Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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ganz missverständlich formulierter Satz, die Prädestination, die
hier als Fatalismus erscheinen muss, ausserdem gar nicht
protestantisches Gemeingut ist. Kurzum, was hier gebildeten
Laien vorgeführt wird, ist nicht der Protestantismus, wie er
wirklich ist. Sie erfahren nicht, dass die besten Völker des
Abendlandes ihn zuerst ergriffen haben und durch ihn in
Religion, Politik, Wissenschaft und Kultur stark und gross ge-
worden sind und die Ueberlegenheit gewonnen haben, welche
die Nationen orthodoxen Bekenntnisses nicht besitzen. Sie er-
fahren nichts von den mannigfaltigen religiösen und kirchliehen
Kräften im Protestantismus, welche nicht nur in der Fürsorge
für das leibliche und geistliche Wohl der Glaubensgenossen
durch ihr ganzes Leben hindurch Bich betätigen, sondern auch
tief und erfolgreich in der Heidenwelt sich auswirken. Davon
besitzt die orthodoxe Kirche so gut wie nichts. Bei der letzten
Neubearbeitung der Plittschen Symbolik habe ich die auf die
griechische Kirche bezüglichen Korrekturbogen dem mir be-
freundeten Verf. und einem gelehrten thrakischen Bischof vor-
gelegt, um mich in allen Einzelheiten auch zu vergewissern,
dass ich das Richtige getroffen habe. So geht auch mein
Wunsch dahin, dass die Griechen sich bemühen möchten,
unsere evangelische Kirche nach Glaube und Leben so kennen
zu lernen, wie sie tatsächlich ist. Das ist der einzige Weg, das
gute Verhältnis, welches zwischen beiden Kirchen besteht, zu
vertiefen und zu festigen. Dankbar aber wollen wir trotzdem
sein für die Forderungen, welche Diomedes Kyriakos hinsicht-
lich des Verhaltens der drei Konfessionen zueinander aufstellt:
gegenseitige Anerkennung der Taufe und der Ehesohliessung,
Vollziehung des Begräbnisses eines verstorbenen Christen durch
den Ortsgeistlichen mangels eines Geistlichen der eigenen Kon-
fession, Einstellung der „skandalösen, systematischen Proselyten-
maeherei".

Sehe ich von den Einwendungen ab, die ich eben erheben
musste, so kann ich zum Schluss nur wiederholen, was ich
eingangs gesagt habe: diese „Worte eines Gläubigen" verdienen
unter uns die ernsteste Beachtung als eine ausgezeichnete Ein-
führung in die religiöse Gedankenwelt und das kirchliche Be-
wusstsein eines jetzt in mächtigem politischen Aufstieg be-
griffenen Volkes, allerdings nicht der Masse in ihm, sondern
seiner geistigen und religiösen Führer, zu denen der Verf.
zähl:. Victor Schultze-Greifswald.

Wundt, Wilhelm, Elemente der Völkerpsychologie.
Grundlinien einer psychologischen Entwickelungsgeschichte
der Menschheit. Leipzig 1912, Kröner (XII, 523 S. gr. 8).
12 Mk. (Zweiler, unveränderter Abdruck 1913.)
Gestützt auf Beine vielbändige Untersuchung der ein-
zelnen Gebiete der Völkerpsychologie macht Wundt hier den
Versuch, die psychologische Entwickelung der Menschheit in
ihrem Zusammenhange übersichtlich darzustellen. Die Probleme
der Völkerpsychologie sollen hier „nicht in dem Nacheinander
ihrer Hauptgebiete" behandelt werden, sondern die Erscheinungen
sollen, „soweit möglich, in ihrem Nebeneinander, ihren gemein-
samen Bedingungen und wechselseitigen Beziehungen" zur Dar-
stellung kommen (Vorwort).

