Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Geistliehe, Kirchenvorstände und Architekten. (Die Bücher

der Kirche, herausgeg. von Dr. Th. Scheffer, 4.—6. Bd.)

Wittenberg 1914, A. Ziemsen (VIII, 317 S. gr. 8 mit

221 Abb.). Geb. 9 Mk.
Dieses Buch ist ganz ans der Praxis für die Praxis ge-
schrieben. Ein erster Teil ist dem Kirchengebäude in allen
seinen einzelnen Bauteilen gewidmet, ein zweiter den Aus-
stattungsgegenständen. Der dritte Teil behandelt die Denkmal-
pflege, der vierte Kirchplätze und Friedhöfe. Willkommen wird
auch der Anhang sein: Praktischer Ratgeber für den Geschäfts-
gang vor und bei dem Kirchenbau, der u. a. Entwürfe zu
Verträgen mit Architekten usw. enthält. Jedem Einzelabschnitt
folgt geschlossen für sich jeweils das schöne Abbildungsmaterial,
welches in besonderem Masse Lob verdient. Es vermittelt uns
in überraschender Reichhaltigkeit die Leistungen des 20. Jahr-
hunderts auf dem Gebiet des Kirchenbaues. Gerade bei dieser
Trennung von Satz und Bildmaterial hätte übrigens wohl für
ersteren ein anderes als das für das lesende Auge wenig zu-
trägliche und vermeidbare Hochglanzpapier gewählt werden
können.

Daß Buch ist knapp, pointiert und stets interessant und
anregend geschrieben. Mit klarem Auge erkennt Verf. die
Probleme und sucht sie zu beantworten. Eine Probe sei
herausgegriffen: das vielverhandelte Problem der Orgelstellung
(S. 54—58). Wie auch z. B. Biehle befürwortet Wanckel die
seitlich angeordnete Orgel, ohne eine andere Stellung, sei es
im Blickfeld oder im Rücken der Gemeinde ausschliessen zu
wollen. In beachtenswerter Weise hat sich erst jüngst wieder
Smend in einer Auseinandersetzung mit Gennrich (vgl. Nr. 10,
Sp.229) gegen eintönige Regelmässigkeit ausgesprochen. Wanckel
betont: Von welcher Seite das Ohr den Klang aufnimmt, ist
belanglos. Aber bei der üblichen Orgelstellung müssen im
Kirchenkonzert die Zuhörer sich rückwärts wenden? Wanckel
bezweifelt das „müssen": Musikalische Menschen wollen hören,
nicht sehen. Umgekehrt gegen die Orgel auf dem Altarplatz
ist eingewandt: die Unruhe der Kinder stört die Gemeinde.
Wanckel bemerkt: Der Herr Kantor halte seine kleinen Sänger
(ich füge hinzu: vor allem auch sich selbst!) gehörig in Zucht.
Das sind gesunde Gedanken.

Bei einem Buche, das eine solche Fülle von Problemen
berührt, wird man naturgemäss auch mehrfach abweichender
Meinung sein. So vermag ich z. B. die Begeisterung des Verf.s
für Altarschranken (= Seitenbrüstungen), so wenig ich deren
ästhetischen Wert verkennen will, vom praktischen Gesichts-
pnnkt aus nicht zu teilen. Nach meiner Erfahrung kann die
AbendmahlauBteilung für den Geistlichen, wenn die Kommuni-
kanten knien, durch Schranken sehr erheblich behindert werden.
Die Ausnutzung des Altarkörpers als diebessicherer Tresor
(S. 231) mutet etwas allzu praktisch an. Den schwebenden
und beweglichen Taufengel (S. 219) wird man wohl besser als
ein Kuriosum der Vergangenheit betrachten und ihn nicht zu
neuem Leben erwecken. Für Zifferblätter sind lateinische
Zahlen in der Tat kaum geeignet, Aber weder das stumme
Zifferblatt ohne Zahlen, noch weniger deren Ersatz durch
Buchstaben (Lesbarkeit?) erscheint mir sonderlich empfehlens-
wert. Warum nicht klare arabische Ziffern? Die S. 232 ff.
dargestellten Paramente (Pfaff) bedeuten nicht nur technisch
gewiss einen Fortschritt. Doch möchte ich das JHS, Nägel,
Lanzenspitze usw. als katholisierend beanstanden. Schon vor
sieben Jahren habe ich gelegentlich hingewiesen, welch reicher
Schatz von Motiven gerade für die Paramentik aus der alt-

