Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Wandt beherrschte Stadium hinauszu gelangen beginnt. Anderer-
seits bildet aber gerade die Einseitigkeit der Darstellung Klemms
eine wertvolle Ergänzung zur Darstellung Dessoirs, da Wundts
Psychologie in der Tat eine so hervorragende und erfolgreiche
Etappe in der Vorwärtsentwickelung der modernen Psychologie
ist, dass eine Geschichtsdarstallung, die sie ganz ignoriert, not-
wendigerweise lückenhaft bleiben muss. Die einseitige Stellung-
nahme für Wundt ist eine so häufige Erscheinung in der
heutigen Psychologengeneration, dass sie bei einer geschicht-
lichen Einführung in die gegenwärtige Psychologie jedenfalls
nicht fehlen darf.

Auch die Einteilung des Stoffes und die Auswahl der be-
handelten Probleme sind bei Klemm anders als bei Dessoir.
Klemm erstrebt überall eine historische Einführung in die
gegenwärtig im Vordergrunde des Interesses stehenden Einzel-
probleme der Psychologie. Sein erster Abschnitt bietet einen
Ueberbliok über die allgemeinen Richtungen der Psychologie
und behandelt die verschiedenen Arten der metaphysischen und
der empirischen Psychologie. Der zweite Abschnitt schildert
in getrennten Kapiteln die geschichtliche Entwickelung einzelner
psychologischer Hauptbegriffe. Der Begriff der Psychologie
als Wissenschaft, der Bewusstseinsbegriff, die Klassifikation der
Bewußtseinsinhalte, die Methodenlehre und das psychische Maß
werden hier behandelt. Der dritte Abschnitt bietet eine Ge-
schichte der wichtigsten psychologischen Theorien, nämlich der
Theorie der Empfindung, der räumlichen Wahrnehmungen, der
Gefühle und der Willensvorgänge. Diese Auflösung der ge-
schichtlichen Darstellung in einzelne Problemkreise halte ich
für didaktisch wertvoll. Sie ermöglicht die Besprechung einer
grossen Fülle wertvollen historischen Materials, das bei der
Darstellungsmethode Dessoirs unberücksichtigt bleiben mußte,
und bietet eine bequemere Einführung in die gegenwärtige
Arbeit der psychologischen Forschung. Man wird also gut tun,
beide Darstellungen nebeneinander zu benutzen, da sie auf
das glücklichste einander ergänzen. Erst aus einer Kombination
beider Bücher erhält der Leser einen Einblick in die ganze
Fülle und Buntscheckigkeit der heutigen psychologischen Problem-
stellungen und ihrer historischen Bedingungen.

Karl Girgensohn-Dorpat.

Häring, Dr. Th. (Professor in Tübingen), Der christliehe
Glaube. Dogmatik. 2. Aufl. Calw und Stuttgart 1912,
Vereinsbuchhandlung (734 8. gr. 8). 9 Mk.
Die ironische und vorsichtig abwägende Art von Härings
Darstellung des christlichen Glaubens ist schon aus der ersten
Auflage wohltuend hervorgetreten, ebenso sein Dringen auf
den Mittelpunkt, nämlich die Behauptung der vollkommenen
Selbstoffenbarung Gottes in Christus, dem Herrn und dem
Sohne Gottes. Aber auch sonst trägt die neue Auflage ganz
den Charakter der alten. Der Einfluß Ritsohls und der gute
Biblizismus der schwäbischen Schule einigen sich in ihm und
korrigieren Bich zugleich gegenseitig. Die Absicht auf Sicher-
stellung des Glaubens gegenüber den Schwankungen des inneren
Lebens und der subjektiven Erfahrung, die Betonung des
Hungers der Religion nach Wirklichkeit der höheren Welt, die
Verknüpfung der dogmatischen Sätze mit dem persönlichen
Leben, die Unterscheidung und Verbindung von Werterlebnis
und Wirklichkeitsbeobachtung beherrschen das Ganze. Was
an Wünschen übrig bleibt, ist für mich vor allem eine noch
stärkere Betonung des Gemeinsciiaftscharakters der christlichen

Religion und demgemäß der Verbindung von Dogmatik und
Kirche, mehr noch eine noch mutigere Durchführung der aus
der religiösen Grundtatsaohe, der Mittlersehaft Christi, sich er-
gebenden ohristologisohen und soteriologischen Konsequenzen
und eine Ueberwindung mancher in der Schwebe bleibenden
Fragen der Prinzipienlehre.

