Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Das zweite Kapitel schildert das totemistische Zeit-
alter (S. 116—278). Der Totemismus lässt sich an vielen
Stellen studieren: bei den Australiern, an der maiayo-polyne-
sischen Kultur, an der amerikanisch-indianischen Kultur, der
bekanntlich das Wort Totem entnommen ist, an einigen afri-
kanischen Völkern und schliesslich an Resten des Totemismus
in der asiatischen Welt. Hier sind die Verhältnisse schon weit
komplizierter. In interessanten Einzelbildern werden folgende
Themata behandelt: die totemistische Stammesgliederung, die
Entstehung der Exogamie, die Formen der Eheschliessung, die
Ursachen der totemistischen Exogamie, die Formen der Poly-
gamie, die Entwickelungsformen des Totemglaubens, der Ur-
sprung der Totem Vorstellungen, die Tabugeeetze, der Seelen-
glaube, der Ursprung des Fetisch, Tierahne und menschlicher
Ahne, die totemistischen Kulte und die Kunst dieses Zeitalters.

Das dritte Kapitel schildert das Zeitalter der Helden und
Götter (S. 279—464). Dies erst ist das Zeitalter der Ent-
stehung der Religionen im eigentlichen Sinne des Wortes. Die
Götter entstehen durch eine Verschmelzung des Dämonen-
glaubens mit dem menschlichen Heldenideal. In diesem Zeit-
alter werden ansser den religiösen auch die staatlichen und die
übrigen kulturellen Formen geschaffen, die bis heute noch die
Schule der Kulturmenschheit sind und in ihr nachwirken. Die
Verhältnisse sind nochmals komplizierter geworden. Die Stämme
wachsen sich zu Staaten und Völkern aus. Im einzelnen werden
hier folgende Themata behandelt: die äussere Kultur des Helden-
zeitalters, die Entwickelung der politischen Gesellschaft, die
Familie innerhalb der politischen Gesellschaft, die Stände-
scheidung, die Berufsscheidung, der Ursprung der Städte, die
Anfänge der Rechtsordnung, die Entwickelung des Strafrechts,
die Sonderung der Rechtsgebieta, die Entstehung der Götter,
die Heldensage, die kosmogonischen und theogonischen Mythen,
der Seelenglaube und die jenseitige Welt, der Ursprung der
Götterkulte, die Form der Kulthandlungen und die Kunst dieses
Zeitalters.

Das vierte Kapitel schildert den Höhepunkt der Menschheits-
geschichte, jene Epoche, in der wir selber noch mitten drin
stehen: die Entwickelung zur Humanität (S. 465—516).
„Wir befinden uns auf dem Wege zur Humanität, wir sind
aber vorläufig noch weit davon entfernt, das Ziel wirklich er-
reicht zu haben, und es kann bezweifelt werden, ob es in An-
betracht der menschlichen Unvollkommenheit jemals erreichbar
äst, es sei denn, dass man diese Unvollkommenheit selbst mit
zur Humanität rechnet" (S. 465). In dieser Epoche entstehen
die Weltreiche, die Weltkultur, die Weltreligionen (es gibt ihrer
nach Wundt nur zwei: Christentum und Buddhismus) und die
Idee der Weltgeschichte, die „das geschichtliche Bewusstsein der
Menschheit selbst" ist (S. 473). Aus der näheren Schilderung
dieser Begriffe, denen je ein selbständiger Abschnitt gewidmet
wird, greifen wir nur noch einige Gedanken über den Begriff
der Weitreligion heraus. Das wichtigste Merkmal der Welt-
religion ist „die Erhebung des persönlichen Gottes zur über-
persönlichen Gottheit" (S. 499). Dementsprechend entwickelt
sich der Begriff des Gottmenschen in dieser Epoche in drei
Stufen. „Auf der ersten sieht hinter dem in der Person des
Gottmensehen geschauten Gott der Mensch zurück; auf der
zweiten steht die menschliche Seite im Vordergrunde, und der
Gottmeusch wird zum idealen Menschen. Auf der dritten
wandelt sich endlich der Gottmensch ganz in den Mensehen
um. Hier ist es dann schliesslich sogar gleichgültig, ob Jesus
oder Buddha jemals gelebt haben oder nicht. Die Frage wird

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zu einer solchen der geschichtlichen Möglichkeit, nieht der
religiösen Notwendigkeit" (S. 501).

