Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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kirchen Spezialuntersuchungen dieses für die Geschichte des
inneren Lebens der Kirche überaus wichtigen Gebiets unter-
nommen werden. — Eine wertvolle Beigabe ist der kritische
Ueberblick über die in den letzten 70 Jahren im Druck er-
schienenen Bibelstundenserien. Hier erfahren u. a. Behrmanrt,
Besser, Cürlis, Gerok, Gess, Grasshoff, Heinr. Hoffmann,
Robertson, Rothe zum Teil eingehende Würdigung.

Der zweite Teil des Buches bietet eine aus eigener reicher
Erfahrung und eindringender methodischer Ueberlegung er-
wachsene materiale und formale Homiletik der Bibelstunde,
woran sich im dritten Teil ausführliche Proben von bis ins
kleinste sorgfältig disponierten Bibelstunden (über Leben und
Charakter des Paulus, über 1 Joh. 1—3 und zwei Stunden in
Jugendvereinen) anschliessen — in der klaren, in den Text
eindringenden und Brot und Licht für das praktische Leben
bietenden Art, die wir aus den Andachten des Verf. kennen.
Aus dem reichen Inhalt des zweiten Teils hebe ich die ein-
gehende Erörterung über Begriff und Sprachgebrauch des
Wortes Homilie hervor. Verf. verwirft den Ausdruck als Be-
zeichnung einer besonderen Predigtgattung und empfiehlt an
seiner Statt „textuale oder analytische Predigt"; die Bibelstunde
„ist nichts anderes als analytische (textuale) Predigt, aber im
Unterschied von der Predigt im Hauptgottesdienst erstens mit
mehr Eingehen auf den ursprünglichen Wortsinn des ganzen
Textes, zweitens mit mehr Freiheit im Aufbau, d. h. mit mehr
lockerem Gefüge, bei aller Einheitlichkeit, die durch den Grund-
gedanken gegeben ist". „Die einfache textuale Methode in der
Bibelstunde ist im wesentlichen dieselbe wie bei der analytischen
Behandlung einer biblischen Geschichte im Religionsunterricht."
Dass dabei die Praxis des Christenlebens nicht zu kurz kommt,
zeigen die Bibelstunden zu 1 Joh. 1—3 (1, 1—4 aus dem Leben
eines Glücklichen, 1, 5—10 Nur wahr gegen Gott und gegen sich
selbst! 2, 28 — 3, 8 Ein Gotteskind ist von der Sünde ganz ge-
schieden). Die Ueberschriften sind als „Einheitspunke" bezeichnet
und dienen demselben Zweck wie die „Richtungsthemata" der
Katechese, sie sollen die „immanente Logik" des Textes auf-
zeigen. — Besondere Beachtung verdienen die ernsten und
besonnenen Ausführungen über die Bibelkritik in der Bibel-
stunde, deren Recht und Pflicht nachdrücklich vertreten und
für deren Gestaltung treffliche Winke geboten werden (nie aus
aufklärerischen Gründen, nie polemisch, nie ohne das religiöse
Plus zu geben, das in der richtigeren Auffassung enthalten ist).

In den Literaturangaben vermisse ich den wertvollen Auf-
satz Büttners „Ueber den Wert und die Bedeutung der Bibel-
stunde" in dessen „Pastoralen Seelenstudien" (Hannover 1905)
und desselben Verfassers „Texte und Fragen zu Bibelbesprech-
stunden" (1901 ff.). An Druckfehlern ist mir nur einer auf-
gefallen (S. 21 Z. 8 v. u. lies Spener statt Spencer).

Das wertvolle Werk sei allen Brüdern im Amt und allen
Liebhabern der Homiletik zu eingehendem Studium warm
empfohlen. D. Rendtorff.

