Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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liegende Synthese zwischen Aristotalisinus und CartosianismuB
schildert. Dabei war es mir besonders interessant, dass z. B.
bei Ciauberg schon ganz moderne Fragestellungen anklingen,
resp. dass das moderne erkenntnistheoretische Element des
cartesianischen Rationalismus von Ciauberg und seinen Schülern
verstanden worden ist. Trotzdem bleibt es doch charakteristisch
für diese Cartesianer, dass sie an der objektiven Ontologie der
Scholastik festhielten. Es handelt sich hier eben doch um eine
äasserlich mit Eifer verteidigte, innerlich aber doch kaum sehr
geglückte Synthese zwischen der neuen Erkenntnismethodo und
der alteren Denkweise. Der Wert der cartesianischen Ideen
lag für diese MäDner darin, dass Cartesius einerseits mit seinem
Aufsuchen der Normen de« notwendigen Denkens ver-
einfachend zu wirken schien — Cartesius war ihnen der
grosse Reformator der Logik —, andererseits darin, dass er
die dem eigentlichen Aristotelismus an und für sich kongeniale,
dem scholastischen Aristotelismus aber verlorengegangene Methode
befolgte, vom methodischen Zweifel auszugehen, um zur
Wahrheit zu gelangen. So kann der Blick in diese eklektische
Denkweise auch den Blick für die modernen und mittelalter-
lichen Elemente des Standpunkts des Cartesius selber schärfen.

Darüber, inwieweit der Verf. seine Quellen richtig ver-
standen hat, kann sich Rez. natürlich kein abgeschlossenes
Urteil erlauben; man müsste dazu Spezialist im eigentlichen
Sinne des Wortes Bein. Auf jeden Fall macht die Arbeit den
Eindruck eines ausserordentlich sorgfältig gearbeiteten Buches,
das einen anschaulichen Einblick in die sehr interessante Vor-
geschichte unseres modernen Denkens gibt. Man kann mit gutem
Grand auf einen nicht minder lehrreichen zweiten Band hoffen,
der ja nun erst das eigentliche Problem behandeln wird, wie diese
im ersten Band geschilderte cartesianisohe Scholastik auf die
reformierte Theologie gewirkt hat, resp. wie die Synthesen be-
schaffen waren, in die Calvinismus und CartesianismuB in der
reformierten Theologie des 17. Jahrhunderts eingegangen sind.

Lic. Hupfeld-Barmen.

Medious, Fritz, Fichtes Leben. Leipzig 1914, Felix

. Meiner (176 S. gr. 8). 3 Mk.

Das Buch ist der fast unveränderte Neudruck von Medicus' Ein-
leitung in seine sechsbändige Ausgabe von Fichtes (ausgewählten)
Werken, die erst vor kurzem im gleichen Verlage erschien. DaBS
dieser Sonderdruck sich bo rasch als notwendig erwies, spricht allein
schon für dessen wissenschaftlichen Wert; in der Tat ist Me-
dicus der vorzüglichste Fichtekenner unserer Zeit und diese seine
Fiohtebiographie die beste, die wir haben. Aus vielerlei bisher
ungedruckten und unbekannten Quellen hat sie unsere Kenntnis
von Fichtes äusserem und innerem Lebensgang erheblich be-
reichert und auch für das Verständnis von Fichtes Werken eine
Reihe neuer Gesichtspunkte eröffnet. Ueber Fichtes Bedeutung
nicht nur für die Fachphilosophie, sondern für alle Lebens-
nnd Kulturfragen überhaupt, ist es ja wohl nicht mehr nötig,
viele Worte zu machen; gerade unsere Gegenwart steht wieder
von Jahr zu Jahr stärker unter dem packenden Eindruck dieser
gewaltigen Denkerpersönlichkeit. Vor allem der Theologe wird
an diesem Denker nicht vorübergehen dürfen. Fichte (selbst
einmal „Studiosus theologiae") war — wie man wohl sagen
darf — von Grund aus ein religiös gerichteter Charakter, wie
sich denn das religionsphilosophisohe Interesse von seiner
Erstlingsschrift („Versuch einer Kritik alier Offenbarung" 1791)
bis zu seinen letzten Berliner Vorlesungen von 1813 (später

