Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

245

246

„Der ist das Beth din schuldig." Es ist nicht die Meinung,
dass man ihn zum Tod verurteilen solle; denn die Thora sagt
(Exod. 21): „Wer einen Menschen schlägt und er stirbt, soll
des Todes sterben; und wenn einer seinen Nächsten schlägt
und er stirbt nicht, so ist der Schläger frei." Vielmehr
ist die Meinung, dass er zur Kategorie „Du sollst nicht
morden" gehört, mithin einer von denen ist, welche wegen
Uebertretung negativer Gebote schuldig sind, also ist er der
Geisseistrafe schuldig.

V. 26. „Du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du
den letzten Heller bezahlt hast." Das Verglichene bezieht sich
bekanntlich auf die Gehenna. Die christlichen Gelehrten ver-
stehen das nicht. Denn nach ihrer Meinung werden die, welche
in die Gehenna kommen, in Ewigkeit nicht mehr heraus-
kommen. Aber diese Meinung ist nicht Wahrheit; son-
dern der Grundgedanke ist, entsprechend der Ansicht der
jüdischen Weisen, dass jeder sündigende Israelit in der Gehenna
Strafe leidet, jedoch auf die ihm gemäss der Wertung Beiner
Sünde bestimmte Zeit (vgl. Justin, Dialog 223). Ausgenommen
sind gewisse Missetaten und Verschuldungen, deren Bestrafung
eine ewige ist, vgl. Matth. 25, 41—46; denn Jesus spricht dort
von gottlosen und hartherzigen Gojim (Heiden), die ihr Leben
lang von Gerechtigkeit entfernt waren; ebenso Offb. Joh. 14,11.
Wenn Jesus Mark. 9, 44 sagt: „da ihr Wurm nicht stirbt und
ihr Feuer nicht verlischt", so ist das hergenommen von der
Ausdrucksweise der Schrift Ende Jesaja, und es ist dort
deutlich und ausdrücklich gesagt, dass der Prophet sich be-
zieht auf die Leichname der „von Jhvh" Abtrünnigen; ebenso
die Heiden Matth. 25. Man sehe nach im Talmud Rosch |
ha-schana 17a bezüglich dessen, was die Schulen Schammaj
und Hillel sagen."

Wir brechen ab. Wer des Hebräischen mächtig genug ist,
braucht nicht erst auf die in Aussicht genommene deutsche
Uebersetzung zu warten; er wird in dem vorliegenden hebräischen
Original manches finden, was das Verständnis des Neuen Testa-
ments bereichert. Heinr. Laible-Rothenburg o/Tbr.

Heikel, Dr. Ivar A. (Professor der griechischen Literatur an
der Universität in Helsingfors), Die Demonstratio evan-
gelica. (Griechisch-christliche Schriftsteller, Bd. 23.) Leipzig
1913, J. C. Hinrichs (XXXII, 589 S. gr. 8). 20 Mk.
Vor zwölf Jahren hat uns Heikel als Band I der Eusebius-
ausgabe der Berliner Kirchenvätersammlung die Ausgabe der
vita Constantini, der Rede Gonstantins an die heilige Versamm-
lung und der Tricennatisrede an Constantin geliefert. Nun legt
uns Heikel eine sorgfältige Ausgabe der Demonstratio evan-
gelioa vor. Der Text des grossen Werkes nahm hier, trotzdem
der Apparat verhältnismässig knapp gehalten werden konnte,
viel Raum, über 500 Seiten, ein; dazu kommen noch die sorg-
fältigen vierfachen Register im Umfange von 76 Seiten, d. h.
die Register der Stellen aus der Bibel, aus kirchlichen und
nichtkirohlichen Schriftstellern, die Parallelstellen aus den Schriften
des Eusebius selbst, dann das Namen- und Sachregister; sehr
genau ist sodann das griechische Wortregister ausgearbeitet und
mit zahlreichen deutschen oder lateinischen Bemerkungen über
die Wortbedeutung ausgestaltet; zum Schluss folgt noch eine
Vergleichung der Seiten der Heikelsohen Ausgabe mit der Erst-
ausgabe des griechischen Textes von 1545 durch Rob. Stephanus.
Die Ausgabe selbst bietet am Rande durchgehend die Seiten-

zahlen der editio Parisina von 1628, nach deren Seiten und
Abschnitten gewöhnlich zitiert wurde.

