Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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und unermüdliche Ausdauer vortrefflich geeigneter Gelehrter
an diese wichtige Aufgabe sich gemacht hat, und zwar dank
den grossen Handschriftenschätzen, die in den . letzten vier
Jahrzehnten bekannt geworden sind, mit erfreulichem Erfolge.
Die fleissige Arbeit „Der masoretische Text des Alten Testa-
ments nach der Ueberlieferung der babylonischen Juden",
Leipzig 1902, ruhte fast ausschliesslich auf der Berliner Hand-
Echrift Orient, qu. 680, welche auf M. Steinschneiders und
meine Empfehlung für die Königl. Oeffentl. Bibliothek in Berlin
erworben worden war. Für sein neues Werk hat der Verf.
52 Handschriften und Handsehriftenfragmente, besonders in
Petersburg, London, Oxford und Cambridge, benutzen können.

Die Einleitung handelt von Jakob ben Chajjim, Elia Levita,
S. Baer und Chr. D. Ginsburg, für dessen unvollendet gebliebene
zweite Ausgabe des hebräischen Alten Testaments die Britische
und Ausländische Bibelgesellschaft Unsummen ohne nennens-
werten Nutzen für die Wissenschaft ausgegeben hat (1908
Pentateuch; 1911 Jos., Rl, Sam., Kön., Jes., Jer., Ezech.,
Kleine Propheten). Auf die Textproben, welche den dritten
Teil des Buches füllen (S. 1—96), folgt die Beschreibung der
Handschriften (S. 97—153); dann eine Charakterisierung der
östlichen Punktation: Vokalzeichen, DageEch, Akzente, Masora
(S. 155—180). Aus vielem Bemerkenswerten sei hervorgehoben,
„dass das Paseq der einfachen orientalischen Punktation un-
bekannt ist" (S. 176). Die verglichenen 62 Handschriften sind
allerdings voneinander in vielem verschieden; doch liegt ihnen
eine gemeinsame Tradition zugrunde. Das ergibt sich aus
dem 4. Kapitel „Das Hebräische nach östlicher Entwickelung"
(S. 181—199). Beispielshalber erwähne ich* die o-Perfekta
Tfba, nbs, las S. 184; e bei Verben 6<"s : Ejöatn, rcj.xn, lrmrar
neben -ntr, dVsk's S. 185 f.; die Erhaltung des vollen Vokals in
der zweiten Silbe des Impf, vor folgendem Suffix, z. B. vjpf\
S. 185; die häufigen maqtal-Formen, wie la-rn nana S. 197.

Das letzte (5.) Kapitel ist den Targumen in östlicher Ueber-
lieferung gewidmet (S. 201—232). Die Wichtigkeit kritischer
Ausgaben des „Targum Oakelos" und des „Prophetentargums"
wird mit Recht betont.

Die Ausstattung des Buches ist vorzüglich. Eine sehr wert-
volle Beigabe sind die 16 Lichtdrucktafeln. — S. 193, Z. 3 v. u.
lies: „unsrer"; S. 209 Text, Z.4 v.u. lies: pm S. 111 Text,
Z. 7 v. u. ist mit „Schwa m." wohl das sog. „lautbare Schwa
medium" gemeint, welches, Ewald folgend, viele angenommen
haben. Emil Kautzsch hat infolge meines wiederholten Ein-
spruches in der letzten Auflage von Gesenius' „Hebräischer
Grammatik" diese Annahme aufgegeben und unterscheidet nur
noch Schwa mobile und Schwa quiescens.

Ich schliesse diese Anzeige mit Dank an den Verfasser und
Verleger und mit dem Wunsche, dass Herr Kahle uns mit
einer entsprechenden Arbeit über die Masoreten des Westens
erfreuen möge. Was ich an Materialien habe, steht gern zu
seiner Verfügung.

D. Hermann L. Strack-Berlin-Lichterfelde West.

Amann, Dr. Fridolin (geistl. Lehrer u. Lehramtspraktikant
am Bertholdsgymnasium zu Freiburg i. B.), Die Vulgata
Sixtina von 1590. Eine quellenmässige Darstellung ihrer
Geschichte mit neuem Quellenmaterial aus dem Venezia-
nischen Staatsarchiv. (Freiburger Theol. Studien, hrsg. v.

* Ich verwende hier notgedrungen die üblichen (tiberiensischen)
Vokalzeichen.

