Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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von ihm nicht verschwiegenen Mängel als die geschichtlich ge-
gebene und für den Aufbau des Reiches Gottes immer noch
brauchbarste Form der kirchlichen Organisation festzuhalten
wünscht, solange es geht. Zugleich aber vertritt er grundsätzlich
den Standpunkt des „Gemeindetums" und sieht die wichtigste
kirchliche Aufgabe der Gegenwart in der Weokung der Selbst-
verantwortung und der Förderung einer weitgehenden Selbst-
verwaltung der Laiengemeinde. Doch macht er von dem
Sulzesohen Ideal einer durchgreifenden organisierten Laien-
seelsorge (allerdings nur aus praktischen Gründen und nur fürs
erste) starke Abstriche und lässt die innere Gemeindepflege (im
Unterschied von der äusseren Gemeindeverwaltung) wie bisher
unter Leitung des Pfarramts und des Presbyteriums sich voll-
ziehen, Laienseelsorge dagegen immer nur im Anschluss an diese
Organe und zu ihrer Unterstützung eintreten. An den Pfarrer
aber gerade in seiner Eigenschaft als Gemeindepfarrer stellt er
die höchsten Ansprüche — „das neue Gemeindeideal fordert
auch ein neues PfarrergeBchlecht" —, betont auch, dass das
Fresbyterium nur aus solchen Gemeindegliedern zusammengesetzt
werden dürfe, die in praktisch kirchlicher Arbeit bewährt und
geistlich lebendig sind.

Aus dem weiteren reichen Inhalt des Buches greife ich die
Ausführungen über die Abgrenzung der Gemeindearbeit wie
der der Inneren Mission von der staatlichen und humanen
Arbeit als besonders wertvoll heraus. Auf eine ganze Reihe
von kirchlichen Funktionen, wie sie bisher in der praktischen
Theologie behandelt zu werden pflegen — z. B. die Gemeinde-
predigt, die Einzelseelsorge, der Kindergottesdienst —, fällt in
dem Buche durch ihre Einbeziehung in die „Gemeindearbeit"
neues Licht. Daneben tauchen eine grosse Reihe von neuen
Themata auf — ich nenne als besonders beachtenswert die
Erörterungen über Gemeindehaus und Gemeindeblatt, über
religiöse Vorträge und Diskussionsabende, über ländliche und
städtische Wohlfahrtpflege, über Volkskunst und Heimatepflege,
über „unsoziale Einrichtungen in der Gemeinde". Wichtig ist
auch die ausführliche Besprechung über die kirchliche Jugend-
pflege, die von der Arbeit in der Krippe bis zu den als „Ge-
meindevereine" zu gestaltenden Jugendvereinen eindringlich
behandelt wird. Za der hier besonders reichlich mitgeteilten
Literatur bietet das inzwischen erschienene Heft von Wendelin,
„Geschichte und Probleme der Jugendpflege", Dresden 1913,
willkommene Ergänzung.

Der Verf. ist sich bewusst, dass das Ziel, das er aufstellt, nicht
wenigen utopisch erscheinen wird. „Was aber keineswegs utopisch
ist, das ist die Fülle der Gegenwartsarbeit. . . Die lebendige
Gemeinde ist und bleibt ein grosses Ideal, sie schaffen zu
helfen eine grosse und dankbare Arbeit für alle, die mit Ernst
Christen sein wollen." Dafür geeignete und aussichtsreiche
Wege zu weisen, ist das sorgsam durchdachte, ebenso von
idealen Gesichtspunkten beherrschte wie von nüchternen, prak-
tischen Erwägungen geleitete Buch trefflich geeignet.

