und Geisteswelt. Bd. 383.) Leipzig-Berlin 1912, Teubner
(IV, 104 S. kl. 8). 1 Mk.
Das leicht fasslich und sehr instruktiv geschriebene Büchlein
bietet im wesentlichen eine geschichtliche Darstellung der wich-
tigsten Lösungsversuche des Freiheitsproblems von Plato bis
zur Gegenwart. Die verschiedenen geschichtlichen Antworten
auf das Problem werden unter allgemeinen Kategorien ge-
ordnet, wie z. B. unter die Kategorie der „Vernunft" oder des
„Willens", ferner des „Triebes" u. a. Ein Schlusskapitel be-
handelt das Problem unter dem juridischen Gesichtspunkt der
Zurechnung und Strafe. Die ethische Seite des Problems wird
selbständig nicht behandelt, dagegen werden die religiösen
Lösungsversuche, besonders bei Augustin und bei Luther, heran-
gezogen, so zwar, dass der das Ganze beherrschende rein
intellektualistische Standpunkt bewahrt bleibt. Es macht den
Eindruck, als wenn der Verf. meinte, dass für den religiösen
Determinismus resp. Indeterminismus die intellektuelle Lösung
des vorliegenden Problems das Entscheidende gewesen wäre
oder noch sei. Der ausschliesslich intellektualistische Standpunkt
macht Bich denn auch in der eigenartigen Lösung geltend, die
der Verf. vorträgt. „Dies iBt — sagt er —- der entscheidende
Punkt. Als denkende Menschen sind wir von der durch-
greifenden Gesetzlichkeit des menschlichen Handelns überzeugt."
Nun aber gilt es naoh ihm doch zwei verschiedene Gesetz-
mässigkeiten zu unterscheiden, die, welche im physischen Dasein
gebietet, und die, welche im Lebendigen sich ausdrückt. Das
Lebendige und das Unlebendige ist nicht dasselbe. Es ist aber
doch dem Verf. meines Erachtens keineswegs gelungen, einen
unterscheidenden Begriff des Lebendigen aufzustellen; denn es
kommt doch schliesslich darauf hinaus, dass wir beim Lebendigen
die Gesetzmässigkeit nicht vollständig übersehen (S. 88). Nun
übersehen wir auch bei Naturvorgängen, z. B. in der Meteoro-
logie, nicht alle Kausalzusammenhänge, indes soll es doch noch

etwas anderes sein mit den Tatsachen des Labens. Hier soll
objektiv in den Faktoren selbst der Grund liegen, dass wir
niemals äe Zusammenhänge übersehen können. Der Grund
wird darin gesucht, dass in jedem Moment eines lebendigen
Zusammenhangs die ganze „Vergangenheit" wirksam bleibt.
Wir kommen aber nicht zu den „Anfängen des Lebens". Ich
glaube nun nicht, dass dieser Grund für einen Physiker über-
zeugend ist, denn auch seine Objekte befinden sich in einem
kontinuierlichen Prozess der „Entwickeluug". Es käme also
doch darauf «hinaus, dass wir subjektiv nicht alle Zusammen-
hänge des Lebendigen übersehen. Aber wir müssten sie doch
wohl übersehen können, denn als „denkende Menschen" müssen
wir ja einen einheitlichen Zusammenhang setzen.

Es fehlt also an einer befriedigenden Bestimmung des
Lebendigen. Und weiter fehlt es an jeglichem Ansatz, vom
Lebendigen das Persönliche zu unterscheiden. Oder ist das
geistig Persönliche, das Leben des „Bewusstseins" auch nur
eine Stufe im Reich des Organischen? Darauf aber kommt es
doch wohl bei der Untersuchung über die Willensfreiheit vor
allen Dingen an! Der Verf. nennt alle Versuche, das geistig
Persönliche als ein in sich geschlossenes Ganze zu betrachten,
„naive". Dann ist die ganze Geschichte der Metaphysik eine
grosse Naivität; tatsächlich kommt es auf dies Urteil hinaus.
Denn am Schluss eines Absatzes, der mit diesem Urteil beginnt,
stehen die grössten Philosophen: Kant, Fichte, Schölling u. a.
Dennoch ist der Verf. der Ansicht, dass seine Unterscheidung
von „naivem und kritischem" Denken das ganze Problem leicht
und restlos löst. Das Bnoh iBt ein erneuerter Beweis, wie wenig
eine rein intellektualistisch verfahrende Philosophie imstande
ist, Probleme zu lösen, die gar nicht ans dem rein intellek-
tuellen Bedürfnis entstanden sind, sondern aus den Tatsachen
des sittlich religiösen Lebens. Dunkmann-Greifswald.

Schölling, F. W. J. v., Briefe über Dogmatismus und
Kritizismus. Herausgegeben und eingeleitet von Otto
Braun. (Hauptwerke der Philosophie in originalgetreuen
Neudrucken, Band III.) Leipzig 1914, Meiner (XX, 93 S,
gr. 8). 2.50.

In der neuen Leipziger Sammlung, die eine Reihe be-
deutender älterer Werke der Philosophie gewissermassen im
Faksimile neu veröffentlichen will, erscheint soeben eine kleine
Jugendschrift Schellings, die in der Tat vor anderen Werken
dieses ebenso oft unter- wie überschätzten Denkers Beachtung
verdient. Aus dem Jahre 1795 stammend, als das deutsche
Geistesleben unter dem frischen und machtvollen Eindruck
Kants stand, als aber bereits die Kritik an Kant eingesetzt
hatte und Fichte mit seiner „Wissenschaftslehre" hervorgetreten
war, da überdies Spinoza einen sehr tiefgehenden Einfluss aus-
zuüben begann: bietet die Schrift, in die lebendige Briefform
gekleidet, ein höchst charakteristisches Zeitbild dar. Spinozas
„Dogmatismus" und Fiohtes „Kritiiismus" gilt es zu vermitteln;
und es ist überaus anziehend, zu sehen, wie Fichte aus ethischen
Gründen den Vorzug erhält. Den Theologen wird besonders
Schellings Stellung zum Gottesbegriff interessieren, dessen philo-
sophische Behandlung durch Kant eine völlige Umwälzung er-
fahren hatte. Otto Braun, durch eine Reihe von Schelling-
arbeiten gut bekannt, hat eine trefflich orientierende Einleitung
dazu geschrieben; und ich darf wohl meiner besonderen Genug-
tuung darüber Ausdruck geben, dass hier von kompetenter
Seite meine eigene, 1911 publizierte Auffassung des jungen
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