Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Frischeisen-Köhler, Dr. Max (Privatdozent an der Universität
Berlin), Das Realitätsproblem. (Phil. Vorträge, veröffentl.
von der Kantgeselisehaft. Nr. 1 u. 2.) Berlin 1912, Reuther
& Reichard (98 S. 8). 2 Mk.
In wesentlicher Erweiterung publiziert der Verf. seinen in
der Kantgesellschaft gehaltenen Vortrag, wobei ihm, nach seinem
Vorwort, eine lebhafte Diskussion sehr zustatten gekommen ist.
Der Gegenstand des Vortrags ist bereits in seinem grösseren
Buche über „Wissenschaft und Wirklichkeit" (1912, Bd. 15 der
Samml. „Wissensch, u. Hypoth."; Leipzig, Teubner) zur Aus-
sprache gekommen. Da ich mich über dies Buch bereits in
dieser Zeitschrift vor zwei Jahren geäussert habe, kann ich
mich nunmehr kürzer fassen. Dem Vortrag eignet jedenfalls
eine äusserst lesbare Form, und die entscheidenden Grund-
gedanken treten klar und dentlich hervor. Der Standpunkt
des Verf.s, resp. seine Tendenz ist es, vom Boden einer
idealistischen Erkenntnistheorie aus, welcher das „Wirkliche"
zunächst „Bewusstseinsinhalt" ist, dennoch zu einem Objekt-
begriff zu gelangen und also „den Bannkreis des Idealismus
zu durchbrechen". „Diese Welt der Erfahrung, das ist das Er-
gebnis, ist, obwohl ihrer allgemeinen Qualität nach uns nur als
Bewusstseinsinhalt erfahrbar und denkbar, nicht ein subjektives
Empfindungsensemble, nicht bloss die Summe von Vorstellungen
in einem Einzelgeist, nicht bloss ein System allgemein gültiger
und notwendiger Gedanken. Dass sie mehr ist und was sie
mehr ist, kann zwar nie „rein" gedacht werden, aber doch in
jedem Augenblick im tätigen Leben erlebt und in denkender
Vertiefung des Erlebens tiefer verstanden werden: Dem Tüch-
tigen ist diese Welt nicht stumm." Der Verf. gelangt also zu
einem gewissen Realismus, indes nur zu einem „empirischen",
und lehnt den „absoluten oder transzendentalen Realismus"
energisch ab. „Denkbar ist der absolute Realismus als Forderung."
„Er ist eine mögliche, aber völlig leere Hypothese." Alle Wirk-
lichkeit ist uns nur als „Inhalt des Bewusstseins gegeben". Die
„Welt ist transsubjektiv", bleibt aber immer an unser Erleben und
Denken gebunden.

Es ist für mich wieder besonders interessant gewesen, auch
hier der in der gegenwärtigen Philosophie immer stärker hervor-
tretenden Unterscheidung zu begegnen, wonach der reine
logische Gegenstand des Erkennens und das „andere Ich" oder
„Du" zwei vollständig verschiedenartige Erkenntnisobjekte sind.
Dem „Du" gegenüber kommt es eigentlich erst zur Bejahung
einer Realität ausser uns, die für unser Handeln konstitutiv ist.
Und diese Wirklichkeit ist vor allem für unser geistiges Leben
und Bewnsstsein von uns selbst konstitutiv. Nehmen wir nun dazu
den anderen Begriff der Wirklichkeit, der dem reinen Gegen-
stande ebenfalls zukommt, dann zerfällt also das „Wirkliche"
in zwei heterogene Bestandteile, die dann auch notwendig in
unserem Bewusstsein eine Zwiespältigkeit hervorrufen müssen.
Wenigstens kann von einer „Einheit" des Bewusstseins nun
unmöglich mehr die Rede sein. Nun, ich meine, dass von hier
aus sich dennoch ein Ausblick ergibt in eine transzendente
Wirklichkeit oder in einen absoluten Realismus, wie ich es in
meiner „Metaphysik der Geschichte" nachgewiesen habe. Hier
können und müssen wir Theologen einsetzen, denn wir können
uns unmöglich begnügen mit dem „empirischen Realismus", der
höchstens „absolute Postulate" uns zediert, die „vage Hypo-
thesen" sind. Wenn die Philosophie über einen Zwiespalt im
Denken und „Erleben" nicht hinauskommt, so bietet die Inter-
pretation des tatsächlich vorhandenen religiösen Vorgangs im
Bewusstsein die Handhabe, den Ort zu bezeichnen, wo die

Wirklichkeit als Erlebnis höherer Einheit als eine „über welt-
liche" vor uns tritt. Und vielleicht erschliesst sich uns dann
erst die diesseitige Welt ganz und macht uns erst recht „tüchtig".

