Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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liehe Anschauung wiedergeben, der Tatsache entsprechend, dass j
Sixtus auch sonst die primatiale Idee fiberspannte (S. 113J. So
auch Meinertz, „Einleitung in das Neue Testament", 2. Aufl.,
S. 72, Anm. 2 („Diese Arbeit Sixtus' V. ist eine rein private
und hat mit der Infallibilität des Oberhauptes der Kirche in
Glaubens- und Sittenlehren nichts zu tun" usw.). — Bekannt-
lich sind die der nach Sixtus* Tode vorgenommenen Vertilgung
seiner Vg.-Ausgabe entgangenen Druckexemplare sehr selten.
Amann gibt S. 133 ff. eine genaue Beschreibung des dem alt-
testamentlichen Seminar in Freiburg gehörenden, im Jahre 1910
von Prof. Hoberg um den „verhältnismässig billigen Preis von
760 Mk." erworbenen Exemplars.

2. Höpfl, Verfasser der Untersuchung: Kardinal Wilh.
Sirlets (f 1585) Annotationen zum Neuen Testament, 1908,
konnte bereits Amanns Schrift benutzen. Andererseits greift
seine Arbeit viel weiter. Er beginnt mit dem Tridontinischen
Dekret über die Authentizität der Vulgata und verfolgt deren
Geschichte bis hin zur Verbreitung der Clemeutina. Höpfl be-
müht sich, was die dogmatische Bedeutung der Vg. für einen
Katholiken bedeutet, Vorurteilen entgegenzutreten, wie sie sieh
gerade bei Protestanten finden sollen, und man mag sich freuen,
dass eine sachgemäesere Würdigung der Vg., besonders im Ver-
hältnis zum Urtext, sich auf jener Seite mehr und mehr Bahn
bricht. „Die Kirche verbürgt die Konformilät zwischen Ueber-
setzung und Originaltext nur in solchen Dingen, welche zur
Glanbens- und Sittenlehre gehören, und selbst auch da nur eine
moralische und substantielle Konformität; Buchstabenkritik ist
nicht ihre Sache" (S. 26 f.). „Nur totale Unkenntnis oder Ueber-
treibung konnte dem Konzilsdekret einen falschen Sinn unter-
schieben, der den Spott der Andersgläubigen herausforderte"
(S. 29). Und, was das Vatikanische Dekret über die Vg. be-
trifft (Constit. de fide Cath. c. 2: „qui quidem veteris et novi
Testamenti libri integri cum omnibua suis partibus, prout in
eiusdem [sc. Tridentini] Concilii decreto recensentur, et in
veteri vulgata latina editione habentur, pro sacris et
canonicis snseipiendi sunt"), so macht sich Höpfl folgende
Reflexion des Geschichtsschreibers des Vaticanums, Grande-
rath, zu eigen: „Indem das Konzil von der Vg. spricht,
bezeichnet es keine dieser (vielen, untereinander einigermassen
verschiedenen) Auegaben im besonderen. Daher können un-
beschadet des Ausspruchs des Konzils in einer dieser Ausgaben
Sätze vorkommen, die nicht zur H. Schrift gehören, und es
bleibt eine freie Frage für wissenschaftliche Forschungen,
welche Ausgaben mit der ursprünglichen Vg. genau überein-
stimmen und das inspirierte Wort Gottes genau wiedergeben."
Der Verf. findet eine Aeusserung wie die der „Salzburger Kath.
Kirchenztg." 1899, es handle sich im Trident. und Vat. um
die in der Clementina emendiert vorliegende Vg. zum mindesten
sehr ungenau und missverständlich (S. 235 f.j. Renas irre,
wenn er sage (Gesch. der h. Schriften * iggg^ 256): „Die
Sixtinisch-Klementinische Bibel sei der katholischen Kritik ein
unantastbares Heiligtum". Allerdings, und nur aus solchen Er-
wägungen erklären sich ja die lebhaften Bemühungen der
katholischen Kirche, wie sie in der Gegenwart auf Herstellung
des ursprünglichen Vg.-Textes gerichtet sind.

