Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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betont ein Abschnitt „Kirchenkunde", ohne inhaltliches Material
in bringen, den Wert der Kirchenkunde; übrigens ist der Be-
griff zu enge gefasst. Die religiösen Strömungen, die sich an
die Namen Goethe, Nietzsche, Wagner knüpfen, werden (S. 6)
mit Emphase der Kirohenkunde als etwas Wichtigeres gegen-
übergestellt; sie gehören aber hinein. Neben der Kirchenkunde,
die auch die Volkskunde einschliesBen müsste, vermissen wir
die Psychologie, die mit jener die empirische Anknüpfung aus-
macht. Abschnitt 2 (Kirchenverfassung) sucht das Be-
stehende aufzuzeigen und zu beurteilen. Aber nicht klar ist,
woher die Massstäbe des Urteils stammen. Da die Kirchen-
verfassung ein Mittel zum Zweck der Kirchenwerke ist,
von denen Abschnitt 3 handelt, würde aus diesen der Massstab
zu gewinnen sein. Die Kirchenwerke erfolgen nach dem Schema:
1. im Dienste des übergeschichtliehen Bestandes (Liturgik,
Diakonik, Katechetik), 2. im Blick auf den tatsachlichen Be-
fund (Homiletik, Poimenik, Evangeüstik). Aber dass dies aus
dem Leitgedanken entwickelte Schema undurchführbar ist, zeigt
der Verf. selbst in den Einschränkungen, die er dieser Scheidung
in der Ausführung gibt. In der Tat sind alle Teildisziplinen
sowohl an der empirischen Wirklichkeit zu orientieren als auch
am übergeschichtlichen Bestand. Wenn der Verf. im Sinne
hat, dass die zweite Gruppe mehr nach individuellen Zuständ-
lichkaiten spezialisieren müsse, so muss das die Katechetik auch.
Bei dieser vermissen wir ein Eingehen auf den Religionsunter-
richt in der Schule, zumal da früher (S. 71) der Lehrer ein von
der Kirche beauftragter Verkündiger des Evangeliums genannt
war. Wirkt hier noch die Auffassung der praktischen Theologie
als Pastoraltheologie nach? Aber die hat der Verf. selbst
(8. 4) abgelehnt (anders S. 274). Seltsames mischt die Dia-
konik zusammen: Gemeindepflege (im Sinne Sulzes), Diaspora-
pflege und „Weltpflege" (= Stöokers „öffentliche" Mission).
An Einzelheiten erwähne ich die Vorschläge, beim Abend-
mahl nur alkoholfreien Wein za reichen (S. 148), bei der Kon-
firmation das Ja der Konfirmanden freiwillig zu machen
(S. 217 — und die andern?), bei der Trauung die Ehren-
prädikate abzuschaffen (S. 266 — mit der im Munde eines
Pastors befremdenden Begründung, dass es sich bei diesen Prä-
dikaten um „Erforschung körperlicher Zustände" handle). Irr-
tümlich sagt der Verf., es sei eine „erst ganz moderne Er-
kenntnis" (S. 277), dass der Seelsorger in erster Linie eine
„religiös-sittlich abgeschlossene Persönlichkeit" sein müsste (vgl.
den Pietismus!); das Wort Liturgie sei zuerst in der LXX
kultisch gebraucht (vielmehr im Serapiskult); Luther habe den
Messkanon für verpflichtend gehalten (was er schonte, schonte
er aus praktischen Motiven). Alles in allem: Als System und
wissenschaftliche Darstellung ersoheint uns das Werk nicht
haltbar; sein Wert liegt in einzelnen, oft aphoristisch auftretenden
Anregungen und in Darlegungen aus der Praxis, über die mit
Ernst diskutiert werden kann. J. Meyer-Göttingen.

Wurster, D. Paul (Prof. d. Theologie in Tübingen), Die
Bibelstunde. Ihre Geschichte, Aufgabe und praktische
Gestaltung. Mit Anleitung für die Praxis. Stuttgart 1912,
Evang. Gesellschaft (VIII, 224 S. gr. 8). Geb. 3. 50.
Wenn den Verf. die Frage bewegt hat (Vorrede), ob es sich
lohne, der geschichtlichen Entwicklung der Bibelstunde nach-
zuforschen, so ist der erste Teil seines Werkes der beste Be-
weis für den Wert einer solchen Untersuchung. Er bespricht
zunächst „die ältere Form der kirchlichen Bibelauslegung im