Eine Kritik dieser Anschauungen würde zunächst die
tausenderlei historischen und ethnologischen Einzelheiten zu
prüfen haben, die hier zu einem Gesamtbilde verarbeitet sind.
So bewundernswert vielseitig Wundts Wissen und Können auch
ist, so unbezweifelbar ist doch, dass der Spezialforscher bei
jedem einzelnen der hier zusammengearbeiteten Gebiete sehr
viele Fragezeichen zu machen hätte. Ferner wären die psycho-
logischen und philosophischen Voraussetzungen des Buches zu
untersuchen, unter denen mir besonders Wundts Lehre vom
Affekt Schwierigkeiten bereitet. So berechtigt es auch ist,
gegenüber einem einseitigen Intellektualismus die affektive Seite
zu betonen, so bedenklich scheint es mir doch, das verwickelte
Problem der Produktivität derart einseitig durch Rückführung
auf das affektive Moment zu lösen. Endlich wäre die Gesamt-
anschauung der Entwickelung kritisch zn prüfen, ob die Tat-
sachen wirklich notwendig sich gerade zu diesem Bilde der
Entwickelung zusammenfügen. Hierbei würde sich, soviel ich
sehen kann, sicher herausstellen, dass das Gesamtbild eine
individuelle künstlerische Konzeption ist, der andere nicht ohne
weiteres folgen können, weil sie nur zum Teil auf definitiv
festgestellten wissenschaftlichen Gesetzen beruht. Doch sollen
diese Bedenken die volle Anerkennung der synthetischen
Leistung dieses Buches nicht schmälern. Ein gewaltiger
Stoff wird hier so übersichtlich, lichtvoll, gemeinverständlich und
doch nicht oberflächlich dargestellt, wie es eben nur die Feder
eines der allerersten Forscher auf diesem Gebiete vermag.

Karl Girgensohn-Dorpat.

Eueken, R., Der Wahrheitsgehalt der Religion. 3., um-
gearb. Auflage. Leipzig 1912, Veit & Comp. (XXVII,
422 S. gr. 8).

Von einer Inhaltsangabe dieses in dritter Auflage vor-
liegenden bedeutsamen Enckensehen Werkes darf die Be-
sprechung ebenso absehen wie von einer ausdrücklichen Kritik.
Ist doch Enckens Gedankenwelt unter uns schon Gegenstand
besonderer Darstellungen und kritischer Auseinandersetzungen
geworden. So darf sich der Rez. darauf beschränken, das Be-
sondere der neuen Auflage gegenüber den früheren zu unter-
streichen. Die elf Jahre, welche seit dem Erseheinen der ersten
Auflage des „Wahrheitsgehaltes der Religion" vergangen sind —
die erste Auflage kam 1901, die zweite Auflage 1905 heraus —,
sind sicher dem Buche von Vorteil gewesen. Liest man seine
Urgostalt neben dieser dritten Bearbeitung, so erfreut vor
allem die einfachere, lichtvollere Darstellung und die schärfere
Herausmeiaselung des leitenden Gedankenznges. Das, was die
Lektüre der Euckenschen Werke zum Teil so erschwert, die
Fülle von Hindeutnngen, ein Reichtum allgemeiner Wendungen
und eine Last unnötiger Wiederholungen, das ist hier offenbar
dank immer neuer Durcharbeitung — die Form ist meist
völlig verändert — weithin ausgemerzt worden. Daäs es nicht
ganz überwunden ist, wird niemand wundernehmen. Aber es
will schon etwas besagen, dass bei erheblicher Erweiterung der
Endabschaitte des vierten Kapitels der Gesamtumfang des
Buches um zwei Bogen verkürzt wurde. Es Hesse sich freiheh
um noch mehr kürzen, ohne etwas zu verlieren. Man liest
anch jetzt ganze Gedankenzusammenhänge zwei-, ja dreimal,
ohne dabei das Gefühl zn haben, dass man zn einem höheren
Punkt gelangt ist.
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