Höpfls Schrift, hier und da gegen Amann sich wendend,
liest sich ausserordentlich nett und ruht überall auf gründlichen
Forschungen. In der Beurteilung der Frage, ob eine Promulgierung j
der Bulle Aeternus ille stattgefunden habe oder nicht, scheint
er mir freilich befangen zu sein. Wenn er (S. 196) bemerkt,
trotz des Publikationsvermerks sei das Faktam der formellen

j Promulgation der Bulle, durch welche sie Rechtsfähigkeit
| erlangen sollte, nicht über allen Zweifel erhaben, und fortfährt:
„Damit soll jedoch nicht geleugnet werden, dass irgend etwas
I stattgefunden hat, was als Promulgation der Bulle gelten konnte
| und vielleicht auch von manohen als Aequivalent der Promul-
| gation angesehen wurde" usw., so klingt das doch sehr ge-
schraubt und gewunden. Dasselbe gilt von dem, was Höpfl
über Bellarmins mindestens zweideutiges Verhalten sagt. Be-
treffs der Frage, ob Sixtus V. seine Bibel noch einmal einer
Revision unterziehen wollte, so meint Höpfl, dass dabei die
Promulgierung oder Niohtpromulgierung der Bulle nicht in
erster Linie in Betracht komme. Auch in dem Falle formeller
Promulgierung sei es wohl denkbar, dasj der Papst tatsächlich
den Plan einer Revision hegte nnd einmal eine diesbezügliche
Aeusserung tat, auf die man sich später stützen konnte. Es
brauche der Ausdruck: sub ineudem revocare nicht im Sinne
der Zurückziehung oder gar der Preisgabe zur Vernichtung
verstanden zu werden, sondern bedeute einfach: ein Werk neu-
gestalten, verbessern. „Diese Neugestaltung der Bibel konnte
eben durch eine verbesserte Ausgabe geschehen, ohne dass es
notwendig war, die erste Auflage zu vernichten" (S. 206). Aber
warum ging man denn unter Gregor XIV. und Clemens VIII.
weit über die Intention Sixtus' V. hinaus? — Verdienstvoll
sind die im Anhang A beigegebenen zwei Tabellen: 1. der
Sixtinischen (S. 240—277) und 2. der Clementinischen Revision
(S. 278—291), sowie die Korrekturen des P. Toletus zur Bibel
von 1593 (S. 292—296) und die Liste der von Lucas Brugensis
und Colvenerius gesammelten anscheinenden Errata in der
Bibel von 1593 mit den Bemerkungen des Baronius (S.297—301);
nicht minder die im Anhang B gebotenen „Dokumente in chrono-
logischer Reihenfolge" (S. 305—325) in italienischer und latei-
nischer Sprache. G. Wohlenberg-Erlangen.

Wagner, Hermann (Pfarrer in Berlin), Jesus und das
Lebensgesetz. Ein Blick in das Evangelium. Mit Be-
gleitwort von Gen.-Sup. D. Faber. Berlin 1913, Trowitzsch
& Sohn (76 S. 8). 1 Mk.
In neun Abschnitten (Jesus, der Erfüller. Wachstum. Kraft.
Persönlichkeit. Aufeinsamer Höhe. In dunkeln Tiefen. Gekrönte
Treue. Machtfülle. Die Unverbrüchlichkeit des Lebensgesetzes) weist
der Verf. geistvoll, sehaifsinnig und tiefdringend die Anwendbar-
keit „des Lebensgesetzes" auf die Person und das Werk Jesu
nach, wenn man dies, soweit das überhaupt angängig ist, mit
denkendem Verstände erfassen will. Es machen Bich auch auf
diesen Gebiete des Geschehens die uns bekannten Gesetze vom
Wachstum, von der Kraft, von der Persönlichkeit in allen Be-
ziehungen geltend, und erst von ihnen aus versteht man die
Absichten und Zwecke, aber auch die Eigenheiten und Schwierig-
keiten, die in der Geschichte Jesu vorliegen. Der Verf. steht
durchaus auf dem biblischen, bekenntnismassigen Boden. Er
macht nachdrucksvoll geltend, dass wir einen Gott haben, der
Wunder tut — Wunder ist ihm dabei keine Durchbrechung
des Naturgesetzes, sondern eine Modifikation desselben, wie sie
von der Unverbrüchlichkeit des Lebensgesetzes gefordert wird.
Klar und unmissdeutig sind nach dieser Richtung hin seine
christologisehen Aussagen (S. 35). — Besonders ansprechend
und tief ist die Erfassung der Sündhaftigkeit des Menschen als
„Diesseitszug" (S. 23), ebenso die psychologisch meisterhafte
Klarstellung dessen, worin für Jesus das Verauchliohe bestand
(S. 21 f.). — AH die feinen Gedanken, die den Verf. bewegen,
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