Die Einleitung ist mit Absicht bei dem Umfange der Aus-
gabe knapp gehalten, aber scheint mir doch das Wesentliche
vollständig zu bieten. Unter den Handschriften ist die wich-
tigste der Codex Parisinus 469 (saoo. 12), der wohl schon der
Ausgabe des Stephanus zugrunde gelegen hat. Von cod. Par. 469
sind alle bekannten Handschrilten abhängig, und man könnte
die anderen alle fast enthehren, wenn nicht dem cod. Par. 469
in seinem jetzigen Zustande am Anfang ein grösseres Stück,
am Ende ein kleines Stück und in der Mitte ein Blatt fehlte.
Schon Fabricius hat im Delectus argumentorum 1725 diese
Lücken nach einer jetzt verschollenen Handschrift ergänzt.
Heikel ist es gelungen, in dem codex Bononiensis 3644 (saec. 13)
eine alte Handschrift zu entdecken, die die im cod. Par. 469
fehlenden Stücke hat, so dass die von Fabricius gebotenen
Stücke nun auch handschriftlich bezeugt sind. Bei der Selb-
ständigkeit des neuen Kodex hielt Heikel seine Lesarten zu-
nächst für wertvoll neben cod. Par. 469, es stellte sich aber
heraus, dass die Selbständigkeit nur Willkür ist, und dass der
codex Bonon. eine Abschrift von Par. 469 in seinem unver-
sehrten Zustande ist, ebenso wie übrigens auch der von
Fabricius benutzte Kodex. Aber auch alle anderen Codices
sind von Par. 469 abhängig, so dass dieser zur Grundlage
auch der neuen Ausgabe werden musste. Wir haben ja nun
von den 20 Büchern der etwas weitschweifigen und un-
geordneten demonstratio, von der wohl Heikel einmal mit Recht
sagt, dass sie „nicht zu den bedeutendsten Werken der alt-
christlichen Literatur" gehöre, nur die ersten zehn. Von dem
15. Buche kann die neue Ausgabe noch, Mais Wegen folgend,
sechs kleine, im ganzen vier Seiten umfassende Bruchstücke
bieten nach cod. Ottob. 452 und cod. Vatican. 1153/4. In
der Oktateuchkatene des Prokop entdeckte E. Klostermann eine
Reihe von Stücken aus Buch VIII und IX der Demonstratio,
die Prokop, aber zum Teil recht frei, exzerpiert hat; da die
Stücke bei Migne, patrol. graeca Bd. 87 meist nur lateinisch
stehen, hat sie, als Anhang zu der Ausgabe, E. Klostermann
nach cod. Monac. graec. 358 erstmalig herausgegeben; was
davon aber von einiger Bedeutung war, hat schon Heikel auf
Grund von Klostermanns Angaben bei seiner Ausgabe ver-
wenden können. Schade finde ich es eigentlich, dass Heikel
nicht noch mehr auf die Ueberlieferung des Demonstratiotextes
in den Katenen eingegangen ist in systematischer Erforschung;
mühsam ist es gewiss, und was Heikel untersucht hat, das
Bprioht nicht gerade für eine grosse Ausbeute. Aber Heikel
scheint auf die Katenen überhaupt erst etwas spät eingegangen
zu sein, so dass, was von daher zu holen war, jedenfalls der
Ausgabe nicht mehr zugute gekommen ist. Freilich, ab-
schliessend wird die Ausgabe kaum sein können, denn dazu
ist doch die einzige grundlegende Handschrift Par. 469 — das
scheint mir Heikel deutlich gezeigt zu haben — nicht fehler-
frei genug.

Verdienste um die Ausgabe haben sich neben Heikel er-
worben: Carl Schmidt in Berlin durch Handschriftenvergleichung
und Mitlesen der Korrektur und besonders Erich Klostermann
in Strassburg i. E., der eine Korrektur mitlas und zahlreiche
Anregungen, Konjekturen usw. gab. Vergleicht man die neue
Ausgabe mit der letzten, der von Dindorf von 1867, so er-
scheint der Fortschritt unverkennbar.

Hermann Jordan-Erlangen.
loading ...