Diese Aufgabe löst der Verf. in vier Kapiteln, die zugleich
den vier Entwickelungsstufen des menschlichen Geisteslebens
entsprechen. Das erste Kapitel schildert den primitiven
Menschen (S. 12—115). Seine äussere Kultur, seine Familien-
verhältnisse, die primitive Gesellschaft, die Anfänge der Sprache,

das Denken des primitiven Menschen, die Urformen des Zauber-
und Dämonenglaubens, die Anfänge der Kunst und die intellek-
tuellen und moralischen Eigenschaften des Primitiven werden
hier besprochen. Wir können aus der Fülle der einzelnen
Bilder, die in jedem Kapitel an uns vorüberziehen, immer
nur eine kleine Auswahl im Referat festhalten. Zunächst
die Begriffsbestimmung des Primitiven: „Absolut primitiv
würde eine Kultur sein, die schlechterdings gar keine voran-
gegangene geistige Entwickelung voraussetzen lässt. Da ein
solcher absoluter Begriff hier wie überall in der Erfahrung
nirgends verwirklicht sein kann, so werden wir demnach
primitiv in dem allein möglichen relativen Sinne den Menschen
nennen, dessen Kultur dem Mindestmass geistiger Leistungen
nahekommt, das wir uns auf Grund der allgemeinen mensch-
lichen Eigenschaften überhaupt denken können" (S. 21 f.). In
diesem Sinne sind nicht etwa die Eingeborenen Australiens die
primitivsten Menschen, wie lange Zeit angenommen wurde.
Neuere Untersuchungen, unter denen Wundt — ein Zug, der
sich auch an anderer Stelle wiederholt — der wissenschaft-
lichen Mitarbeit dar Missionare an den Problemen der Völker-
kunde aneikennend gedenkt, haben den komplizierten Aufbau
ihres Gemeinschaftslebens deutlich gemacht. Die Pygmäen am
Kongo, die Nogritos der Philippinen, die Semang und Senoi
auf Malakka, die Weddas auf Ceylon und in gewissem Sinne
die Buschmänner sind die relativ primitivsten Völker der Erde.
Wählt man diese Völker zum Paradigma des primitiven
Menschen, so ergibt sich ein recht anderes Bild als an dem
Paradigma der Australier. Als besonders beachtenswert hebe
ich hervor, dass Wundt mit aller Energie die lebenslängliche
Monogamie als die Urform des Familienlebens vertritt. Er be-
g.ündet das vorbereitend durch eine scharfsinnige Kritik der
entgegengesetzten Theorien. Er weist nach, dass die Polygamie
stets auf eine hinter ihr liegende längere Eatwickelung hin-
weist, also nicht in das Zeitalter des primitiven Menschen,
sondern in das nächstfolgende gehört. Ausserdem kann sie
nicht ungezwungen als Uebergang von allgemeiner Promiskuität
zur Monogamie gedeutet werden; sie trägt vielmehr Spuren
ihrer Entstehung aus einer ursprünglichen Monogamie an sich.
Diese theoretische Analyse wird entscheidend durch die Tat-
sache bestätigt, dass die wirklich primitiven Völker alle in
strenger lebenslänglicher Monogamie leben. Weniger befriedigend
erscheinen mir Wundts Anschauungen über die ursprünglichste
Form der Religion. Wundt bestreitet die beiden Auffassungen,
dass ein ursprünglicher Monotheismus oder die Naturmythologie
den Anfang der Religion bilde. Bei den wirklich primitiven
Völkern „gibt es nach allen Zeugnissen, die wir besitzen,
weder einen Glauben an einen, noch einen solchen an viele
Götter. Auch gibt es noch weit über die primitivste Stufe
hinaus keine zusammenhängende Himmelsmythologie, die sich
etwa als ein beginnender Polytheismus deuten liesse" (S. 80).
Diese These scheint mir noch der Nachprüfung bedürftig, da
das blosse Fehlen einer Vorstellung in den Berichten der
Ethnologen sich oft aus der einstweilen noch mangelhaften
Kenntnis der verborgensten und am schwersten zugänglichen
Gedanken der „primitiven" Völker erklärt. Versteht man unter
Religion den Glauben an Gott oder Götter, so hat der Urmensch
nach Wundt überhaupt noch keine Religion. Seine „Religion",
wenn man ßie so nennen will, besteht aus dem Zauber- und
Dämonenglauben. Dieser ist nach Wundt nicht aus dem
Kausalbedürfnis, sondern aus dem Affekte der Furcht an-
lässlich der Tatsachen des Todes und der Krankheit abzuleiten.
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