Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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weiss er uns aber in neuen, reizvollen, anregenden Ausführungen
vorzulegen, die doch der durchsichtigen Verständlichkeit an keiner
Stelle entbehren. Das Buch scheint mir ganz ausgezeichnet ge-
eignet zu sein, Gebildete zum Nachdenken über „das alte
Evangelium" anzuregen und ihnen zu zeigen, dass das Resultat
sehr erhebend und religiös positiv fördernd sein kann, das dann
eintritt, wenn man mit den Denkmitteln des modernen Menschen
sich an die Bearbeitung des biblischen Christentums macht.

Alfred Uckeley-Königsberg.

Schairer, Dr. phil. J. (Tübingen), Das religiöse Volksleben
am Ausgange des Mittelalters. Nach Augsburger
Quellen. (Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters
und der Renaissance. Herausgegeben vonW.Goetz. Heft 13.)
Leipzig-Berlin 1914, B. G. Teubner (VII, 136 S. gr. 8).
4 Mk.

Im ersten Hauptteil wird die „formale Verselbständigung
des religiösen Volkslebens" nach der negativen wie nach der
positiven Seite vorgeführt, im zweiten die materiale Gestaltung
desselben in Theorie und Praxis. Mir scheint das keine glück-
liche Disposition zu Bein. Denn Hauptteil I schildert nur das
Erwachen selbständiger Frömmigkeit, Hauptteil II bringt Rück-
wärts- und Vorwärtsweisendes neben- uad durcheinander. Ausser-
dem lässt sich „Formales" und „Materiales" gar nicht so von-
einander trennen, dass Wiederholungen vermieden würden.
Geschickter wäre es wohl gewesen, wenn zunächst ein Bild
der rein mittelalterlich-katholischen Frömmigkeit am Ausgange
des Mittelalters in Augsburg gezeiohnet worden wäre und darauf
die vorwärtsweisenden Züge (erst innerhalb, dann ausserhalb der
kirchlich gebilligten Frömmigkeit) zusammengestellt worden wären.
— Zu ausführlich ist meines Eraohtens der politisch-volkswirt-
schaftliche Hintergrund der in Frage stehenden Frömmigkeit
behandelt worden, zu kurz dagegen ihre innersten und tiefsten,
religiösen Motive, die da herauswachsen aus der von der
Kirche gepflegten Heilsunsicherheit des Einzelnen und seiner
damit zusammenhängenden Angst und Not, die, irregeleitet,
immer mehr zu Werkdienst und religiösem Materialismus hintreibt.
Erst auf dieser Grundlage erhalten die Einzelzüge ihren
innern Zusammenhang, sowohl die der Reformation entgegen-
arbeitenden wie die ihr entgegenkommenden.

Die Beschränkung auf Augsburger Verhältnisse ist ein Vor-
zug des Buches: je enger ein Frömmigkeitsstil örtlich und zeit-
lich gefasst wird, desto konkreter tritt er vor Augen. Doch
verliert der Verf. dabei nicht den Blick auf das grosse Ganze
der Zeit. Die Quellenbenutzung ist sorgfältig und umfassend
(doch vermisse ich unter der Besprechung der „letzten Dinge"
S. 90 f. die so verbreitete Darstellung vom Endchrist, der doch
z. B. in dem S. 89 erwähnten, gerade in Augsburg zweimal
gedruckten „Seelentrost" ein Kapitel [XL] füllt). Manch feine
Bemerkung begegnet dem Leser. Das Ganze ist jedenfalls ein
willkommener Beitrag zu der jetzt viel verhandelten Frage nach
der religiösen Kultur, die Luther vorfand. Ein Register freilich,
das die Brauchbarkeit des Buches wesentlich erhöht hätte, ist
leider nicht beigegeben.

Die S. 90 angeführte „hymelisch funtgrub" ist sicher die
weitverbreitete Coelifodina des Augustiners Joh. Paltz. — Zur
Lamenit (S. 39, 107) vergl. auch Malhesius, Luthers Leben
ed. G. Lösche 6, 359 f. 582 (daselbst auch noch weitere
Literatnrangaben). Hans Preuss-Leipzig.

Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des
Protestantismus in Oesterreich. In Verbindung mit
Dr. Th. Haase und Dr. G. Trautenberger begründet von
Dr. C. A. Witz-Oberlin, herausgegeben von Dr. G. Loesche.
34. Jahrgang. Wien u. Leipzig 1913, Jul. Klinkhardt
(339 S. gr. 8).

Eine wohlbesetzte Tafel bietet der neue Band des Jahr-
buches, dem leider Personen- und Ortsregister fehlt, der dafür
aber eine sehr umfangreiche Uebersicht von Loesche, Skalsky
und Völker über die einschlägige Literatur aus den Jahren
1911 und 1912 bringt. In die Reformationszeit führt die
Sammlung Beiträge zur Mathesiusbiographie von dem Ref.,
0. Clemen, P. Flemming und G. Loesche mit dem schönen
Brief an eine schwer angefochtene Frau. J. Soheuffler gibt
die Fortsetzung der in Wittenberg 1539—1572 (1550—1560)
ordinierten Geistlichen. Baigno wird Baina sein. K. Schorn-
baum weist aus Nürnberger Akten evangelische Regungen in
Bozen 1569 nach. Aus der Zeit der Gegenreformation zeichnet
Camilla Luoerna in Agram den Kärntner Exulanten Urban
Paumgartner als Dichter. H. Clause macht Mitteilung von
Liedersammlungen österreichischer Exulanten, nämlich Galla von
Rägknitz, Otto Galls von Stubenberg usw. Den Fortbestand
der evangelischen Gemeinde in Friedland bis 1651 weist
F. Bäuerle nach. G. Beisswänger gibt die Fortsetzung
seiner Comeniana, unter welchen besonders das Interesse für
eine Mission unter den Türken und die zu diesem Zweck von
Lor. de Geer begonnene türkische Bibelübersetzung (8. 92),
von der Eb. Nestle in der „Realenzyklopädie" Bd. 3 noch nichts
wusste, ganz neu ist. Von der starken Teilnahme für die Salz-
burger zeugen die in Augsburg geschaffenen Schraubentaler,
über welche H. Clausa dankenswerten Aufschluss gibt. Die
Anfänge der ersten evangelischen Gemeinde in Ostgalizien
Zaleszcyki Philippen 1759 beleuchtet genauer R. K. Kaindl.
Die evangelischen Pfarrer in Kärnten vom Toleranzpatent an
steht J. K. Bünker zusammen (S. 147 Nr. 8 1. Simmozheim).
Sehr merkwürdig ist, wie G. A. Skalsky zeigt, der Blick in
das liturgische Chaos, das mit dem Toleranzpatent entstand.
Ueberaus wohltuend berührt die Gestalt des Bischof Hay von
Königgrätz, der seiner Geistlichkeit das grösste Entgegen-
kommen gegen die Neuprotestanten anempfahl, das heutzutage
den Ultramontanen geradezu unbegreiflich, ja anstössig er-
scheint. Die sächsische Agende, die von Schlesien her über-
nommen werden sollte, ist die von Oels. Bezeichnend ist die
Geduld, mit welcher die Lutheraner das römische Ritual bei
der Taufe ihrer Kinder über sich ergehen Hessen, wo sie
keinen eigenen Pastor hatten, während die Reformierten sich
kräftig dagegen sträubten. Loesche macht verständlich, warum
die Evangelischen das napoleonische Regiment, unter das Kärnten
1809 kam, begrüssten, da Bie nun Gleichberechtigung mit den
Katholiken, Befreiung von den Stolgebühren an die katholischen
Priester bei Kasualhandlungen ihrer Pastoren, eigene Matrikel-
führung und den Titel Pfarrer erlangten. Oesterreich, das 1814
Kärnten wieder bekam, hatte nichts gelernt, es vernichtete, was
der Protestantismus unter Napoleon gewonnen hatte. S. 193,
Z. 26 1. evangelischen statt katholischen.

G. Bossert-Stuttgart.

Wanokel, Alfred (Geh. Baurat im Herz. Ministerium in Alten-
burg), Der deutsohe evangelische Kirchenbau zu
Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Handbuch für
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