Hoberg und Pfeilschifter; X. neft.) Freiburg i. B. 1912,

Herder (XIX, 170 S. gr. 8). 3. 20.
B. Höpfl, P. Hildebr., O.S.B., Beiträge zur Geschichte
( der Sixto-Klementinischen Vulgata. Nach gedruckten

u. angedruckten Quellen. (Bibl. Studien, hrsg. v. Barden-

hewer; XVIII. Bd., 1. -3. Heft.) Ebd. 1913 (XV, 339 S.

gr. 8). 9 Mk.

1. Es ist nur freudig zu begrüssen, dass die durch Paul
Maria Baum garten (Die Veröffentlichung der Bulle Eternus
il!e celestium vom 1. März 1590; 1907. — Die Vg. Sixt. von
1590 u. ihre Einführungsbulle. Münster 1911, Aschendorff)
neuerdings stark in Fluss gekommene wissenschaftliche Be-
schäftigung katholischer Gelehrter mit der Vulg. Sixt. nicht
zur Ruhe kommt. Amann hat in seiner Untersuchung eine
sehr sorgfältige Darstellung von der ausserordentlich interessanten,
für die römische Kirche mit manchen Schwierigkeiten uud Ver-
driessliehkeiten behafteten Geschichte der Vg. Sixtina, der Bibel
Sixtus' V., geboten, Quellen benutzend, die er zum Teil schon
im Jahre 1912 in einer Programmarbeit über diese Bibel ver-
öffentlicht hatte (Depeschen des venezianischen Gesandten am
Vatikan Alberto Badoer). Amann kann nicht umhin, den ge-
nannten Papst anzuklagen, dass er an manchen Stollen den
Text eigenmächtig geändert habe (z.B. Rieht. 17, 3; 4 Mose
30, 11—13), dass er in der berühmten, die Druokausgabe be-
gleitenden Bulle Aeternus ille (das Original fand Baumgarten
im Jahre 1907 im Vatikanischen Archiv, datiert vom 1. März
1590, nicht 1589) mit den Sätzen des Tridentinum, die eine
neue Ausgabe der Vg. und deren Verbreitung betreffen, in
Widerspruch geraten sei, und dass er, in der Annahme, er als
Apostelfürst sei kraft des besonderen, einzigartigen göttlichen
Privilegs für eine Bibelrevision einzig befähigt und berufen,
eine überspannte und schroffe Theorie von der päpstlichen
Vollmacht vertrete, die nicht gutzuheissen sei. Schon zu Leb-
zeiten des Papstes, besonders aber nach seinem am 27. August
1590 geschehenen Tode erfolgte heftiger Widerstand. Die vor-
gängige Arbeit der Revisionskommission sah sich ignoriert, man
fürchtete, es möchten die Häretiker aus der Saohe Kapital für
sich schlagen u. a. m. (S. 101 ff.). Die Sixtina ist bekanntlich
unterdrückt, und Amann zeigt, wie schon Baumgarten, dass die
Aussagen Bellarmins und der übrigen Zeugen, wenn sie auch
nicht geradezu wabrheitswidrig seien, doeh den Sachverhalt
nicht vollständig und unzweideutig wiedergeben. Es sei nicht
so, dass Sixtus, wie es in der Vorrede zur Clementina 1592
heisst, selbst noch die Absiebt gehabt habe, die Bulle und Bibel
zurückzuziehen; nur dies könne man sagen, dass in der Um-
gebung des unvermutet sohnell vom Tode hinweggerafften
Papstes ein solcher Wunsch gehegt und die Hoffnung vor-
handen gewesen sei, es möchte auch der Papst noch Schritte
in jener Richtung tun.

Amann geht selbstverständlich auch auf die längst und viel
erörterte Frage ein, ob nicht die oben charakterisierte Selbst-
einschätzung des Papstes, wie sie in jener Bulle zum Ausdruck
kommt, mit dem Infallibilitätsdogma des Vaticanums streite,
um sie seinerseits zu verneinen, „und zwar aus dem einfachen
Grunde, weil es sich hier nicht um eine feierliche Lehr-
entscheidung handelt, sondern um eine rein referierende Dar-
legung der Motive, die Sixtus zur Uebernahme der Vg.-Revision
bestimmt haben". Beim Infallibilitätsdogma bandle es sich
lediglich um Sätze, welche die Lehrgewalt als für die Gesamt-
kirche verbindliche Wahrheitsnorm ausdrücklich erkläre.
Sixtus wolie an der betreffenden Stelle lediglich seine persön-
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