Nobengottesdienst" im Anschlu3s an Luthers Versuch, Reste
der alten Horenlesungen der zusammenhängenden Einführung
der Gemeinde in Schriftkenntnis und Schriftverständnis dienstbar
zu machen, und zeigt, wie die so entstandenen „Bibelaualegungs-
gottesdienste" in manchen Gebieten zu erheblicher Bedeutung
gelangt sind. Ich bemerke zu diesem Absohnitt: Luther selbst
hat mit einer Beteiligung der Gemeinde an den von ihm wesent-
lich für Schüler bestimmten Woohengottesdiensten nie ernstlich
gerechnet, und die Bestimmungen der Kirohenordnungen sind
auf diesem Gebiet Zeugen nur für Erstrebtes, nicht für wirklich
Erreichtes; als geschichtliche Grundlage für die Bibelstunde
kommen diese Gottesdienste kaum in Betracht. Wichtiger sind
für reformierte Gebiete die vom Verf. geschilderten Bibel-
besprechstunden, die, von Calvin herstammend, in den nieder-
rheinischen Gemeinden als Gemeindeeinriohtung bestanden. —
Verf. zeigt dann, wie die Ansätze eines kirchlichen Schrift-
gottesdienstes durch die in der Zeit des 30jährigen Krieges
aufgekommenen Betstunden (die man wohl für Vorläufer der
Bibelstunden angesehen hat), mehr noch durch die Konventikel-
stnnden des Pietismus verdrängt worden sind — der Pietismus
wird von der Alleinschuld an der Vernichtung der Nebengottes-
dienste freigesprochen. Verf. zeigt aber weiter, wie gerade die
pietislischen, aus reformiertem Vorbild (Holland, Labadie) er-
wachsenen Erbanungsstunden (mit Auslegung, Laienaussprache
und freiem Gebet) nicht nur im Zeitalter des Pietismus selbst
unter dem Namen „Bibelstunde" (der Name ist nach des VerLs
Ermittelung pietistisoher Herkunft) trotz kirohenpolizeilioher
Hemmungen sich rasch ausbreiteten, sondern auch im 19. Jahr-
hundert als Träger und Zeugen der Erweckungsbewegung
(„überall, wo das neue Leben aufflammte, treffen wir anf die
Bibelstunde"), dann besonders nnter der Einwirkung der Inneren
Mission (Wioherns Denkschrift 1849, Stuttgarter Kirchentag
1850, Stadtmission und Jünglingsvereine) und der Gemeinsohafts-
und Evangölisationsbewegung in massvoller Verkirchliohung,
vielfach zur Besprechstunde ausgestaltet, in weiten Kreisen der
evang.-luth. Kirche Deutschlands sich eingebürgert haben und
gegenwärtig wieder (was statistisch belegt wird) in starker Zu-
nahme begriffen sind. „Das Normale ist, dass in jeder Gemeinde
Sohriftauslegungsgottesdienst gehalten wird."

Dies im wesentlichen das Ergebnis des an interessanten
Einzelausführungen und sorgfältigen Belegen reichen geschicht-
lichen Teils, der angesichts des dürftigen Materials, das bisher
in dieser Sache geboten wurde — man vergleiche etwa, waB
Zezsohwitz in seiner Homiletik (Zöoklers Handbuch der theol.
Wissensch. IV, 221 f.) zur Sache zu sagen weiss —, als ein
erster Durchhau durch ein bisher schwer zugängliches Gebiet
mit Dank zu begrüssen ist. Der Verf. verfolgt sein Thema
durch eine ganze Reihe deutscher Gebiete, wobei ihm u. a.
Tischhausers viel zu wenig gekannte „Geschichte der evan-
gelischen Kirche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts"
1900 und Tiesmeyers „Erweckungsbewegung in Deutschland
während des 19. Jahrhunderts" vielfach gute Führerdienste
leisten. Dass dabei im einzelnen Irrungen unterlaufen, wie
z. B. S. 54 (die Bedeutung Kropps für die Schulung der holsteini-
schen Laienprediger), wird kaum zu vermeiden sein. Besonders
eingehend und wertvoll sind die zum Teil aus Konsistorialakten
geschöpften Nachweise über die Geschichte der Bibelstunde in
Württemberg (Ergänzungen hierzu bietet die inzwischen er-
schienene „Geschichte des Gottesdienstes der evangelisohen
Kirche Württembergs" von Kolb, 1913, S. 227 ff.). Es ist zu
wünschen, dass nach Wursters Vorbild auch für andere Landes-
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