Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Handbuch der freigeistigen Bewegung Deutschlands,
Oesterreichs und der Schweiz (Jahrbuch des Weimarer
Kartells: 1914). Herausgegeben im Auftrag des Weimarer
Kartells von Max Henning. Mit einer Uebersichtekarte.
Frankfurt a. M. 1914, Neuer Frankfurter Verlag (428 S. 8).
Geb. 2 Mk.

Das Handbuch ist zunächst für die „freigeistigen" Kreise
bestimmt und dient ihnen durch genaue Mitteilungen über die
Entwickelung und den Stand der freigeistigen Bewegung im
deutschen Sprachgebiet, durch Abhandlungen wie über die
Gewissensfreiheit in den deutschen Bundesstaaten, über die
rechtlichen Bestimmungen für Kirchenaustritt oder dissidentischen
Religionsunterricht oder Feuerbestattung und durch Winke und
Mitteilungen für die Agitation. Es ist aber sehr interessant
und nützlich auch für christliche und theologische Kreise. Denn
man kann sich aus demselben zuverlässig unterrichten über die
mannigfaltigen Organisationen des Freidenkertums, seine manch-
mal sich durchkreuzenden Ideale, seine Wünsche nnd Ziele.
In den tatsächlichen Mitteilungen, die die Kirche betreffen, be-
darf der Leser freilich einiger Vorsicht, so z. B. wenn be-
hauptet wird, dass die Kirchen 1913 an Kirchensteuern
112 Millionen erhalten (8. 103). Sehr richtig ist auf der
gleichen Seite der Satz: Die Leistungen auf dem Gebiete
der sozialen Wohlfahrtspflege stehen zu den Einnahmen der
Kirche in keinem entsprechenden Verhältnis — nur freilich in
umgekehrter Richtung, als der Verf. meint. Im Artikel „Trennung
von Kirche und Schule" ist die Bedeutung der Reformation für
die Schule einseitig und oberflächlich dargestellt Was aber
die freigeistige Bewegung selbst anbetrifft, so ist für die
Kenntnis von ihr und für das Urteil über sie das Handbuch
fast unentbehrlich. Nicht unbemerkt bleibe, dass auf der
Rednerliste der Organisationen des Weimar Kartells auch zwei
evangelische Pastoren figurieren, natürlich aus Bremen.

Baohmann.

Dessoir, Max, Abriss einer Geschichte der Psychologie.

(Die Psychologie in Einzeldarstellungen. Herausg. von

H. Ebbinghaus f u. E. Neumann. 4.) Heidelberg 1911,

C. Winter (XI, 272 S. gr. 8). 4 Mk.
Klemm, Otto (Privatdozent f. Philosophie an d. Universität

Leipzig), Geschichte der Psychologie. (Wissenschaft u.

Hypothese, VIII.) Leipzig u. Berlin 1911, B. G. Teubner

(X, 388 S. gr. 8). Geb. 8 Mk.
Durch Schuld des Referenten erfolgt die Besprechung dieser
beiden ungefähr gleichzeitig erschienenen Grundrisse der Ge-
schichte der Psychologie erst jetzt. Beide Autoren haben
richtig das Bedürfnis erfasst, das hier für weitere Kreise be-
stand. Wir besitzen vortreffliche monographische Studien zur
Geschichte der Psychologie und glänzende detaillierte Dar-
stellungen einzelner Epochen, unter denen vor allem an
Siebecks und Dessous Arbeiten zu erinnern ist. Ein
Grundriss, der kurz und zuverlässig über das Wichtigste
orientiert, fehlte bis jetzt. Beide Bücher wollen diese Lücke
ausfüllen. Sie lösen ihre Aufgabe in sehr verschiedener Weise,
so dass keine Dublette entstanden ist.