Dunkmann- Greifswald.

P. Th., Praktische Theologie im Grundriss. Band I.
Leipzig 1913, Dieterich (316 S. gr. 8). 6 Mk.
Eine neue praktische Theologie nimmt man mit Spannung
zur Hand. Denn seit über 20 Jahren ist keine wissenschaftliche
selbständige Gesamtdarstellung des Faches neu erschienen. In-
zwischen ist aber monographisch das Problem einer Reform
der praktischen Theologie (vgl. Zimmer, Uhlhorn, Lauterburg,
Nathusius, Clemen, Drews, Eckert, Frühauf u. a.) eifrig er-
örtert und ein ziemliches Einverständnis erzielt über die An-
knüpfung an Volkskunde und Religionspsyohologie sowie über
Verzicht auf formalistische Systeme und Ueberwucherung histo-
rischen Stoffs. Wie stellt Bich dazu unser Buch? Zunächst:
Der Verf. (warum anonym?) hat auf Grund 25 jähriger Amts-
praxis vor allem es abgesehen auf unmittelbaren Dienst für
die Praxis und Aktualität; manch beachtenswerter Wink ver-
rät sein offenes Auge für kirchliche Schwierigkeiten und Mög-
lichkeiten, und oft führt er fast feuilletonistisch ins Detail
(Memorierstoffe im Konfirmandenunterricht, Einrichtung der
Studierstube, Aufgabe der Pfarrfrau, Kirchenvisitationen, Kirchen-
zeitungen, Wetterfahnen an Gemeindehäusern). Trotzdem will
das Werk wissenschaftlich, „systematisch" sein; es legt Wert
auf den Leitgedanken und die Stoffgrcppierung. Sahen viele
den Leitgedanken kurz im „kirchlichen Handeln", so redet
der Verf. bestimmter von der „Aufgabe der Kirche, das Christen-
tum als geschichtliche Grösse in ein Christentum von absolutem
Werte praktisch umzusetzen", und zwar so, dass diese Aufgabe
am ganzen Kosmos, also auch in der Mission, zu bewältigen
ist. Diese Bestimmung leidet aber in den weiteren Ausführungen
an Unklarheit; bald ist das Christentum seibst gegenüber anders-
artigen religiösen Strömungen das Absolute, bald wird das Ab-
solute in der idealen Vollkommenheit gesehen, mit der man,
von der empirischen Unvollkommenheit aufsteigend, dem Wesen
des Christentums gerecht wird. Fehlt schon hier die begriffliche
Klarheit, so noch mehr beim Kirchenbegriff; denn die Kirche
als Subjekt des Handelns ist zunächst die „sichtbare" (S. 19),
enger die „ernsten Christen" (S. 21), noch enger, da der Auf-
stieg zum Absoluten nur im Protestantismus möglich ist, der
Protestantismus (S. 21). Schränkt dann der Verf. den Begriff
weiter ein auf deutsches (S. 26) oder gar altpreussisches (S. 27)
Landeskirchentum, so wird das nicht mit dem praktischen Be-
dürfnisse, sich auf konkrete Verhältnisse zu beziehen (was voll
berechtigt wäre), begründet, sondern prinzipiell: der deutsche
Protestantismus ist der „Vater des Protestantismus", und der
altpreussischen Landeskirche gehört „auch der König von Preussen
und Deutsche Kaiser an" (!). Bei dieser Begriffsschiebung
kommt das Gesamtproblem der Kirchenfrage nioht zum Aus-
trag; das geschieht auch später nioht grundsätzlich, nur ge-
legentlich, wie es überhaupt eine Eigentümlichkeit des Buches
ist, grundlegende Fragen bei gelegentlichen Anlässen zu streifen,
sie aber nicht als solche zusammenhängend zu behandeln.
Auch gegen die Gruppierung haben wir Bedenken. Einem
künftigen 2. Bande werden innere und äussere Mission als
„Tätigkeit an Nichtchristen" überlassen; der 1. Band behandelt
die „Tätigkeit an Christen". Diese Scheidung lassen wir gelten.

Aber wie ist die Tätigkeit an Christen durchgeführt? Zuerst
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