Mattb.es, Heinrich (Prof. Lac. theol., Seminaroberlehrer zu
Darmstadt), Die Berechtigung der bekenntnismässigen
Lehrstoffe im Religionsunterricht, zugleich ein Weg-
weiser zu ihrer pädagogischen Behandlung. (Vorträge der
theologischen Konferenz zu Giessen. 35. Folge.) Giessen
1913, Alfred Töpelmann (vorm. J.Ricker) (60 S. gr.8). 1.30.
Eine für alle Religionslehrer sehr beachtenswerte Arbeit,
die mitten hineinführt in die religionspädagogischen Probleme

der Gegenwart. Der Verf. verbindet mit einem offenen Blick
für die Berechtigung auf diesem Gebiet geltend gemachter
wirklich pädagogischer Forderungen ein warmes Verständnis
für die grosse Bedeutung der den Kindern bisher übermittelten
bekenntnismässigen Lehrstoffe, worunter er vor allem Katechismus,
Bibelsprüche und Kirchenlieder versteht. In drei Abschnitten
bespricht er deren religiöse und pädagogische Berechtigung
sowie ihre pädagogische Behandlung, um dann in einem Schluss-
wort kurz auf das innerste Wesen der religiösen Unterweisung
einzugehen.

Starke Bedenken hege ich gegen Matthes' Versuch, die
Autorität der Bekenntnisstoffe nicht auf die „darin vertretenen
Vorstellungen", sondern auf den „Glauben, auf die Hoffnung
und die Liebe der heldenhaften Persönlichkeiten und Gemein-
schaften, die hinter jenen Worten stehen" (S. 15) zurückzu-
führen. Schon die Tatsache, dass Matthes zwischen Kirchen-
liedern und Bibelsprüchen keinen Unterschied macht, beweist,
dass er nicht nur die Verbalinspiration aufgegeben hat —
darin stimme ich mit ihm überein —, sondern in der Heiligen
Schrift auch nicht die gottgewirkte Urkunde der Heilsoffen-
barung sieht. Mit der unbedingten Autorität der Heilsoffen-
barung ist meines Erachtens auch die Autorität der sie be-
zeugenden Heiligen Schrift gegeben. Das Luthersche „Was
Christum treibt, ist Heilige Schrift" steht damit nicht in Wider-
spruch. Sätze des Verf.s wie „Autoritativ ist uns das, was uns
als kraftvollster Ausdruck des Geistes Christi erscheint, was
sich in dem Leben der Helden des Christentums und in
unserem eigenen Leben bewahrheitet hat" führen in ihrer Kon-
sequenz zu einem uferlosen Subjektivismus, zur Leugnung jeder
Autorität ausserhalb der persönlichen Erfahrung der einzelnen
Christen.

Vieles, was Matthes im zweiten und dritten Teil bringt,
ist mir sehr aus der Seele geschrieben, namentlich der Hinweis
auf die „Kindertümliohkeit" eines grossen Teiles der bekenntnis-
mässigen Lehrstoffe, durch den Verf. beweist, dass er das wirk-
liche Wesen der Kinderseele viel besser kennt als die radikalen
Stürmer auf dem Gebiete der Religionsunterrichtsreform. Seinem
günstigen Urteil über die von Thrändorf-Meltzer und Reukauf-
Heyn vorgeschlagenen Reformmethoden vermag ich freilich
nicht zuzustimmen, weil ich in dem Katechismus nicht nur die
Darstellung einer der Vergangenheit angehörenden Glaubens-
überzeugung Luthers, sondern damit zugleich ein lebendiges
Zeugnis und Bekenntnis der Kirche, in der wir stehen, sehe.

Gewundert hat es mich, dass Matthes im dritten Teil nicht
auf die hochbedeutsamen Reformvorsohläge des Dresdener Schul-
rats Bang, die noch eine grosse Zukunft haben dürften, ein-
gegangen ist.

Der ernste Appell an die Religionslehrer in dem Schluss-
wort, der ihnen die gewaltige, mit ihrem Beruf verbundene
Verantwortung ins Gewissen ruft, ist in unserer Zeit ernster
Schulkämpfe besonders zu begrüssen.

Dr. Amelung-Dresden.

Kurze Anzeigen.

Petersen, Peter (Propst und Hauptpastor in Meldorf), Das Menschen-
leben im Liohte des Christentums. N eun Vorträge für Gemeinde-
abende. Glückstadt, Max Hansen (96 8. gr. 8). 2 Mk.
Das Buch, das ohne Vorwort und sogar ohne Jahreszahl erscheint,
will oäenbar weiter nichts sein als der Nachdruck von Vorträgen, die
der Verf. in seiner Gemeinde gehalten hat. Die Themen lauten: Der
Mensch im Lichte des Christentums, Die Erziehung des Kindes im
Lichte des Weltlebens, Die Erziehung des Kindes im Lichte des
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