Dessoir schreibt in der traditionell gewordenen Form der
Geschichte der Philosophie, indem er die einzelnen Psychologen
in chronologischer Reihenfolge Revue passieren läset und über
die Ansichten der einzelnen Individualitäten zusammenhängend
referiert. Zum Teil sind es sehr bekannte Erscheinungen, die

hierbei an uns vorüberziehen. Aber auch das Bekannte weiss
der Verf. auf Grund seiner eminenten Beherrschung des Quellen-
materials durch ungewöhnliche Einzelheiten zu beleben, so dass
die Darstellung nirgends ins Triviale verfällt und nirgends in
das gewohnte Geleise der Lehrbücher der Geschichte der
Philosophie einlenkt. Neben dem bekannten Material stösst
man anf viele feine Einzelheiten, die mir neu waren. Die
Darstellung beginnt mit der antiken griechischen Philosophie
und führt den Leser bis in die ersten Anfänge der modernen
Psychologie. Mit Feohner schliesst die Darstellung ab; die
gegenwärtig lebende Psychologengeneration kommt nicht mehr
zur Darstellung.

Beachtenswert ist hierbei die feine und weite Auffassung
der psychologischen Arbeit, die als Grundlage der psycho-
logischen Beurteilung überall durchblickt. Der Verf. ist kein
einseitiger Verehrer des heutigen Stadiums der Psychologie,
sondern hat ein sehr richtiges Verständnis dafür, wie grosse
Zukunftsaufgaben noch zu lösen sind und welch reiche psycho-
logische Schätze die praktische Menschenkenntnis früherer
Generationen gesammelt hat, die noch ungehoben in den ver-
schiedenartigsten historischen Quellen schlummern. Bedeutsam
tritt gleich an den Anfang die Unterscheidung dreier Wurzeln
der Psychologie: Psychosophie, Psychognosis und Psychologie
im engeren Sinne. Die Psychosophie fragt nach der meta-
physischen und religiösen Bedeutung des Seelenlebens; die
Psychognosis erstrebt praktische Menschenkenntnis; erst das
Bestreben nach einer rein tatsächlichen Erkenntnis des Seelen-
lebens und seines Zusammenhangs mit den Lebensersoheinungen
des Körpers, die unabhängig von diesen Nebenbeziehungen ist,
ist rein wissenschaftliche Psychologie. Die Psychosophie be-
rücksichtigt Dessoir nur soweit, wie sie für die Entstehung
der wissenschaftlichen Psychologie wichtig ist und in der
Philosophie Bürgerrecht errungen hat. Die Geschichte der
Psychognosis wird dagegen in einem ausgezeichneten knappen
Abriss auf wenigen Seiten in der Einleitung unabhängig von
der Entwickelungsgeschichte der wissenschaftlichen Psychologie
erzählt, wobei viel Ungewöhnliches und Interessantes mitgeteilt
wird. Diese genaue Scheidung von Psychognosis und Psycho-
logie halte ich für sehr wertvoll. Ich glaube auch, dass viel
Wahrheit in den Schlussworten des Buches liegt: „Der Zwie-
gesang, mit dem die Geschichte unserer Wissenschaft anhebt,
wird durch alle ihre Wandlungen hindurch fortgesetzt. Noch
an der Grenze, bei der eine historische Darstellung augen-
blicklich Halt machen muss, ertönen diese Leitmotive in alter
Reinheit und mit neuer Fülle. So scheint es, dass keins von
beiden je verstummen wird. Die Stimme der praktischen
Menschenkenntnis aber, seltener nur und leiser vernehmbar
geworden, wird in Zukunft vielleicht häufiger zu hören sein."

Recht anders ist die Grundauffassung, von der aus Klemm
seine Geschichte der Psychologie geschrieben hat. Für ihn be-
deutet die psychologische Arbeit Wilhelm Wundts den Höhe-
punkt der bisherigen Geschichte der Psychologie. Dementsprechend
münden nach seiner Darstellung alle Entwickelungen schliesslich
in dieses Stadium aus. Es fehlt zwar nicht an einzelnen Aus-
blicken auf ein zukünftiges Zeitalter, in dem man zu neuen
Problemstellungen und Resultaten gelangen könnte. Allein im
ganzen herrscht doch die Zufriedenheit mit dem Erreichten stark
vor. Ich glaube, dass der objektive Historiograph der gegen-
wärtigen Psychologie viel breiter und nachdrücklicher darüber
berichten könnte, dass bereits an verschiedenen Stellen die
psychologische Problemstellung und Arbeitstechnik über das von
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