christlichen Kunst (Symbole wie der gute Hirte) noch immer
zu heben ist. Einiges ist auch hier vorhanden. Dass die
Papstkirche vor der Reformation keine Kanzeln, gekannt habe
(S. 62), ist doch in so allgemeiner Form nicht aufrecht zu
halten. Die Aufgabe der evangelischen Predigt ist (S. 60) zu
eng gefasst (einseitig moralisch) und dementsprechend ein zu
scharfer Unterschied zwischen dieser und den Handlungen im
Altarraum herausgearbeitet. — Mit d und t lebt Verf. auf ein
wenig gespanntem Fuss. So lies S. 96, Z. 14 v. u. Eigen-
brödelei nicht Eigenbrötelei; S. 228, Z. 7 v.u. Unteroffiziers-
tressen nicht -dressen; S. 268, Z. 18 Zierate nicht Zierade.
Mehrfach ist die Korrektur etwas flüchtig, vor allem bei
Bogen 10. Indessen das sind kleine Schönheitsfehler harm-
loser Natur.

Man möchte dieses Buch in die Hand jedes Pfarrers
wünschen, insonderheit derer, die mit Kirchbauten zu tun
haben und damit gerade in der gegenwärtigen Zeit in nicht
ganz einfacher Lage sind. Die Sempersche Forderung: An-
passung an Zweck, Baustoff und Klima zieht sich als Leit-
motiv durch das ganze Buch. Eine Welt voa Schönheit tritt
uns in ihm entgegen — Schönheit in neuzeitlicher Formen-
sprache, und indem dieBe Formen „unmittelbar zu unserem

Gefühl sprechen....., erkennen wir, dass unsere jetzigen

Baukünstler wieder auf dem rechten Wege sind" (S. 102). So
ist das Buch, was es sein will, Wegweiser in des Wortes bester
Bedeutung. Ex praeterito Bpes in futurum!

Dr. Erich Beck er-Naumburg am Queis.

Kyriakos, A. Diomedes (Prof. an der theol. Fakultät in
Athen), Ag'toi uioxoö. 3., vermehrte und verbesserte Aufl.
Athen 1913 (XV, 351 S.). 1. 60.
In diesen „Worten eiceB Gläubigen" redet ein. hochgebildeter,
angesehener griechischer Theologe zu Beinen Volks- und Glaubens-
genossen in der Absicht, ihnen die Wahrheit, den Reichtum und
die Schönheit der orthodoxen Kirche vor Augen zu führen und
sie in der Treue gegen dieselbe zu festigen. Positive Darlegung
und Apologie gehen ineinander. Man kann das Buch eine für
gebildete Laien bestimmte Glaubens- und Sittenlehre der
griechischen Kirche nennen. Der Verf., der ehrwürdige Senior
der theologischen Fakultät in Athen, ist Kirchenhistoriker und
als solcher bekannt durch eine mehrbändige Kirchengeschichte,
von der ein Ausschnitt auch in das Deutsche übertragen worden
ist. Doch nein starkes religiöses und kirchliches Interesse hielt
ihn stets auch in engem Zusammenhange mit der Gegenwarts-
geschichte und den Lebensfragen seiner Kirche. Beweis dafür
ist u. a. ein von ihm im Auftrage der bischöflichen Synode
verfasster vortrefflicher Katechismus. Ich kenne kein Werk,
das so kurz, klar und anregend in die religiöse Anschauuugs-
welt und das kirchliche Bewusstsein eineB geistig hochstehenden
griechischen orthodoxen Theologen einführte als dieseB. Daher
beansprucht es unsere besondere Beachtung.

Eigentümlich ist der Aufbau. Ein zwölfteiliges Gebet, in
welchem die feierlichen Worte und die erhabenen Töne der
Psalmen und der alten Kirchengebete zusammenklingen, be-
stimmt die Gliederung. GotteBlehre, Christologi3, Kirche stehen
darin als die mächtigen Pfeiler, um die sich das Weitere —
Dogmatisches und Ethisches — ordnet. Alles trägt echt griechische
Eigenart. So schon die Gewandung, die Sprache. Der Wechsel
der Stimmung und die augenblickliche Aufgabe beherrschen
sie unmittelbar. Aus vornehmer Ruhe und gelehrter Beweis-
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