D. Reudtorff.

Sohümer, Georg (Professor am Realgymnasium in Magde-
burg), Schulend achten. In Verbindung mit Rud. Richter,
Professor am Carola-Gymnasium in Leipzig, und Karl
Steyer, Professor, Oberlyzealdirektor in Cassel, gesammelt
und herausgegeben. Frankfurt a. M. 1913, Diesterweg
(XVI, 492 8. gr. 8). 5. 80.
Dieser starke Sammelband von 492 Seiten ist die Frucht

der auf der Magdeburger Tagung des „Deutschen Religions-
lehrerverbandes" von 1910 durch Lic. Schuster-Hannover ge-
gebenen Anregungen und durch dessen „Zeitschrift für den
evangelischen Religionsunterricht" wiederholt gefördert worden.
58 Religionslehrer an höheren Schulen haben sich hier auf die
verschiedentlich ergangenen Aufrufe zur Arbeit zusammen-
gefunden, und die persönliche Eigenart so vieler Mitarbeiter
spiegelt sich gaDz deutlich in den 274 „Andachten für jeden
Tag des Schuljahrs" wieder. Es folgen Andachten „für be-
sondere Gelegenheiten"; daran schliesst sich ein kurzes Lektionar
mit Nachweis von Schriftabschnitten und Liederversen; der Ver-
wertung der religiösen Dichtung für die Schulandacht, wie sie
das Gesangbuch, aber auch andere Quellen bieten, ist zum
Schluss besondere Aufmerksamkeit geschenkt. „Nur die Absicht,
in einem besonderen Teile des Buches Andachtsentwürfe zu
veröffentlichen, konnte nicht ausgeführt werden, weil zu
wenig Entwürfe eingesandt wurden." Gleichwohl ist eine sehr
reichhaltige Materialiensammlung zustande gekommen, die
mannigfache Anregung in sich birgt. Zum Vorlesen sind die
einzelnen Ansprachen nach dem Vorwort nicht bestimmt, um
ihres ungleichen Umfange (von einer halben Seite bis zu fast
2 Ys Seiten) willen auch schon äusserlich nicht recht geeignet,
aber die positive Abzielung des Buches wird aus den be-
treffenden Ausführungen des Vorworts nicht mit der gleichen
Klarheit deutlich; die Antwort wird ja auch in der Tat schwer
befriedigend zu geben sein. Werten wir sie als Muster für
ähnliche Darbietungen, so erkennen wir gern das redliehe Be-
mühen an, die Beziehung zur Jugend herzustellen, sie nicht
mit theologischen Gedankengängen oder mit alltäglichen Phrasen
oder mit künstlicher Salbung abzuspeisen, sondern auf ihre
besonderen Bedürfnisse und Interessen einzugehen, ihren
Fragen gerecht zu werden, nicht zu überreden, sondern zu
überzeugen, nicht bloss zu überzeugen, sondern auch zu ge-
winnen, zu erwärmen, zu erheben — ein jeder natürlich nach
der besonderen Gabe, die ihm geworden ist. Aber wer in
Eeinem Christentum stärker christozentrisch und biblisch-historisch
bestimmt ist, der vermisst hier manchmal — nicht allerlei dog-
matisches Material, das nur aus besonderer Veranlassung einmal
in der Andacht seinen Platz und sein Interesse finden könnte,
aber diesen oder jenen rocher de bronze, der nicht bloss ein
Stück seiner Theologie, sondern eine Stütze seines persönlichen
Christenglaubens und Christenlebens geworden ist, den er darum
auch den Werdenden gern bieten möchte als Fundament und
Stütze für ein kraftvolles Christentum. Die Auf Weisung solcher
ragenden und rettenden Zeichen ist auch an der Seele des
Jugendlichen, die eine schwankende und werdende ist, orientiert.
In diesem Einsehlag der Moderne wird wohl bei der grossen
Mannigfaltigkeit der Urteile und Gaben, die sich in dem Buche
spiegeln, das Einigende zu suchen sein, wie denn auch einige
Beiträge zuvor schon in der „Christlichen Welt" und der
„Evangelischen Freiheit" gedruckt gewesen sind und neben
anderen Namen Fiebig, Ulr. Peters, Schuster, Horst Stephau
mit zahlreichen Ansprachen vertreten sind. Eine Lösung des
Problems der Schulandacht an höheren Schulen scheint mir
auch aus dem Grunde noch nicht erbracht, dass die Andacht,
die auf Weltanschauungsfragen des Primaners eingeht, den
Quintaner leer lässt und die, die sich zu den einfacheren Ge-
dankengängen des Schülers auf der Unter- oder Mittelstufe
herablässt, dem selbstbewussten Primaner vielleicht nicht einmal
Respekt vor der frei gehaltenen Andacht als einer intellektuellen
Leistung abnötigt. Neben dem Altersunterschied stellt aber
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