Von der ersten unterscheidet sich die neue Auflage durch
eine wesentliche Erweiterung des Umfangs; er ist um mehr
als 100 Seiten gewachsen. Die Aenderung und Erweiterung
fällt vornehmlich auf den apologetischen Teil und in dem dog-
matischen auf das erste Kapitel, Lehre von Gott und Welt,
hat aber, wie Häring in der Vorrede sagt, keine Seite un-
berührt gelassen. Sie ist veranlasst durch vielfach eingehende
Berücksichtigung modernster Erscheinungen auf dem biblisch-
theologischen, namentlich aber auf dem Gebiet der theologischen
Prinzipienlehre und der religionsphilosophischen Untersuchung.
Die Ansprüche und Problemstellungen der Religionspsychologie
und Religionsgeschichte, die jüngeren und jüngsten Erscheinungen
auf dem Gebiete der Dogmatik kommen znr Sprache und werden
in vielfach lehrreicher Weise beleuchtet. Als charakteristisch
verstärkt gegen die erste Auflage tritt mir dabei vor allem
entgegen die Stellungnahme gegen die moderne Mystik und
ästhetisierende Fassung des religiösen Lebens, ferner die Zurück-
weisung der neuen Versuche, Glauben und Theologie auf
metaphysischen oder sog. apriorischen Grundlagen aufzubauen,
endlich Zurückweisung der Religionspsychologie in ihre Schranken.
Täusche ich mich nicht, so liegt ein Unterschied von der ersten
Auflage auch darin, dass jetzt noch mehr die Bedeutung der
Vorstellung im religionspsychologischen Prozess herausgehoben
wird (ob dabei eine völlige und widerspruchslose Klärung er-
reicht ist, möchte ich dahingestellt sein lassen, vgl. S. 50ff.
und S. 62 f.), dass ferner die Grenze zwischen Bewusstseins-
theologie nnd Tatsachentheologie noch stärker betont und schliess-
lich dem Glauben noch mehr seine Ueberordnung über das
Wissen gewahrt wird.

Daß jeder an der dogmatischen Denkarbeit beteiligte Loser
Fragen übrig behält, soll nicht unausgesprochen bleiben, wenn-
gleich Häring es selbst natürlich am besten weiss nnd den
Fragen tunlichst zuvorkommt. Nur eine, aber wichtige will
ich ausdrücklich außprechen. Der apologetische Teil versucht
einen Beweis für die Wahrheit der christlichen Religion. Er
gipfelt in dem Nachweis, dass die Erscheinung Jesu den Be-
dingungen entspricht, die wir an eine Offenbarung Gottes
zu richten haben. Alles, was darüber gesagt ist, läset sich
wohl hören. Aber die Kernfrage der Sache ist, ob und in
welchem Sinne der Glanbe gewiss sein kann, daß hier wirklich
ein Offenbarwerden Gottes stattfindet. Der Verf. hat selber
mehrfach den Beweispunkt so formuliert; in der Ausführung
aber wird nach meinem Eindruck daraus ein Nachweis davon,
dasB, wenn Gott ist, seine Offenbarung so und so gedacht
werden muß.

Die Darstellung scheint mir in der neuen Auflage in der
Richtung auf Präzision des Ausdrucks gewonnen zu haben. Als
Ganzß begrüße ich das Werk gern in seiner zweiten Ausgabe
auf dem theologischen Büchermarkt und ehre in ihm die Frucht
einer lebenslangen und nicht ermüdenden Arbeit an dem Heilig-
tum des christlichen Glaubens, einer Arbeit, die gerade durch
ihre Stellungnahme zu den jüngsten Bewegungen zeigt, in
welcher Richtung die Entscheidungen der Zukunft werden zu
liegen kommen. Bachmann.
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