unter dem missverständlichen Titel „Staatslehre" herausgegeben)
duroh alle Stadien seines Lebens und Wirkens hindurchzieht.
Freilich — gerade diesem Manne hat man den bitteren Vor-
wurf des „Atheismus" gemacht und ihn um deswillen von der
Stätte seines erfolgreichsten Wirkens weggewiesen! In besonders
lesenswerter Darstellung gibt Medicus den Hergang dieses
„Atheismusstreites" wieder, ohne zu verschweigen, dass Fichte
selbst durch seine Schroffheit ein gut Teil Schuld an seinem
Schicksal trug. Nach seiner Verbannung aus Jena hat sich
Fichtes religiöses Interesse und Verständnis noch weiter ge-
steigert; wie das ganze deutsche Volk, so wurde auch er von
der etwa 1800 einsetzenden Strömung ergriffen, welche die
Flachheiten der Aufklärung durch eine tiefere Erfassung des
religiösen Problems zu überwinden versuchte. Während er
bei dem extremen Subjektivismus seiner früheren Erkenntnis-
theorie einer objektiven Gottheit in der Tat so schwer gerecht
werden konnte wie einer objektiven Welt oder Natur, hat er
nunmehr das Prinzip seiner Philosophie ausdrücklich im über-
individuellen göttlichen Geist gefunden; und während er früher
den religiösen „Vernunftglauben" in Kantischer Weise (aber
doch schon tiefer als Kant) nur als Bedingung (obzwar not-
wendige) des moralischen Wolleos und Handelns anerkennen
wollte, hat er nunmehr die Religion (mit Schleiermacher) als
eine eigentümliche, über das Moralische weit hinausliegende
höchste Lebensstufe, als das „selige Leben" im Glauben und
in der Liebe gedeutet. Sehr bemerkenswert ist es, wie Fichte
hier bewusst an das Johannisevangelium anknüpfte, dessen
Logosbegriff und Liebesbegriff seit 1804 geradezu grundlegend
für seine Philosophie wurde; Medicus hat diese „johanneische
Periode in Fichtes Philosophie", der er selbst offenbar innerlich
sehr nahe steht, mit besonders feinem Verständnis behandelt.
Auch auf die interessanten Ausführungen über Fichtes Stellung
zum Freimaurertum mache ich hier noch aufmerksam, über
die man durch Medicus wohl zum erstenmal Authentisches er-
fährt. Wer übrigens einer Einführung in die systematischen
Grundlagen der Fichtesohen Philosophie bedarf, den weise ich
auf des gleichen Verfassers frühere Arbeit hin: „J. G. Fichte.
Dreizehn Vorlesungen von Fritz Medious. Berlin 1905."

Wilhelm Metzger-Leipzig.

Sohoell, Dr. Jao. (Prof. d. Theologie am Predigerseminar in
Friedberg), Die Evangelische Gemeindepflege. Hand-
buch für ev.-kirchliche Gemeindearbeit. Heibronn 1911,
Eugen Salzer (251 S. 8). 4. 50.
Matthes, Prof. Lic. H. (Seminaroberlehrer zu Darmstadt), Ist
eine Neubelebung unserer evangelischen Kirche
möglich? und Warum ist gerade jetzt Gemeinde-
arbeit notwendig? Darmstadt 1911, Wartburg-Buch-
handlung (35 S. gr. 8). 50 Pf.
Die Organisierung der parochialen Gemeinde zu wirklicher
Arbeit, der Matthes in dem an zweiter Stelle genannten, der
Konferenz für Gemeindearbeit dargebrachten Schriftchen sach-
kundige und anregende Worte leiht, erfährt in dem Buche von
Schoell eine umfängliche, durch wertvolle Literaturangaben ge-
stützte Darstellung, die sowohl vom Standpunkt der Wissen-
schaft als eine Ergänzung der üblichen „Praktischen Theologie"
wie im Interesse der kirchlichen Arbeit als eine wirklich
praktische Einführung in die einzelnen Aufgaben dankbar be-
grüsst werden muss. Der Verf. ist entschlossener Vertreter der
Volkskirche in ihrer laudeskirohlichen Gestalt, die er trotz ihrer
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